Kinofilm "Der Kick" Dünne Decke der Zivilisation
Im Juli 2002 wurde der 16-jährige Marinus Schöberl von drei befreundeten Jugendlichen betrunken gemacht, stundenlang gefoltert und schließlich mit einem so genannten Bordsteinkick ermordet. Wie der funktioniert, hatten die Täter in dem Film "American History X" gesehen. Dort spielt der Schauspieler Edward Norton einen Neonazi, der sein Opfer zwingt, in eine Bordsteinkante zu beißen, um ihn anschließend mit einem Sprung auf den Hinterkopf zu töten. Die Jugendlichen machten aus der grausamen Fiktion Wirklichkeit: Sie ließen ihr halb bewusstloses Opfer in die Kante eines Futtertrogs beißen. Den weiteren Hergang der Tat gab der damals 17-jährige Marcel S. wie folgt zu Protokoll: "Mit beiden Füßen sprang ich dann kräftig auf den Kopf von Marinus. Ich trug zu diesem Zeitpunkt meine schwarzen Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln Größe 43. Diese stehen jetzt bei mir zu Hause auf der Bodentreppe."
Der bestialische Mord von Potzlow, einer 500-Seelen-Gemeinde in der Uckermark, löste landesweit Entsetzen und eine Medienlawine aus. Die Tat war an Grausamkeit kaum zu überbieten, und die Frage, wie es so weit kommen konnte, bot genügend Stoff für Schlagzeilen: Die Täter waren junge Neonazis; einige Erwachsene hatten die Tat gesehen, ohne einzugreifen oder zur Polizei zu gehen. Potzlow wurde als Faschisten-Dorf abgestempelt, die Bewohner als Monster.
Erst Jahre später, als der mediale Furor abgeklungen war, fuhr der Filmemacher Andres Veiel zusammen mit der Dramaturgin des Maxim-Gorki-Theaters, Gesine Schmidt, in das Dorf und fragte genauer nach. Sieben Monate lang recherchierten sie und brachten die Beteiligten und Mitwisser nach und nach zum Sprechen. 1500 Seiten mit Gesprächsprotokollen kamen so zusammen, daraus montierten sie einen Theatertext für zwei Schauspieler. Das streng dokumentarische Stück "Der Kick" war ein deutschlandweiter Erfolg. Es wurde zum Theatertreffen und zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen und sogar in Potzlow aufgeführt.
Radikaler Wille zur Verfremdung
Jetzt hat der studierte Psychologe Veiel den Stoff für die Leinwand adaptiert und ist dabei seinem Prinzip der größtmöglichen Abstraktion treu geblieben. Wie auch im Theaterstück verzichtet er darauf, die Tat realistisch nachzustellen. Anders als in den Dokumentarfilmen "Black Box BRD" oder "Die Spielwütigen", mit denen Veiel bekannt geworden ist, bekommt der Zuschauer hier weder die Gesichter von Opfern und Tätern zu sehen, noch die Originalschauplätze. "Der Kick" verweigert sich jeglicher Bebilderung der Geschehnisse, sondern vertraut ganz auf den Text.
Diesen lässt er zwei Schauspieler in einer kargen, staubigen Fabrikhalle abwechselnd sprechen. Mit minimalen Mitteln und ohne Requisiten spielen Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch die rund 20 Rollen. Die Darstellung ist distanziert, brechtsche Desillusion ersetzt psychologischen Realismus. Nur in einem Punkt wendet sich Veiel von den Vorgaben des epischen Theaters ab: Die Kamera umkreist beständig die Gesichter der Schauspieler in Nahaufnahme und vermag selbst winzigste Regungen wie das Heben einer Augenbraue oder das Zucken eines Mundwinkels einzufangen und so die emotionale Welt der Figuren zu offenbaren.
In seinem unbedingten Verfremdungswillen geht Veiel sogar so weit, dass er alle Frauenrollen von dem männlichen Schauspieler darstellen lässt und umgekehrt. Susanne-Marie Wrage zieht den Kopf ein, die Schultern hoch und umreißt so das gehetzte Auftreten der Täter. Markus Lerch faltet die Hände im Schoß und gibt berlinernd eine verzweifelte Mutter.
Generation zwischen Alkoholismus und Abgestumpftheit
"So muss es in der Hölle sein", sagt die Schwester des Opfers. "Dem Dorf fehlt der zivilisatorische Standard", sagt der Staatsanwalt. "Wir haben nichts falsch gemacht", sagen die Eltern. "Potzlow ist ein ganz normales Dorf", sagt der Bürgermeister. Mit einem Chor aus Meinungen und Vorurteilen rekonstruiert Veiel nicht nur die Mordnacht, sondern auch die Biografien der Täter, ihre Vorgeschichte und die Allgegenwart von Gewalt in ihrem Leben. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Abgestumpftheit, Resignation, rechtes Gedankengut: Das sind die Koordinaten, zwischen denen sich nicht nur die Bewohner Potzlows, sondern eine ganze Generation ostdeutscher Jugendlicher nach der Wende bewegt. Seelische Versteppung nennt Andres Veiel diesen Zustand.
In seiner Kargheit gleicht "Der Kick" einem Exerzitium, das es als Zuschauer erst einmal zu ertragen gilt. Doch das Konzept geht auf. Der Film schafft Distanz zur Tat und ermöglicht es dadurch, den Tätern überhaupt zuzuhören. Da keine Bilder existieren, die den eigenen Vorurteilen Nahrung geben könnten, gewinnen die Worte an Intensität. Der Film zeigt den zivilisatorischen Verfall, ohne die Protagonisten zu denunzieren.