"Kanak Attack": Voll unzurechnungsfähig - DER SPIEGEL
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"Kanak Attack" Voll unzurechnungsfähig

Junge Wilde zwischen Mackertum und Sensibilität: Lars Becker verfilmte Feridun Zaimoglus Roman "Abschaum" und schuf eine tragikomische Gangsterballade aus dem deutschen Alltag.
Von Oliver Hüttmann
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Das Buch ist wie ein Tritt in die Eier. Aufgeschrieben vom Autor Feridun Zaimoglu, schildert in "Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun" ein 25-jähriger Deutschtürke aus Kiel in 13 Episoden sein verkrachtes Leben zwischen Drogen, Nutten und Gewalt. Er labert ein wüstes, urbanes Kauderwelsch aus Türkisch und Deutsch, angereichert mit pathetisch-orientalischem Sprachkitsch, Fäkalausdrücken und virilen Zungenschlägen. Kanak Sprak wird der hybride Straßenjargon genannt und erinnert im rhythmischen Stakkato an den Duktus des Rap und drückt vor allem Zerrissenheit, Trotz, Selbsthass und verzweifelten Stolz aus. "Ich bin", sagt Ertan Ongun, "der Kanake, vor dem ihr Deutschen immer gewarnt habt."

Wie immer man sich ihn auch vorstellt - nun hat Ertan Ongun ein Gesicht: In Lars Beckers Verfilmung "Kanak Attack" wird er dargestellt von dem Kölner Luk Piyes, einem athletischen Schönling mit federndem Gang und charismatischem Blick. Er wurde 1995 zum "Gesicht des Jahres" gekürt und gilt der "Bravo" als "deutscher Brad Pitt". Piyes könnte tatsächlich zum ersten deutsch-türkischen Kinostar werden, wenn der Film vom Publikum so angenommen wird, wie er in erster Linie gedacht ist: als Comic-Strip zwischen "Trainspotting" und "Lola rennt", mit visuellen Gimmicks, grotesk-lakonischem Humor und HipHop-Songs.

Am Anfang seines postmodernen Pop-Dramas verweist Becker jedoch auf einen alten Meister. Wenn der schmierige Polizist Lorant (Andreas Hoppe) die Personalangaben und Straftaten von Ertan und seiner Gang protokolliert, ist das eine gelungene Hommage an Jean-Luc Godards melancholische Krimi-Komödie "Die Außenseiterbande" von 1964. Und nicht nur das: Becker arbeitet ebenfalls, wenn auch manchmal etwas ungelenk und aufgesetzt, mit Zeitraffer, Speed-Zoom, abrupt eingefrorenen Bildern und so genannten "jump cuts" ­ die als Stilmittel allerdings längst zum Repertoire vieler Regisseure gehören. Und die Trostlosigkeit der Pariser Banlieue von damals ist in "Kanak Attack" nun die Tristesse der Kieler Billard-Cafés, Hafenstraßen und Sozialbau-Siedlungen.

Dort hängt Ertan meist mit seinem Kumpel Kemal (David Scheller) ab. Sie haben keinen Job, suchen das schnelle Geld und wollen daher im Drogenrausch mal eben so eine Spielhalle auf der anderen Straßenseite ausrauben. Später verpatzen sie auch den Überfall auf ein Fast-Food-Restaurant und landen beim Versuch, mit Stoff aus Istanbul einen Drogenhandel im großen Rahmen aufzuziehen, schließlich im Knast. Ertan ist ein Verlierer. Aber einer mit Haltung. So lässt er sich von dem kurdischen Puffbesitzer Attila (Ercan Durmaz) und dessen albanischen Kompagnon Zlatko (Murat Yilmaz) lieber verprügeln, statt klein beizugeben, und verlangt auf dem Revier einen Urintest, damit ihm der Bulle herunterbetet, welche Drogen er eingeworfen hat: Marihuana, Speed, Koks, Heroin... "Geil", antwortet Ertan. "Voll unzurechnungsfähig."

Die Episodenhaftigkeit des Romans wurde beibehalten, einige Erlebnisse aber neu arrangiert und so zu einem dramaturgischen Bogen gespannt. Die erschütternde Direktheit des Romans mochten und vermochten Becker und Zaimoglu zwar nicht auf den Film übertragen, dennoch sprechen noch genügend Szenen aus Ertans Seele. Etwa wenn die Familie seinen Bruder (Ralf Herforth) in der Psychiatrie besucht und Ertan plötzlich das beschwichtigende Geschwätz der Verwandtschaft unterbricht. "Du bist kein Spacken. Du bist krank. Dich kotzen irgendwelche Sachen an, die hast du in dich reingefressen", sagt Ertan und spricht damit auch für sich selbst. "Guck mal, ich bin drogensüchtig und kriminell. Du kannst deine Krankheit nicht besiegen. Du musst sie akzeptieren, um klar zu kommen." Dann zündet Ertan ihm eine Zigarette an.

Luk Piyes ist großartig, wie er im Ledermantel den jungen Wilden zwischen Mackertum und Sensibilität, mit Rückgrat und Leidenschaft gibt. Wo der echte Ertan Ongun weniger zur Identifikationsfigur taugt, wächst er durch Piyes zum Prediger der Deutschländer-Generation. "Wir sind allesamt Kanaken", erklärt er einmal mit Inbrunst. "Unser Schweiß ist Kanake, unsere Goldketten sind Kanake, unser Leben ist Kanake. Unser ganzer eigener Stil ist Kanake." Und der Film führt mit Vergnügen viele Facetten der Türken-Typologie auf: Von Ertans Vater, der als Besitzer zweier Dönerbuden mit Hut und schlechtem Deutsch schon dem hiesigen Spießer ähnelt, über einen anatolischen Drogenhändler in geschmacksverirrter Garderobe bis zum hartgesottenen Kemal, der lakonisch über Einschusslöcher und den Schmerz durch erkaltete Pistolenkugeln fachsimpelt.

"Kanak Attack". Deutschland 2000. Regie: Lars Becker; Drehbuch: Lars Becker, Feridun Zaimoglu, Bernhard Wutka; Darsteller: Luk Piyes, David Scheller; Tyron Ricketts, Oezlem Cetin, Benno Fürmann; Länge: 85 Minuten; Verleih: Concorde; Start: 16. November 2000

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