Kinokomiker Will Ferrell: "Männer wollen Helden sein" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kinokomiker Will Ferrell "Männer wollen Helden sein"

Chaot, Knallcharge, Querulant: Will Ferrell ist Amerikas skurrilster Comedy-Star. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Lust am Kindischsein, das Heldenhafte von Frauen und warum sein neuer Kinoklamauk "Stiefbrüder" die Wirklichkeit abbildet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Ferrell, in Ihrem Film "Stiefbrüder" spielen Sie einen 40-Jährigen mit dem Gemüt eines Teenagers. Er lebt noch bei seinen Eltern, arbeitet nicht und verbringt den Tag mit Spielen. Was unterscheidet Jungs von Männern?

Ferrell: Na, erst mal jede Menge Brusthaare! Und dann hat ein Mann das Gefühl, seinen Platz in der Welt gefunden zu haben. Er hat die Verantwortung für sein Leben übernommen. Doch ich glaube, wir Männer können so alt werden, wie wir wollen, der kleine Junge steckt immer in uns und lauert nur darauf, herausgelassen zu werden.



SPIEGEL ONLINE: Immer mehr amerikanische Komödien wie "Jungfrau (40), männlich, sucht ..." erzählen von Männern, die nicht erwachsen werden wollen. Warum sind diese Filme so erfolgreich?

Ferrell: Weil sie unsere Wirklichkeit widerspiegeln. In den USA ziehen gerade viele erwachsene Kinder wieder bei ihren Eltern ein, weil sie nicht genug Geld haben, sich eine eigene Wohnung zu leisten. Auch gibt es momentan eine Generation von Studenten, die nach der Uni möglichst schnell Karriere machen wollen. Sie rauschen in atemberaubenden Tempo durch ihr Berufsleben, um nach oben zu kommen, statt sich mühsam ihre Sporen zu verdienen. Sie sind erfolgreich, aber unreif.

SPIEGEL ONLINE: Hält uns die moderne Gesellschaft davon ab, erwachsen zu werden?

Ferrell: In vieler Hinsicht müssen Kinder heute weit schneller erwachsen werden als früher. Die Werbung etwa setzt alles daran, dass sie sich fühlen und konsumieren wie kleine Erwachsene. Aber was bedeutet das? Dass Kinder mit fünf Jahren ein Handy haben. Wenn man das Erwachsenwerden zu sehr beschleunigt, zieht man Menschen heran, die bis ins hohe Alter unreif sind.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Reifeprozess auch dadurch gestört, dass die Menschen heute vor der Wirklichkeit in virtuelle Welten flüchten können?

Ferrell: Ganz sicher. Viele Menschen verlassen kaum noch das Haus, weil sie den ganzen Tag vor dem Computer hängen. Doch die meisten sozialen Fähigkeiten entwickelt man nur, wenn man Menschen von Angesicht zu Angesicht trifft. Wenn man nur in seiner eigenen, geschlossenen Welt bleibt, besteht die Gefahr, dass man infantile Züge behält.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Gefahr bei Männern größer als bei Frauen?

Ferrell: Tja, viele Männer ziehen sich Strumpfhosen an und spielen Comic-Helden. Frauen tun so etwas eher selten. Aber nicht jeder, der sich als Superman verkleidet, ist deshalb infantil. Die meisten dieser Männer haben einen Beruf, viele auch eine Familie. Vielleicht wollen sie nur für eine gewisse Zeit dem Druck entkommen, den der Ernst des Lebens ständig auf sie ausübt. Sie wollen mal der Held sein.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Frauen das nicht?

Ferrell: Sie sind es! Sie stellen sich dem Leben, weil sie oft einen viel ausgeprägteren Realitätssinn haben. Früher heirateten die meisten Männer mit Anfang zwanzig und wurden Väter. Sie waren gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Heute können sie viel länger herumspielen und sich vor Entscheidungen drücken. Ich bin froh, dass ich einen Beruf gefunden habe, der meinem Leben eine klare Richtung gibt und mir trotzdem erlaubt, meine Spielfreude auszuleben.

SPIEGEL ONLINE: Kann man witzig sein, ohne kindisch zu sein?

Ferrell: Ich bin in den USA dafür angegriffen worden, dass ich jetzt schon wieder einen Mann spiele, der seine Pubertät bis ins Rentenalter verlängern möchte. Ich glaube aber, dass ein Großteil aller Komik darauf beruht, dass Menschen sich kindisch verhalten. Solange wir Männer Jungs bleiben, sind wir begeisterungsfähig, kreativ und amüsant.

Das Interview führte Lars-Olav Beier