"Liberty Heights": Rebellion im Abendrot - DER SPIEGEL
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"Liberty Heights" Rebellion im Abendrot

Hitler, Cadillacs und James Brown: Der neue Film von Barry Levinson ("Rain Man") spielt im Baltimore der fünfziger Jahre.
Von Simone Mahrenholz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kult-Regisseur Barry Levinson, der Klassiker wie "Good Morning Vietnam" und "Wag the Dog" gedreht und Robert Redfords "Quiz Show" produziert hat, fügte seiner autobiographisch inspirierten Serie von "Baltimore"-Filmen nun einen weiteren hinzu. Wie "American Diner", "Tin Men" und "Avalon" spielt auch "Liberty Heights" in seiner Heimatstadt Baltimore - im Unterschied zu den Vorgängern ist er jedoch noch radikaler aus seiner eigenen Lebensgeschichte inspiriert. Vielleicht haftet deshalb dem Film auch schon der Geruch eines Alterswerks an: abgerundet erdacht, langsam und episch erzählt und mit einer klaren humanitären Botschaft gegen den Rassismus ausgestattet.

Baltimore, 1954. Der Jugendliche Ben Kurtzman (Ben Foster) muß sich am Tor des exklusiven Turkey-Hill-Schwimmclubs mit dem Schild "Kein Zutritt für Juden, Hunde und Farbige" herumschlagen. Er und seine Freunde rätseln, was wohl die Reihenfolge zu bedeuten hat. In seiner Stadt bleiben die Bevölkerungsgruppen getrennt: Jeder grenzt sich von jedem ab. Als er sich in seiner Klasse in die junge Farbige Sylvia verliebt und heimlich bei ihr zuhause Jazz-Platten hört, gilt es, die Freundschaft unbedingt zu verbergen: Ihr Vater hat ihr den Kontakt zu Weißen streng verboten. Dennoch verschafft sie dem entzückten Ben Eintritt zu einem ausschließlich von Schwarzen besuchten James-Brown-Rockkonzert.

Auch Bens älterer Bruder Van hat Probleme: Er hat sich in die schönste, märchenblonde Frau der Stadt verliebt, die göttliche Dubbie, gespielt von Calvin-Klein-Supermodel Carolyn Murhpy. Die gehört natürlich einem anderen, fällt Van in einer komplizierten Nacht dennoch zu. Zuvor aber gerät er mit seinen Kumpels auf einer Party in eine Schlägerei: Sein Freund Yussel wird gefragt, ob er Jude ist. Die sich anschließende Randale hat ein gerichtliches Nachspiel.

Von diesen Wirren merkt Bens Vater Nate wenig: Er hat Probleme mit seinem schlecht laufenden Varietee-Theater, das nur um der Stripperinnen willen besucht wird, die sich jedoch von Gesetz wegen nicht ausziehen dürfen. So bessert Nate seine kärglichen Einkünfte mit einer illegalen Lotterie auf, erfindet zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ladens noch eine Superzahl, auf die ein Irrer ausgerechnet 50 Dollars statt einiger Cents setzt und - natürlich - gewinnt. Beim Halloween-Fest gerät die Familie schließlich völlig aus der Fassung: Ben stiefelt in Adolf- Hitler-Aufmachung die Treppe herunter.

Sehr gemessen, und vor allem mit einer geradezu enthemmten Ausstattungswut, erzählt Levinson die diversen Geschichten der Jugendlichen in einer Stadt, die sich durch das beginnende Automobil-Fieber langsam wandelt. Allein die Mengen von blitzenden Cadillacs, die von überall aus den Staaten herbeigeschafft wurden, machen den Film zu einem Augenspektakel.

Wie nicht anders zu erwarten war, ist das gesamte Personal hervorragend besetzt: sämtlich Sympathieträger. Das einzige Problem des Films ist seine abendrotmilde Rückblick-Stimmung. Obwohl es um Jugend und Rebellion geht, wirkt der Film tatsächlich wie aus einer fernen, vergangenen Welt. Man kann ihn genießen, geht jedoch etwas unberührt wieder hinaus, trotz der vehementen Botschaft wider den Rassismus. Dem Drehbuchautor Barry Levinson ist vielleicht etwas weniger handwerklicher Perfektionismus zu wünschen und dafür etwas mehr gesunde Wut.

"Liberty Heights". USA 2000. Regie und Buch: Barry Levinson; Darsteller: Ben Foster, Bebe Neuwirth, Carolyn Murhpy, Adrien Brody, Rebekah Johnson. Verleih: Warner Bros.; Länge: 127 Minuten; Start: 5.10.2000.