"Jesus' Son" Fuckhead! Fuckhead! Fuckhead!
Trampel, Penner, Vollidiot. Giftige Silben, höhnisch ins Gesicht gespuckt. Keiner, der sich dagegen nicht sofort wehren würde, keiner, bis auf: Fuckhead. Ein junger Kerl, dem einfach alles misslingt, und der sich stets in die seltsamsten Situationen fügt. Und Visionen hat er, sieht die unglaublichsten Dinge, spürt oft im voraus, was gleich passiert. Auch davon will er in "Jesus' Son" erzählen, allerdings mit dem langen Atem eines Menschen, dem Zeit nichts bedeutet, der sich nicht direkt von A nach B zu denken vermag. So driftet der Schlacks in weit ausholenden Schlenkern durch seine jüngste Vergangenheit, immer wieder abgelenkt von kosmisch komischen Episoden. "Jesus' Son" wird zum skurrilsten Roadmovie seit langem. Es beamt sich zurück in die siebziger Jahre und pflügt durch den mittleren Westen der USA, allerdings so plan- und grundlos, dass es sein Genre beinahe karikiert.
Willkommen also in Iowa. Eine öde Landschaft, viel zu groß für ihre Bewohner, die darin herumtaumeln wie Geistesgestörte auf einem Endlos-Trip. Und mittendrin eben jener Fuckhead, der sich außerirdisch schön und aufreizend unschuldig durch seine verschrobene Welt staunt. Billy Crudup spielt dieses Lamm mit Engelsgeduld und unglaublichem Charme. Er hat so viele Gesichter, und jedes will man sehen.
Zu Fuckhead wird sich Michelle (Samantha Morton) gesellen, er verfällt ihr mit Haut und Haar. Doch Michelle ist nicht nur schön und wild, sondern auch auf Heroin. Mit leuchtender Selbstverständlichkeit setzt sie sich schon zum Frühstück die Nadel, während im Hintergrund schräg fröhlich Country-Musik dudelt. Fuckhead sitzt daneben, ungerührt seine Cornflakes mampfend. Bald wird auch er an der Nadel hängen, sich mit schnellen Schüssen in andere Bahnen katapultieren und überirdische Fragen stellen: "Was ist, wenn Leben und Sterben ein und dasselbe sind? Wir haben zwei verschiedene Sachen daraus gemacht. Fühlen wir uns deshalb so verloren?" Erwartet Fuckhead darauf wirklich eine Antwort? Armer Irrer, blankes Wesen. Fuckhead wird jedoch nicht nur als Narr vorführt, "Jesus' Son" zeigt warmes Verständnis für den wirren Knaben, der gen Schluss clean und von neuem Mut beseelt, seinen Platz als Pfleger in einem Behindertenheim findet.
"Jesus' Son" basiert auf Kurzgeschichten von Denis Johnson, die 1992 in einem gleichnamigen Band erschienen. Wie kein Zweiter beamt sich der 1949 geborene Autor in die etwas andere Welt der Aussteiger und Sinnsucher Mit Ironie und Sympathie schildert er ihr Hadern mit Neurosen, Drogen und Autoritäten, wortgewaltig und uferlos. Schwierig. Doch die neuseeländische Regisseurin Alison Maclean hat dazu die richtigen Bilder und einen kongenialen Soundtrack gefunden - sie leuchten und sprechen den Slang von heute.
Sinnlich karges Ambiente, regennasse Straßen und frühes Tageslicht sind dabei noch die einfachsten Mittel, um Tod, Liebe, Abtreibung und Auferstehung zu inszenieren. Darüber hinaus unterteilt Maclean den knapp zweistündigen Stoff in zwölf Miniaturen mit Starbesetzung: Ob Dennis Hopper, Holly Hunter, Denis Leary oder der ewig zugedröhnte Jack Black - sie präsentieren sich und ihr Handicap in Bestform.
Von schlichten Titeln wie "Holiday I", "Notaufnahme" und "Dreckhochzeit" eingeleitet, hat jedes Kapitel seine Eigenheiten. Ist Fuckhead frustriert, high oder einfach nur panisch - Maclean kitzelt das Besondere seiner Stimmung mit kleinen technischen Tricks heraus. Flashs, Cut-Ups, Überbelichtung, eine kurzzeitig gesplittete Leinwand - mal umkreist eine Handkamera Fuckheads Liebestaumel, mal beschleunigen sich die Bilder einen kleinen Tick, passend zum Zucken in seinem Gesicht. Und manchmal stockt sogar die Zeit, driften Visionen durch die Realität. Dann schwebt eine Frau nackt durch eine leere Siedlung, und aus einem Freiluftkino wird ein Soldatenfriedhof. Einmal verfolgt Fuckhead einen Mann bis in einen Waschsalon. Einfach nur, weil der Kerl "glücklich" aussieht. Der Fremde zieht sein T-Shirt aus, plötzlich erstrahlt die Trommel einer Waschmaschine in rosafarbenem Licht. Und als Fuckhead völlig verzückt auf die nackte Brust des sich grimmig Nähernden starrt, leuchtet darauf ein heiliges Herz im Dornenkranz. Halleluja. Da steht Jesus. Mit dem Gesicht eines Gangsters. Rette sich wer kann.
USA 1999; Regie: Alison Maclean; Darsteller: Billy Crudup, Samantha Morton, Denis Leary, Dennis Hopper, Jack Black, Holly Hunter; Farbe, 35 mm, 110 Minuten.