Kriegsdrama "Lebanon": Ich, der Panzer - DER SPIEGEL
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Kriegsdrama "Lebanon" Ich, der Panzer

Was passiert mit einem Menschen, der die Welt nur noch durchs Zielfernrohr sieht? In seinem Film "Lebanon" verarbeitet der israelische Regisseur Samuel Maoz seine Erfahrungen als Panzerschütze im Libanon-Krieg 1982 als Druckkammerspiel. Ein bildgewaltiger Ego-Shooter.
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Die Sicht bestimmt das Sein. Wer die Welt aus einem Zielfernrohr wahrnimmt, kommt nicht umhin, sämtliche beobachtete Objekte als Feinde zu betrachten. So wie jene Mannschaft in einem versprengten israelischen Panzer, der am ersten Tag des Libanon-Kriegs von 1982 durch den Süden des Nachbarlands rollt.

Das Innere des Panzers ist erfüllt vom Scheppern der Ketten, dem Röhren der Scharniere. Über Funk brüllt eine blecherne Stimme aus der fernen Kommandozentrale Koordinaten. Doch nur das Okular bietet Hoffnung auf Orientierung. Es zeigt gespenstisch klanglose Nahaufnahmen der kriegszerstörten Welt jenseits der Panzerung, und über allen liegt das Fadenkreuz. Es weist die anvisierten Objekte als potentielle Ziele aus - den im Todeskampf röchelnden Esel am Straßenrand. Eine halbnackte Frau, die im Chaos nach ihrem Kind sucht. Einen alten Mann, der mit einem Lieferwagen voller Hühner auf den Panzer zurast.

Flieht er vor Verfolgern? Will er den Panzer angreifen? Zeit für eine angemessene Antwort bleibt nicht. Die israelischen Soldaten zerfetzen seinen Wagen durch ein Geschoss.

Eine Szene aus "Lebanon", dem ersten Film von Regisseur Samuel Maoz. Er saß am ersten Tag des Libanon-Kriegs selbst in einem Panzer. Es war der 6. Juni 1982, 6.15 Uhr morgens, als er in jenem Feldzug zum ersten Mal einen Menschen tötete.

Kämpfen - gegen wen oder was auch immer

Es verging knapp ein Vierteljahrhundert, bis er begann, einen Film über die Erfahrungen aus jener Zeit zu entwickeln. 2006, nachdem Israel in einen weiteren Krieg gegen den Nachbarstaat gezogen war, fing er an. Und verfiel darauf, eine radikale Innenansicht zu erzählen - nämlich aus dem Inneren eines stählernen Kampfgefährts. Der Panzer sollte zu einer Art Black Box werden, einem Gefäß, in dem die eigenen schuldhaften Verstrickungen im Libanon gespeichert sind. Die Verschmelzung mit dem Todesapparat wird aufs Grausamste nachgezeichnet.

Ich, der Panzer.

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"Lebanon": Krieg aus der Ego-Shooter-Perspektive

Foto: Senator

"Kein normaler Mensch kann töten, man muss schon ein Psycho sein", sagte Maoz dem "Observer". "Der Trick des Krieges ist es, einen normalen Menschen in solche Situationen zu bringen." Die Verwandlung brauche "24 Stunden, vielleicht 48 Stunden". Und so lässt Maoz seinen Figuren nicht mehr als einen Tag, um sie in der unübersichtlichen Logik des Krieges aufgehen zu lassen.

Aus der Perspektive des Panzerschützen Shmulik (Yoav Donat) rollt der Zuschauer in einen Krieg, in dem die Front unübersichtlich verläuft. Einmal zögert der junge Soldat abzudrücken, weil er durch sein Zielfernrohr keinen eindeutigen Feind ausmachen kann. Damit verschuldet er den Tod eines Kameraden. Und lernt, dass für Feinabwägungen im Panzer keine Zeit bleibt. Gegen wen er da eigentlich genau kämpft, erschließt sich Shmulik auch später nicht.

"Israels Vietnam" hat man den Libanon-Krieg von 1982 immer wieder genannt. Das bezieht sich einerseits darauf, dass sich der als präziser Eingriff geplante Einsatz zu einem langen, zermürbenden Kampf auswuchs, in dem auch Gräuel geschahen wie das Massaker von Sabra und Schatila. Andererseits wussten die israelischen Soldaten gar nicht so genau, für oder gegen wen sie da eigentlich kämpften - ähnlich den US-Truppen in Südostasien.

Hollywood hat das kollektive Trauma Vietnam mit einigem zeitlichen Abstand verarbeitet. In Israel kam jüngst auch eine Reihe von Filmen in die Kinos, die jenen Krieg thematisieren, der den offiziellen Missionsnamen "Frieden für Galiläa" bekam.

Im Krieg wird jeder zum Psycho

Im Gedächtnis geblieben ist vor allem "Waltz with Bashir", eine Mischung aus Real- und Trickfilm aus dem Jahr 2008. Sie erzählt aus dem Blickwinkel moralisch versehrter Israelis vom Krieg gegen die Palästinenser. Wie Maoz war "Waltz with Bashir"-Regisseur Ari Folman als Soldat im Libanon-Krieg von 1982. Ihm gelingt es, das persönliche Trauma in ein allgemeineres Drama über den Einsatz zu wenden. So wird etwa auch das Massaker von Sabra und Schatila thematisiert, bei dem die Falangisten - eine mit Israel verbündete christliche Miliz - unter den Augen des israelischen Militärs palästinensische Zivilisten ermordeten.

Maoz' Panzerhorror "Lebanon" indes verspricht zumindest im Titel einen umfassenden, wenn nicht gar universellen Blick auf den Feldzug - verharrt aber leider in der Ego-Shooter-Perspektive. So macht der Regisseur den Zuschauer zur Geisel des Soldatenblicks. Keine Frage, das ist eine grausam zusetzende Erfahrung. Sie führt allerdings zu keinerlei Erkenntnisgewinn oder Diskussionsanregung.

Denn so ästhetisch radikal dieses Druckkammerspiel gestaltet ist, so politisch banal kommt seine Botschaft daher. Im Krieg wird eben jeder zum Psycho, und wenn sich sowieso alle schuldig machen, muss die Bewertung einzelner Verbrechen sinnlos erscheinen. Auf diese Weise walzt "Lebanon", dieser im wahrsten Sinne des Wortes bildgewaltige Film, der in Venedig 2009 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, mit martialisch rasselnden Ketten an jeglicher tiefen Debatte vorbei.

So selbstquälerisch Regisseur Samuel Maoz seine Kriegstraumata auch aufarbeitet, sein Blick auf den Konflikt von 1982 bleibt: gepanzert.