Kino in der Krise: Friss, oder wir sterben! - DER SPIEGEL
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Kino in der Krise Friss, oder wir sterben!

Die Berlinale ist ein Paradies der Ruhe für Cineasten. Der Verkauf von Snacks ist untersagt, kein Knabbern, Schmatzen und Schlürfen stört den Filmgenuss. Viele Zuschauer wünschen sich diese himmlischen Zustände das ganze Jahr über. Für die Kinos wäre das Fressverbot allerdings der sichere Tod.
Von Marco Dettweiler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Seit zwei Jahren kämpfen sich die deutschen Kinobetreiber durch die Krise, ein Ende ist nicht absehbar. Die neuesten Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) bestätigen den Abwärtstrend. 2003 gingen nur noch 149 Millionen Menschen ins Kino. Das sind im Vergleich zum Vorjahr neun Prozent weniger Besucher. Die Folgen für die Kinobetreiber sind klar: Wenn immer weniger Leute ins Kino gehen, dann werden weniger Eintrittskarten verkauft. Das bedeutet Umsatzeinbußen.

"Geld verdienen im Kino ist gar nicht so leicht", sagt Cinemaxx-Pressesprecher Arne Schmidt. An den Kartenpreisen können und wollen die Betreiber nicht rütteln, weil die Schmerzgrenze der Zuschauer bereits erreicht ist - obwohl in den letzten fünf Jahren die Tickets bundesweit nur um winzige 20 Cent teurer geworden sind. Die ökonomisch schwierige Lage spitzt sich weiter zu, weil die US-Verleiher höhere Mieten für ihre Filmrollen kassieren.

United International Pictures (UIP) wollte letztes Jahr den Leihmietensatz auf 55 Prozent erhöhen. Das ist der Anteil, den die Kinos pro verkaufter Eintrittskarte an den Verleiher abführen müssen. Mit der Comic-Verfilmung "Hulk" sollte die Preiserhöhung losgehen. Doch nicht nur der Filmheld, sondern auch viele Kinobetreiber wurden grün vor Wut und nahmen den Film nicht ins Programm. UIP gab ein wenig nach, Betreiber und Verleiher einigten sich auf einen niedrigeren Leihmietensatz für Spitzenfilme von 53,5 Prozent. Für die Kinos ein zwiespältiger Kompromiss, denn der Leihmietensatz lag nun deutlich höher als vor dem "Hulk"-Boykott.

Umso wichtiger werden die Nebeneinkünfte durch den Verkauf von Popcorn, Snacks und Getränken. Die Kinobetreiber setzen seit einigen Jahren verstärkt auf die Fress- und Trinklaune der Deutschen. Das macht für viele Zuschauer das Filmerlebnis zur Hölle. Sie werden mit Knabber-, Schmatz- und Schlürfgeräuschen gequält.

Die Berlinale, die gestern Abend begann, bleibt in dieser Hinsicht ein Paradies, weil die Veranstalter das Geld aus dem Popcornverkauf nicht brauchen. Deshalb hat sie auch eine Freizone für lärmgeplagte Cineasten geschaffen. Seit einigen Jahren untersagt die Leitung den Festivalkinos den Verkauf von Popcorn, Gummisnacks und Nachos. Aus gutem Grund: "Es riecht, raschelt, macht Schmutz und ist auch noch ungesund", begründet Berlinale-Pressesprecherin Frauke Greiner die eingeschränkten Verkaufsrechte der Festivalkinos.

Den Lärmschutz durch Dickmacherverbot können sich die Kinobetreiber ansonsten jedoch nicht leisten. "Ohne den Gastronomiebereich könnten wir nicht überleben", klagt Cinemaxx-Sprecher Schmidt. Seiner dramatisch klingenden Aussage folgen bloße Zahlen: In den vergangenen beiden Jahren waren bis zu 21,7 Prozent des Umsatzes der Cinemaxx AG Gastronomieerlöse, Tendenz steigend. Also nimmt die zweitgrößte, deutsche Multiplexkette mit Popcorn, Erfrischungsgetränken und Süßwaren immerhin über ein Fünftel des Jahresumsatzes ein.

Der Hauptumsatz wird zwar nach wie vor mit Karteneinnahmen gemacht. Doch es bleibt hiervon im Vergleich zum Gastronomiebereich weniger Gewinn übrig. Von durchschnittlich sechs Euro pro Ticket fließen alleine über drei Euro an die Verleiher. Eine Tüte Popcorn für 3 Euro hingegen hat nur Produktionskosten von wenigen Cent: Der Umsatz entspricht fast dem Gewinn.

Der Lübecker Kinokette Kieft & Kieft mit seinen Cinestar-Multiplexen geht es nicht anders. Der Marktführer veröffentlicht allerdings keine Zahlen über seine Gastronomieerlöse. "Wir wollen das nicht", sagt Cinestar-Pressesprecher Jan Österlin. "Aber der Confectionbereich ist sehr wichtig". Die Kartenerlöse seien zwar nach wie vor der Hauptumsatz, "aber der Nebenumsatz mit Gastronomieprodukten nimmt an Bedeutung zu". Für ihn gehört Popcorn knabbern und Cola schlürfen allerdings zum Kinoereignis wie der Film selbst. Aus notwendiger Ökonomie wird da schnell Phänomenologie: "Kino ist auch ein gastronomisches Erlebnis", sagt Österlin.

Doch was nützen die Zusatzeinnahmen durch Chips, Cola und Erdnüsse, wenn immer mehr Zuschauer den Gang ins Kino scheuen? Im letzten Jahr hatten sowohl die Kinobetreiber als auch die Besucher mit der Sommerhitze zu kämpfen. Viele schauten sich lieber im Biergarten nach Kühlem um als im Kino einen Film an. Und Eis gab es dort auch. Den speziellen Service aus den Multiplexen allerdings nicht: "Möchte noch jemand ein Eis?" Nett gemeint, aber viele Zuschauer fühlen sich vom Eisverkäufer zwischen Werbeblock und Filmbeginn genervt. Auch im Sommer.

Cinestar-Sprecher Österlin behauptet hingegen, der Eisverkäufer sei beliebt. "Gerade älteres Publikum nimmt das gerne wahr." Der Klassiker "Eis-Konfekt" verkaufe sich am besten. Österlin und Langnese können sich freuen: Die FFA hat in ihrem aktuellen Jahresbericht festgestellt, dass das Kinopublikum immer älter wird.

Die Hitze kommt nächsten Sommer eventuell nicht wieder. Aber all die anderen Probleme werden bleiben und wachsen. Beispiel Filmpiraterie: Laut einer FFA-Studie brennen über fünf Millionen Deutsche illegal pro Jahr mindestens einen Film. DVD- und CD-Brenner sind mittlerweile unter 100 Euro zu haben. Auch DVD-Recorder werden bereits günstiger.

Filmfans gucken ihre bevorzugten Filme immer häufiger zu Hause, weil es bequemer, billiger und ruhiger ist. Hinzu kommt: Die so genannten "Event-Movies" aus Hollywood, die normalerweise Garant für hohe Besucherzahlen sind, bringen nicht mehr die erwarteten Zuschauermassen. Action-Sequels wie "Tomb Raider 2", "Terminator 3", "Charlie's Angels 2" und "Bad Boys 2" floppten im vergangenen Jahr allesamt und brachten nur sehr mäßige Einspielergebnisse. Nur wenige Ausnahmen wie "Fluch der Karibik" oder "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" brachen diesen Trend.

Nach Abschluss der Berlinale am 15. Februar werden Cinemaxx, Cinestar, Royal Palast, Zoopalast und die anderen Festivalkinos wieder ihr Popcorn, ihre Cola-Becher und Nachos verkaufen. Die einen werden sich dann wieder über ihren Sitznachbar ärgern. Die anderen werden sich freuen, wieder voll in die Tüte greifen zu können. Anfang des Jahres wurde für einen 18-jährigen Prenzlauer seine Popcornlust im Kino allerdings zum Verhängnis: Er verschluckte sich und erstickte noch auf seinem Kinosessel.