"Joyride": Letzte Abfahrt Tod - DER SPIEGEL
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"Joyride" Letzte Abfahrt Tod

Sicherheitsgurte sind in "Joyride" zwecklos: In John Dahls geschickter Variation von Steven Spielbergs "Duell" wird für Paul Walker und Steve Zahn während der Autofahrt ein Scherz zum Schrecken ohne Fluchtpunkt.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Touristen ist es ein Traum, mit dem Auto das weite Land zu durchqueren zwischen der Ost- und Westküste, den pulsierenden Polen der Vereinigten Staaten. In Hollywood gilt die Provinz aber noch immer als Grauzone, wo Gefahren lauern wie in der Prärie zu Zeiten der Postkutsche ­ nur dass sich die Mythen heute auf den Highways fortsetzen, die schnurgerade die Einöde durchschneiden und bizarre Abgründe kreuzen.

In einer solchen Abgeschiedenheit hat Regisseur John Dahl auch seine ersten drei und besten Filme angesiedelt. Sie folgen raffiniert den Regeln des Film noir und erzählen von Männern, die aus blinder Liebe, Naivität oder Geilheit klassischen Femme fatales auf den Leim gehen. Val Kilmer folgt in "Kill Me Again" den Täuschungen von Joanne Whalley bis in die Wüste. Der Ort "Red Rock West" erweist sich für Nicolas Cage als labyrinthische Falle, in der Lara Flynn Boyle die Fäden zieht. Und "Die letzte Verführung" von Linda Fiorentino wird Peter Berg und Bill Pullman zum Verhängnis. Bei "Joyride ­ Spritztour" ist die Frau diesmal eine letale Imagination, mit der sich zwei Jungs in die Ausweglosigkeit manövrieren.

Lewis (Paul Walker) ist auf der Fahrt von Kalifornien nach Colorado, um seine Jugendliebe Venna (Leelee Sobieski) abzuholen für einige romantische Tage in New Jersey. Unterwegs muss er sich aber noch um seinen Bruder Fuller (Steve Zahn) kümmern, dessen Dummheiten ihn mal wieder in den Knast gebracht haben. Er nimmt den kindsköpfigen Schwätzer mit, der sich bald langweilt und in Lewis' Wagen ein CB-Funkgerät einbauen lässt, über dass er mit den Truckern blödelt. Und dieser Menschenschlag, das weiß jeder, versteht wenig Spaß.

Dennoch lässt sich Lewis widerwillig von Fuller dazu anstiften, mit verstellter Piepsstimme ein Flittchen zu imitieren, das ein wenig Gesellschaft sucht. Von irgendwo her meldet sich schließlich eine tiefe Stimme. Der Mann nennt sich Rusty Nail und hat ein heißes Interesse an einem Date. Und als Fuller am Abend in einem Motel rüde von einem Mann angerempelt wird, verknüpft er seine Wut darüber und den Streich mit dem Trucker zu eine fatalen Idee: Er bestellt Rusty Nail zu jenem Zimmer, in dem der ungehobelte Typ pennt.

Am nächsten Morgen stehen die Cops vor der Tür: Der Gast, dem Fuller aus Rache nur einen Schrecken einjagen wollte, wurde halb tot geprügelt. Nun sind die Brüder erschrocken, fühlen sich durch die Anonymität des Funkgerätes jedoch sicher. Bis sich Rusty Nail wieder meldet und ihnen empfiehlt, doch mal nach hinten zu schauen ­ und sie einen monströsen schwarzen Truck erblicken, der fast schon an ihrer Stoßstange klebt.

Regisseur John Dahl baut die Spannung für seinen Straßenschocker langsam auf, die er dann brachial entlädt, wieder entspannt und schließlich zu einer perfiden Treibjagd steigert. Der Plot ist eine Variation von Steven Spielbergs Debütfilm "Duell", bei dem ein Vertreter in seinem Auto von einem Truck gejagt wird. Während jener aber versucht, den mysteriösen Fahrer zu enttarnen, fühlen sich die Brüder panisch von jedem grimmig dreinschauenden Trucker bedroht. Das sonst selbstverständliche, neutrale Rauschen des Funkgerätes wirkt mit der Zeit wie ein Geräusch aus der Hölle, die roten Signallämpchen an der Frequenzanzeige blinken bei jedem Kontakt charakteristisch für den unbekannten Verfolger.

Lewis und Fuller rasen über Feldwege und durch Maisfelder, stoppen an Tankstellen und Rastplätzen ­ und nirgends ein Fluchtpunkt. Jede Abfahrt erweist sich als Sackgasse, während der Truck stur geradeaus brettert. Zwar wird bei den vielen Kurven auch manchmal die Logik überrollt, dennoch spielt Dahl geschickt genug mit dem Horror, den ein Truck ja in jedem schon bei einer normalen Autofahrt auslösen kann. Und hier helfen nicht mal Sicherheitsgurte.

"Joyride ­ Spritztour", USA 2001. Regie: John Dahl; Drehbuch: Clay Tarver, Jeffrey Abrams; Darsteller: Paul Walker, Steve Zahn, LeeLee Sobieski, Jessica Bowman, Brian Leckner; Länge: 90 Minuten; Verleih: Fox; Start. 27. Dezember 2001.