"Kontroll": Absteiger im Untergrund - DER SPIEGEL
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"Kontroll" Absteiger im Untergrund

Wo lässt sich das Leben auf dem Abstellgleis besser bebildern als in der U-Bahn? Der junge ungarische Regisseur Nimród Antal präsentiert in "Kontroll" fünf Fahrkartenkontrolleure und ihr skurriles Schattendasein zwischen Horror, Groteske und Film noir.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, werden die Toten auf der Erde wandeln", hieß 1978 der Slogan zu "Dawn Of The Dead". In George A. Romeros Zombie-Klassiker belagern die Untoten stellvertretend für die Masse der Unterprivilegierten einige wenige Überlebende in einer luxuriösen Shopping-Mall. Der junge ungarische Regisseur Nimród Antal kehrt dieses Prinzip bei "Kontroll" um: Jene, die in der Gesellschaft keinen Platz mehr finden, müssen in die Hölle - als Fahrkartenkontrolleure in der Budapester U-Bahn, der letzten Station vor der Gosse.

Unterirdische Verhältnisse

Dort unten versuchen die Verlierer der Ellbogengesellschaft zu überleben. Der Film folgt fünf Kontrolleuren, die so übel aussehen, dass sie glatt als Zombies durchgehen könnten. Bulcsú (Sándor Csány), ihr Anführer, war seit Wochen nicht mehr am Tageslicht; nach Betriebsschluss pennt er einfach auf dem Bahnsteig. Der alte Professor (Zoltán Mucsi) wird von allen so genannt, weil er schon seit 30 Jahren zu den Underdogs gehört und das Nachschlagewerk "Dienstvorschrift und Moral" verfasst hat - ein Text, der im Untergrund so viel Bedeutung hat wie eine abgelaufene Monatskarte.

Daher kümmert es auch niemanden, dass Lescó (Sándor Badár) strenger riecht als eine halb verweste Leiche. Muki (Csaba Pindroch) wollte Polizist werden, fiel wegen zu hohen Blutdrucks jedoch beim Eignungstest durch. Regt er sich auf, wird er ohnmächtig. Gerade neu angefangen hat Tibi (Zsolt Nagy). Er sollte die Metzgerei der Eltern übernehmen, kann aber kein Blut sehen. Die Macken der skurrilen Crew allein sind schon gewitzte Referenzen ans Horrorgenre.

Weil dieses Personal so derangiert ist, verliest am Anfang des Films der Chef der Budapester Verkehrsbetriebe eine ungewollt komische Erklärung. Die Schauspieler sollten nicht mit den Bahnangestellten gleichgesetzt werden, vielmehr würden die Figuren "globale und universelle Gedanken widerspiegeln". Vielleicht ist der Bahnchef aber auch nur ein Schauspieler und sein Hinweis die erste von vielen sarkastischen Pointen, die Antal als Regisseur und Drehbuchautor in den Katakomben geschickt platziert. Denn obwohl es dort brutal und blutig zugeht, hat er keinen simplen, auf vordergründigen Schrecken abzielenden Horrorfilm gedreht. "Kontroll" ist eher eine Geisterbahnfahrt auf dem sozialen Abstellgleis, ein surreales Sinnbild für Kontrollverlust und wie tief der soziale Darwinismus gehen kann.

Dynamischer Thrill, hypnotische Melancholie

Bulcsú und seine Truppe sind trotz markiger Sprüche dem Wettbewerb nicht gewachsen. Sie werden von betrunkenen Fußballfans vermöbelt, lassen einen bulligen Zuhälter ohne Ticket weiterfahren und scheitern sprachlich an japanischen Touristen. Auch mit der pfiffigeren Jugend in Gestalt eines Spayers können sie nicht mithalten. Road Runner nennen sie ihn, weil er ihnen regelmäßig höhnisch grinsend davon sprintet. Schließlich dreht vor Frust ein Kollege durch und schlitzt einem Schwarzfahrer die Kehle auf, weil der ihn verhöhnt haben soll. Zudem macht ihnen ein mysteriöser Kapuzenmann zu schaffen, der Fahrgäste vor den einfahrenden Zug stößt. Auch ihn kann man als gewagte Metapher lesen: So könnte es aussehen, wenn ein ungnädiges Schicksal Menschen aus dem Leben reißt.

Ein Schicksalsschlag muss auch den apathischen Bulcsú in diese Unterwelt getrieben haben. Er ist der klassische Anti-Held, jener gebrochene, rätselhafte Charakter, wie er im Film noir vorkommt. Sein Geheimnis wird nur einmal angedeutet, als er im Zug einen ehemaligen Kollegen trifft, der sein Abtauchen bedauert. Doch Bulcsú ist immun gegen Sympathie, einer wie er hat nichts mehr zu verlieren.

Fabelhaft pendelt Antal seine kluge Parabel zwischen dynamischem Thrill und hypnotischer Melancholie, grotesken Situationen und dramatischen Momenten aus. In dem aus Neonlicht und Schatten stilisierten Albtraum erscheint sogar Bulcsús zarte Romanze mit Sofie (Eszter Balla), einer kecken Schwarzfahrerin in einem Teddy-Kostüm, wie eine Halluzination. Am Schluss erwartet sie ihn im Engelskostüm an der Rolltreppe. Der Ausgang leuchtet von oben wie ein märchenhafter Hoffnungsschimmer. Wer weiß: Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommt man vielleicht doch noch in den Himmel.


"Kontroll"
Ungarn 2003. Regie und Drehbuch: Nimród Antal. Darsteller: Sándor Csány, Zoltán Mucsi, Csaba Pindroch, Zsolt Nagy, Sándor Badár, Eszter Balla, Gyözö Szabó. Produktion: Cafe Film, Bonfire. Verleih: Tiberis Film; Länge: 110 Minuten. Start: 10. Februar 2005.