"Joe Dreck" Furz in Flammen
Vokuhila - vorne kurz, hinten lang - hieß die Frisur, die gemeinsam mit Opel Manta und Tennissocken im Straßenschuh in den achtziger Jahren zu den Insignien des schlechten Geschmacks gehörte. Doch schon Ende der neunziger Jahre machte sich des Bildungsbürgers liebstes Feindbild selbständig: Couturiers schickten die Vokuhilas auf die Laufstege, der so genannte Proll-Chic wurde salonfähig und soziale Distinktion in Zeiten postmoderner Ironie noch um eine Haarlänge schwieriger.
Dennie Gordons Komödienklamauk spekuliert auf das an den Volten des Zeitgeists geschulte Wissen des Publikums, dass in jedem Feindbild auch ein Vorbild schlummert - je nach Mode und Medium, das sich seiner bedient. Joe Dreck (David Spade), der Held des gleichnamigen Films, ist eine buchstäbliche Witzfigur aus dem Katalog proletarischer Karikaturen: grotesker Haarschnitt, Auto mit Spoiler, derber Akzent und immer auf der Suche nach schlecht bezahlter Arbeit. Aber Joe will auch seine Eltern wieder finden, die ihn im zarten Alter von acht Jahren auf einem Parkplatz einfach sitzen ließen. Dies wird der Anfang einer Odyssee, die Joe schließlich ins Studio von Zander Kelly (Dennis Miller), einem Radio-DJ, führt. Der hört sich Joes Lebensgeschichte an - und mit ihm eine amerikanische Öffentlichkeit, die in dem Typ bald ihren genuinen Helden erkennt. Natürlich wartet ein Happy End auf den sympathischen Dreckskerl - mit allem, was dazu gehört: neue Freunde, neues Girl, neues Auto.
"White Trash" nennen die Amerikaner jene an der Armutsgrenze existierende Klasse, die vor allem in ländlichen strukturschwachen Regionen ums Überleben kämpft. Dass der Begriff längst zum Stilprinzip geworden ist, macht sich die von Comedy-Star Adam Sandler ("Happy Gilmore") co-produzierte Farce geschickt zunutze: Joe Dreck ist der Underdog, dessen geschmacklose Allüren an geheimste Bürgerwünsche rühren - vom dreist aufgemotzten Auto bis zur tumben Nostalgie ewig gestrigen Gitarrenrocks. Damit wird der kleine Mann zum großen Statthalter wenn nicht des Guten und Schönen, so doch wenigstens des Wahren - Geschmacklosigkeit als letztes, ironie-resistentes Refugium von Authentizität.
Die Inszenierung solch bodenständigen, auf Eigentlichkeit setzenden Gutmenschentums verläuft freilich über aggressiven Spott: "Joe Dreck" gehört in die Reihe kokett-obszöner Komödien, die seit den Erfolgen der Farrelly-Brüder ("Verrückt nach Mary", "Ich, beide & sie") mit Fäkalhumor und politischer Inkorrektheit Schule machen. Neu in dieser Hinsicht ist vielleicht nur, wie schnell das mittlerweile als Genre-Standard geltende Abfackeln von Körpergasen hier in Szene gesetzt wird: Bereits nach sechs Minuten geht der erste Furz in Flammen auf. Wem solche Art des Entertainments stinkt, der sei an das erwähnte moralische Potenzial des Films verwiesen. Denn immer noch gilt: Nur wer sich zuweilen die Hände schmutzig macht, bleibt sauber.
Joe Dreck (Original-Titel: Joe Dirt); Regie: Dennie Gordon; Buch: David Spade, Fred Wolf; Darsteller: David Spade, Dennis Miller, Brittany Daniel, Kid Rock, Christopher Walken. 93 Minuten.