"Killing Me Softly": Obsessionen ohne Macht - DER SPIEGEL
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"Killing Me Softly" Obsessionen ohne Macht

Hoch hinaus wollte der chinesische Regisseur Chen Kaige mit einem Erotik-Thriller um einen Bergsteiger und eine Designerin. Heraus kam ein böser Absturz in Klischees und Küchenpsychologie.
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Am Anfang die wogenden Körper, Joseph Fiennes und Heather Graham beim Liebesspiel, einen Höhepunkt erklimmend ebenso wie die im Anschluss gezeigten Bergsteiger, höher und höher kletternd, um dann abzustürzen. Ganz klar: Es geht um Extreme - extreme Höhen und Tiefen, emotionale, physische, um Belastbarkeiten, auch die des Zuschauers, der einem 100-minütigen Absturz beiwohnen darf.

Tiefer kann ein Regisseur kaum fallen als Chen Kaige ("Lebewohl, meine Konkubine") mit "Killing Me Softly". Eine elegant inszenierte Studie über Gewalt und Liebe sollte es wohl werden - und eine stilistische Referenz an Hitchcock. Breit orchestrierte Filmmusik, elegante Kameraschwenks und die Lust, schöne Frauen aus der lichten Alltagswelt ins Dunkel unheimlicher Mächte zu stoßen, erinnern an den Großmeister des Suspense. Doch was als raffiniertes Spiel mit Andeutungen und Erwartungen beginnt, verkommt schnell zum Wirrwarr aus Action und Küchenpsychologie.

Die Helden in diesem waghalsigen Unternehmen sind Alice (Graham) und Adam (Fiennes). Alice ist Amerikanerin, arbeitet in einem Designbüro in London und führt das uninspirierte Leben einer kreativen Bürokratin. Ein bisschen Gestaltung am Tage, abends lustfreie Paar-Routinen mit Freund Jake (Jason Hughes), einem selbstgenügsamen Jedermann. Adam hingegen ist Bergsteiger und Buchautor, ein Medienstar mit viel sportlichem Ehrgeiz und noch mehr Sex-Appeal. Wen wundert's, dass Alice ihren Pantoffelhelden bald sitzen lässt, um mit Adam die Höhen der Leidenschaft zu erobern?

Doch genauso schnell geht's wieder abwärts: Adam hat ein Geheimnis, Alice erhält anonyme Briefe. Und schon werden die gegenwartsverliebten, sinnenfrohen Liebenden von der Vergangenheit eingeholt: bei einer Kletter-Tour verlor Adam sein ganzes Team, dabei war auch die damalige Geliebte. Zufall oder heimtückisch geplanter Mord? Zusammen mit Alice soll auch der Zuschauer tief hinunter in die Abgründe aus Argwohn und Angst, Hingabe und Paranoia stürzen. Welche Rolle spielt Deborah (Natascha McElhone), Adams Schwester und ebenfalls begnadete Bergsteigerin? Ist sie Freundin oder Feindin, Mörderin oder Opfer einer geschickt eingefädelten Intrige?

Die Antworten überrollen uns schließlich wie eine Schneelawine, doch da ist alles Interesse an den Figuren eh schon erkaltet. Ob Alices Ängste nur die Projektionen einer wahnsinnig Verliebten sind oder erste Anzeichen tödlicher Gefahr; ob Adams Verschlossenheit lediglich Zeichen lasziver Männlichkeit ist oder Indiz für lauernde Gemeinheit, will niemand mehr wissen, der eine Stunde lang durchs nervige Hin und Her einer Story gejagt wurde, die kein Motiv wirklich ernst nimmt, keine Anspielung konsequent verschärft, keinen Handlungsfaden bis zum Ende ausspinnt.

Die eigentliche Frage jedoch, die hinter "Killing Me Softly" steht, ist eine anspruchsvolle, und das Kino stellt sie in variierter Form immer wieder: Inwiefern kann man den Körper und seinen Gelüsten trauen, wie weit sind Lust und Wahrheit, Begehren und Erkenntnis verbunden? Denn das treibt die jüngste Gegenwart ja beharrlich um: Ob in einer Zeit zunehmender Verflüchtigung der Lebensverhältnisse, ihrer Zerstreuung in mediale Strukturen, in Bits und Bytes, der Körper nicht letztes Refugium von Selbstgewissheit und Authentizität sein könnte. Dies ist auch das große Versprechen, das Alice lockt: dass die große Liebe sich jenseits aller Vermittlung buchstäblich hautnah erleben lässt. Welch eine Enttäuschung, was für ein Absturz.

"Killing Me Softly". USA 2001. Regie: Chen Kaige; Buch: Kara Lindstrom nach dem Roman von Sean French; Darsteller: Heather Graham, Joseph Fiennes, Natasha McElhone, Jason Hughes; Produktion: The Montecito Picture Company; Verleih: Constantin; Länge: 100 Minuten; Start: 9. Januar 2002