Kinodrama "Wackersdorf": Aufstand der Braven - DER SPIEGEL
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Film über Anti-Atomkraft-Protest Aufstand der Braven

Als ein kleiner Landrat einen großen Bürgerprotest mit anzettelte: "Wackersdorf" erzählt vom Protest gegen die erste kommerzielle atomare Wiederaufarbeitungsanlage - ein Heldenfilm aus der Oberpfalz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Graubraune Hügel, ewig Dunst. Die Oberpfalz ist Anfang der Achtziger kein schöner Ort, wie wohl jede Gegend, die von der Braunkohle lebt. Doch irgendwann gibt es keine Kohle mehr und damit auch keine Arbeit, und dann wird es richtig hässlich. Der Landkreis Schwandorf bricht mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent alle Rekorde der Bundesrepublik, die Gemeinde Wackersdorf steht vor dem Kollaps. Die Menschen blicken auf ihren Landrat. Tu was, sagen sie. Aber was soll er tun, außer auf ein Wunder hoffen?

Tatsächlich klopft das Wunder bald an seine Tür. Ein Mann von der DWK ist da, der Deutschen Gesellschaft für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen. Er möchte eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf aufstellen, supersauber, supersicher, lauter weiße Kittel, nie wieder Rußgesichter, mindestens 3000 Arbeitsplätze. Wow.

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"Wackersdorf": Fast wie im Bürgerkrieg

Foto: Alamode

Doch wie wird man so ein Wunder wieder los? Noch dazu, wenn es die bayerische Staatsregierung verordnet hat?

Die Geschichte vom Scheitern der Wackersdorfer WAA ist so oft erzählt worden, dass man sich fragt, warum erst jetzt ein Spielfilm daraus geworden ist. Alle, die in den Achtzigern den Fernseher eingeschaltet haben, kennen die Bilder: die Protestcamps zwischen den Bäumen, wie heute im Hambacher Forst, die den Wald vor der Rodung beschützen wollten. Die Menschenmassen sonntags am Bauzaun, bis zu 100.000 Demonstranten gegen 10.000 Polizisten. Die Hubschrauber, die Wasserwerfer, die Tränengaswolken. Verletzte, Tote, Ausnahmezustand, fast zehn Jahre lang.

"Wackersdorf" von Oliver Haffner erzählt diese große Geschichte als Heldengeschichte im Kleinen, aus der Sicht des damaligen SPD-Landrats Hans Schuierer (Johannes Zeiler). Am Anfang taumelt dieser Mann durch seine Welt aus Gemeindehausversammlungen, verqualmten Büros und schweigsamen Familienessen. Und er weiß nicht, wie er sie retten soll.

Edel, einsam, ehrenwert

Seine Freunde, Nachbarn und Wähler suchen verzweifelt eine Perspektive. Aber eine Atomfabrik mitten in seinem Landkreis, mit einem 200 Meter hohen Schornstein - damit sich die radioaktiven Schadstoffe besser verteilen - das kann Schuierer nicht genehmigen. Auch wenn das heißt, dass Freunde, Nachbarn und Wähler bald nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen.


"Wackersdorf"
Deutschland 2018
Regie:
Oliver Haffner
Drehbuch: Oliver Haffner, Gernot Krää
Darsteller: Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm
Verleih: Alamode Film
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 20. September 2018


Der Bürgermeister, ein alter Freund und SPD-Kollege, bricht mit ihm; sein Sohn wird aus der Fußballmannschaft geschmissen. Aber für jeden, der sich abwendet, erklären ihn Hundert andere zum Helden. Die Widerstandsbewegung wächst, ausgerechnet in der stillen, braven Oberpfalz. Und ein Mann wie Schuierer ist ihr perfekter Anführer.

Gleichzeitig wird er belagert von schmierigen Atomlobbyisten und von feisten CSU-Granden, die ihn erst bei Weißwurst in Petersiliensud einlullen wollen und ihm später unverhohlen mit dem Karriereende drohen. So wie die Bösewichte in "Wackersdorf" fast schon als Cartoon-Schurken gezeichnet werden, ist der einsame Held auch ein bisschen zu edel und ehrenwert.

Wie im Bürgerkrieg

Haffner lässt aus, dass Schuierers Stellvertreter Dietmar Zierer genauso vehement gegen die WAA gekämpft hat; dass Zierer die Baugenehmigung verweigert hat, als Schuierer im Krankenhaus lag. Außerdem ist der Landrat oft auf Demos aufgetreten, aber Strategiegespräche mit den Bürgerinitiativen gab es nie. Tatsächlich hat Schuierer eine Menge Umweltaktivisten gegen sich aufgebracht, als er zur selben Zeit eine monströse Müllverbrennungsanlage genehmigte.

Auch wenn der Film vielleicht nicht die ganze Wahrheit zeigt, verdreht er nie die Tatsachen und erzählt seine aufgeladene Geschichte mit bewundernswerter Zurückhaltung. Statt die Gewalt am Bauzaun zum Kinospektakel hochzuinszenieren, streut Haffner immer wieder echte Filmaufnahmen ein, die einen in ihrer Bürgerkriegsähnlichkeit heute genauso sprachlos zurücklassen wie damals.

Der Film endet im April 1986, als die Katastrophe von Tschernobyl das Aus der Wackersdorfer WAA ankündigt, drei Jahre vor dem offiziellen Baustopp. Wo die Anlage stehen sollte, haben sich andere Firmen angesiedelt und mit klassischer Industrie Tausende Arbeitsplätze in die Oberpfalz gebracht, die Braunkohlegruben sind zu Badeseen geworden. Es kam dann doch noch, das Wunder.

Im Video: Der Trailer zu "Wackersdorf"