"Manila": Offene Wunden am Nicht-Ort - DER SPIEGEL
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"Manila" Offene Wunden am Nicht-Ort

Keine Spur von Exotik: "Manila", der neue Film des Regisseurs Romuald Karmakar, klammert sich stattdessen an Reisende, die im Transit feststecken. Deutsche in Wartestellung kurz vor der Panik. Kein schmeichelhaftes Portrait einer reisewütigen Nation.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gnadenlos: Da flüchten jährlich hunderttausende Deutsche in andere Gefilde - nicht allein aus Klimagründen, sondern weil sie das Kleinbürgerliche und Miefige der Nachbarn und Kollegen, das typisch Deutsche eben, unsäglich nervt - und nun zerrt Romuald Karmakar ("Der Totmacher") ausgerechnet einen Querschnitt durch die reisenden Klassen ins Rampenlicht. Hält drauf aufs deutsche Wesen, zwingt den Blick auf das ganze Elend - nahezu zwei Stunden lang.

Schauplatz ist der International Airport von Manila, besser gesagt sein Transitbereich. Ein Nicht-Ort, Exotik reduziert auf Restaurant, Wartehalle und Toiletten. Seit Stunden sitzen die Passagiere fest, hoffen, dass der Flieger endlich abhebt gen Frankfurt. Freigetränke sind längst keine Trostpflaster mehr, alle sind müde, ungeduldig und reizbar, fühlen sich gefangen in einem ungeplanten Zeitloch. Sex hatte die meisten der versammelten Montagearbeiter, Frührentner und kleinen Männer nach Manila getrieben und beherrscht noch immer ihre Gespräche. Andere sind auf der Durchreise und machen auf Bildungstouristen.

Allen voran das Lehrerehepaar Regine und Knut Görler (Peter Rühring und Margit Carstensen). Die verknöcherten Ostdeutschen kommen direkt aus Australien; furchtbar anstrengend war's und nicht das Richtige für den herzkranken Knut, der offensichtlich wenig Chancen hat, Regines "Kümmer-Knast" zu entkommen. Jetzt aber steht ihm Walter (Michael Degen) zur Seite, ein Aussteiger um die Sechzig, der Knut jovial zu Hochprozentigem verführt und endlich glänzen lässt. Walter weiß wie das geht, nicht umsonst betreibt er mit seiner Frau Maribel in Manila ein florierendes Bordell. So kam der Wohlstand in Maribels Heimatdorf - Zebrastreifen, Videothek und Eismaschine inklusive. Ist er nicht der Größte?

Triebe und ihre Befriedigung - für den Ex-Bundeswehrsoldaten Rudi (Jürgen Vogel) hat sich das Thema seit seinem Somalia-Aufenthalt erledigt, seither denkt er "dabei" nur noch an zugenähte, entzündete Vaginas. Unverständlich, weshalb er an die coole deutsch-amerikanische Journalistin (Elizabeth McGovern) gerät, die seit 20 Jahren nur ein Thema kennt: Deutsche im Ausland. "Ein Deutscher weit weg," resümiert sie, das sei immer eine kleine offene Wunde, dann macht sie sich an Rudi ran.

Karmakars Deutsche sind spießig, prollig und verklemmt. So kennt sie jeder. Es gibt den Schmierigen, den Perversen und den Deutsch-Nationalen, selbstgefällige Beaus und coole Blondinen. Natürlich auch den ewigen Verlierer, personifiziert durch den Schwaben Franz (Martin Semmelrogge). Bilderbuchdeutsche prominent besetzt, Verhaltensweisen sind einstudiert bis ins letzte Detail. Dennoch langweilen die kleine Geschichten, denen in der Enge des in Bad Oldeslohe nachgebauten Transitbereichs schnell die Luft ausgeht. Ein Klischee jagt das nächste, und meist zielt es auf den Unterleib. Demaskierte Lebenslügen und schwelende Konflikte - doch bis zum abschließenden Gewaltausbruch quält sich der Plot nur so dahin.

Karmakar und Co-Autor Bodo Kirchhoff zelebrieren ihre Hitparade der größten deutschen Peinlichkeiten. Sie gipfelt in perversem Schunkeltrieb und vielstimmigen Gegröle: als Knut in großer Pose seinen "Gefangenchor von Manila" dirigiert. Verdis "Nabucco", simpel eingedeutscht: "Poo-lii-zeii-stun-de kee-nnen wir niii-icht", jault ergriffen das Menschenorchester, minutenlang dröhnende Blödheit als Höhepunkt. Komisch und widerwärtig zugleich, prädestiniert als Pflichtprogramm für Transatlantikflüge.

"Manila": Deutschland 2000, Regie.: Romuald Karmakar; Buch: Romuald Karmakar und Bodo Kirchhoff; Kamera: Fred Schuler, Darsteller: Ana Capri, Margit Carstensen, Michael Degen, Sky Dumont, Herbert Feuerstein, Martin Semmelrogge, Jürgen Vogel, Manfred Zapatka, Ces Quesada, Peter Rühring, Chin-Chin Gutierrez; Verleih: Senator Film; Länge: 115 Minuten