Chris Pratt: Hollywoods neuer Mann für Blockbuster
"Jurassic World"-Star Chris Pratt Der Herr der Dinosaurier
Chris Pratt, Jahrgang 1979, hat eine der überraschendsten Hollywood-Karrieren der jüngeren Zeit hingelegt. Jahrelang war er nur als liebenswerter und ziemlich pummeliger Trottel Andy Dwyer aus der NBC-Comedy "Parks and Recreation" mit Amy Poehler bekannt. 2014 wirkte er dann in gleich zwei Blockbustern mit: Er spielte die Hauptrolle in "Guardians of the Galaxy" und sprach die Hauptfigur in "The Lego Movie". Zurzeit ist er als Dinosaurier-Trainer in "Jurassic World" zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Pratt, Sie haben gesagt, dass "Jurassic Park" als Kind Ihr "Star Wars" gewesen sei. Was meinen Sie damit?
Pratt: Für "Star Wars" standen die Leute ganze Häuserzeilen lang Schlange, um ins Kino zu kommen - das war ein echter Einschnitt. Zu der Zeit war ich aber noch zu jung, ich habe "Star Wars" erst später im Fernsehen gesehen. Bei "Jurassic Park" war ich dann alt genug, um die Aufregung hautnah mitzuerleben. Ich hatte den Trailer gesehen und konnte es nicht abwarten, den Film im Kino zu sehen. "Jurassic Park" war der wichtigste Blockbuster meiner Generation.
SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch, mit welchen Gefühlen Sie aus dem Kino gekommen sind? Angst? Ehrfurcht?
Pratt: Ich war eher von der wissenschaftlichen Ausgangssituation fasziniert - es erschien mir total plausibel, dass man beim jetzigen Stand der Wissenschaft Dinosaurier wiederauferstehen lassen könnte. Das war ja das Geheimnis von "Jurassic Park": Ein kleines bisschen wissenschaftliche Fakten kombiniert mit viel Fantasie hat diese großartige Geschichte ergeben.
SPIEGEL ONLINE: Die Geschichte von "Jurassic Park" erschien nach drei Teilen auserzählt zu sein. Was fügt Ihrer Ansicht nach der neueste Teil der Reihe hinzu?
Pratt: In den ersten Teilen wurden die Dinosaurier zum Leben erweckt, in "Jurassic World" ist der Traum von John Hammond, die Figur, die Richard Attenborough in den ersten Filmen spielte, in Erfüllung gegangen: Sein Park ist eröffnet, und aus der ganzen Welt strömen die Menschen herbei. Was aber auch noch anders ist: Wenn man die ersten Filme zur Grundlage nimmt, leben seit 22 Jahren wieder Dinosaurier auf der Erde. Jeder, der jünger als 22 Jahre alt ist, hat also nie in einer Welt ohne Dinosaurier gelebt. Insofern hat sich die Gesellschaft, in der unser Film spielt, stark verändert: Die Kids sind nicht mehr davon beeindruckt, dass es überhaupt Dinosaurier gibt - deshalb müssen sich die Parkbetreiber immer neue Attraktionen einfallen lassen.
"Jurassic"-Fortsetzung: Maul auf!
SPIEGEL ONLINE: Das alles gilt ja übertragen auch für Ihren Film und Ihr Publikum: Wir sind seit 22 Jahren daran gewöhnt, dass dank Computeranimationen Dinosaurier durchs Kino trampeln und Avengers die Welt retten. "Jurassic World" erscheint dagegen mit seinen Schwerpunkten auf Natur und Familie fast schon old school.
Pratt: Klar, wir knüpfen an die alten Filme an und gönnen uns einen bewusst langsameren Einstieg, damit sich die Geschichte entwickeln kann. Genauso wie die Parkbetreiber im Film müssen wir aber auch mit dem neuen Film eine neue Generation an Zuschauern einfangen und ihnen etwas Größeres, Schrecklicheres, Beeindruckenderes bieten, als sie bislang kennen. Die Parkbetreiber lassen deshalb einen Hybrid-Dinosaurier im Labor entwickeln, der noch furchteinflößender ist als der Tyrannosaurus Rex. Unser Film ist hoffentlich im Vergleich dazu die bessere Idee, wie man die Kids begeistern kann.
SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren haben Sie sich vom Comedian zum Star von gleich zwei Blockbuster-Reihen entwickelt. Was heißt es heute, leading man in einem Blockbuster zu sein? Fühlt man noch den Druck, einen ganzen Film zu tragen, wenn die eigentlichen Attraktionen animierte Dinosaurier oder sprechende Bäume sind?
Pratt: Womöglich bin ich naiv oder ignorant, oder eine hübsche Kombination aus beidem - aber ich habe nie den Druck gespürt, einen Film tragen zu müssen. Weder bei diesem Film noch bei "Guardians of the Galaxy". Bei Filmen wie diesen liegt der Druck auf den Filmemachern. Ich bin ein Teil der Produktion und ein nicht zu kleiner - ich kann beeinflussen, welche Hintergrundgeschichte meine Figur hat, wie sie redet, wie sie mit den Tieren interagiert. Aber das dient nur dazu, die Vision des Regisseurs umzusetzen. Ich bin nur das Instrument von ihm.
SPIEGEL ONLINE: Michael Schur, einer der Schöpfer und Produzenten von "Parks and Recreation", hat Sie für ihre Improvisation am Set gelobt. Von diesem Talent können Sie bei Blockbustern wohl kaum etwas einsetzen, oder?
Pratt: Doch, das ist nach wie vor Teil meiner Arbeit. Aber ich improvisiere jetzt nicht mehr Handlungsstränge oder Pointen, sondern den Hintergrund meiner Figur. Was im Drehbuch steht, behandele ich nicht wie ein Theaterstück, bei dem der Autor der Herr ist, und man es genau so sagen muss, wie es geschrieben steht. Wenn der Regisseur von mir will, dass die Drehbuchzeilen natürlich und glaubwürdig klingen, dann variiere ich sie nach meinem eigenen Dafürhalten. Das ist eine Fähigkeit, die Teil von Comedy und Improvisation ist, aber auch dazugehört, wenn man natürlich spielen will.
Sehen Sie hier ein Mash-up aus Pratts Rollen in "Jurassic World" und "Parks and Recreation":
SPIEGEL ONLINE: Deshalb fühlen Sie sich auch nicht in Ihrer kreativen Freiheit eingeschränkt, wenn Sie Blockbuster drehen?
Pratt: Absolut, bei diesem Film hatte ich das Gefühl, mich stark kreativ einbringen zu können. Ich habe viele Recherchen für diese Rolle betrieben und mich mit Leuten getroffen, die mit Tigern, Bären und Löwen arbeiten, mit Vogelzüchtern, überhaupt mit Leuten, die Tiere trainieren. Sie habe ich ganz konkret gefragt, wie sie mit tödlichen Raptoren umgehen würden. Aus diesen Gesprächen habe ich viel gelernt.
SPIEGEL ONLINE: Hm, wie muss ich mir das vorstellen - Sie laufen durch die Straßen und können spontan Tiere unter Ihre Kontrolle bringen?
Pratt: Haha, tatsächlich habe ich ein paar nützliche Dinge gelernt, die auch bei Menschen funktionieren.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Pratt: Sie müssen mit dem Finger auf jemanden zeigen und Augenkontakt herstellen. Sobald der andere Sie bemerkt, müssen Sie wegschauen.
SPIEGEL ONLINE: Und das ist wozu nützlich?
Pratt: So trainiert man zum Beispiel Pferde. Wenn du den Augenkontakt herstellst und ihn dann abbrichst, gibt dir das die Kontrolle über die Situation. Das wende ich natürlich auch bei Personen an, zum Beispiel an meinem Sohn.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich vor Beginn der PR-Tour für den Film schon mal vorbeugend für alles entschuldigt, was Sie möglicherweise an Quatsch sagen. Schon was passiert, für das Sie sich glücklicherweise schon entschuldigt haben?
Pratt: Nein, gar nichts. Anscheinend bin ich ziemlich gut darin geworden, mich nicht mehr um Kopf und Kragen zu reden.
Sehen Sie hier unsere Videorezension von "Jurassic World":