Maria Bello Die Anti-Blondine
Man sieht sie immer wieder, aber so richtig kennt man sie nicht. Das mag daran liegen, dass Maria Bello zwar ziemlich genau das verkörpert, was Hollywood-Produzenten gern als "hot blonde" besetzen, das aber letztlich nie spielt.
Maria Bello: "Hot Blonde" mit Herz
Nicht, dass die 38-jährige Spätzünderin, die erst seit zehn Jahren mit der Schauspielerei ihr Geld verdient, etwas gegen Hollywoods Lieblingsschablone aufregender Weiblichkeit einzuwenden hätte. Ihr fehlt bloß die Entsprechung in der Realität. "Wissen Sie", sagt sie mit sanfter, aber entschiedener Stimme, "meine Mutter war eine hinreißend schöne, aufregende Blondine, aber sie hatte Tiefgang und Seele, und sie war voller Lebenserfahrung und Liebe." Ihre Mutter, eine Lehrerin und Schulkrankenschwester, war außerdem eine strenggläubige Katholikin polnischer Herkunft, die ihre drei Kinder schon früh über Engel und andere Wesen belehrte, mit denen sie in Verbindung zu stehen behauptete. Und so hat Maria Bello eben keinen Sinn für Blondinen-Klischees.
Womit sich womöglich die oft kleinen, aber unvergesslichen Rollen erklären, die Bellos Filmographie schmücken. Sie spielte die zweite Ehefrau des sexsüchtigen Entertainers Bob Crane in Paul Schraders "Auto Focus" und die Exfreundin eines Ermittlers im Sumpf politischer Kleinstadtkungelei in John Sayles' "Silver City", und sie machte aus der verhassten Figur der Hauptdarsteller-Freundin ein kleines Ereignis. Gemeinsam mit William H. Macy verwandelte sie die Zockersaga "The Cooler" zu einer der schönsten Lovestorys des vergangenen Filmjahrzehnts.
Ob in "Payback" oder "A History of Violence" - jeder ihrer Auftritte ist geprägt von einer ebenso liebenswerten wie eigensinnigen Frische, der all zu viele ihrer Kolleginnen wirkungssichere Theatralik vorziehen. "Natürlich habe ich auch ein paar Projekte gewählt, die am Ende keine freudigen Erfahrungen waren, aber das bewies mir nur, das es mir schlecht geht, wenn ich solche Sachen mache", sagt sie und lacht - ein tiefes, fröhliches Lachen. Auch abseits der Leinwand strahlt sie eine unaufdringliche Offenheit und Erdverbundenheit aus. Nichts an ihr ist Pose.
Bei jeder Premiere rückt der Bello-Clan an
Bello sagt, sie suche nach dem, "was mich nicht wahnsinnig macht, was meine Seele anfüllt, anstatt mich in manische Depressionen stürzen", auch wenn das bisweilen zu merkwürdigen Missgriffen wie dem seelenlosen Gruselthriller "The Dark" (aktuell im Kino) führen mag. Aber Bello hat ihn eben aus einem ganz persönlichen Grund gemacht - weil sie sich mit der Rolle einer Mutter, die für ihr Kind durch die Feuer eines alten walisischen Fluchs geht, identifizieren konnte.
Nach 16 Jahren katholischer Schul- und Universitätsbildung hatte Bello am Ende eine Politologie-Studiums eigentlich Anwältin werden wollte. Doch dann stolperte sie an der Uni eines Tages in einen Schauspielkurs und war gefangen. Als sie heimkam und ihren Eltern eröffnete, sie würde statt Anwältin Schauspielerin werden, sagten die nur: "Okay. Das ist ja cool." Bis heute hat ihre Familie kein einziges ihrer Theaterstücke, keine Filmpremiere verpasst. "Es sind ungefähr 20 Leute, samt Onkeln und Tanten. Sie stopfen mehrere Minivans voll und kommen, um mich zu sehen." Maria Bello lacht auf und dreht sich dann plötzlich zu ihrer Assistentin um: "Du hast an die Karten für die Premiere gedacht, oder?" Sie sei dabei, gibt die nickend zurück, und man hat den Bello-Clan auf dem roten Teppich förmlich vor Augen.
Dabei war Maria Bello als Kind und Jugendliche von "sozialen Ängsten" besessen. "In einen Raum mit vielen Leuten zu gehen, war der blanke Horror für mich", sagt sie. "Das war schon in der High School so. Ich konnte zum Mittagessen nicht in die Cafeteria gehen, weil da so viele Leute waren und musste allein im Büro des Schulpsychologen essen." Sie lacht erneut, aber diesmal klingt es flach und unsicher, und sie blickt dabei zu Boden. "Ich komme langsam darüber hinweg." Auch deswegen ist die Schauspielerei mehr als nur ein Job für sie. "Sie ist mein Leben, meine Art, meinen Stand in der Welt zum Ausdruck zu bringen."
Sieben Jahre Kellnern
Bevor sie mit 28 die Schauspielerei als Beruf zu betreiben begann, hatte sie sieben Jahre lang in New York gekellnert und geputzt, um den Schauspielunterricht zu finanzieren und sich von einem Off-Broadway-Auftritt zum nächsten zu hangeln. Monatelang lebte sie ohne eigenes Obdach auf den Sofas anderer Leute. "Es war ein echtes Abenteuer", sagt sie. "Ich habe wahnsinnig gekämpft, aber es war auch irgendwie zutiefst romantisch. Ich war bis über die Ohren in die Schauspielerei versunken, das typische Mädchen mit Armeestiefeln, das bis morgens um drei im Theater herumlungerte und über Stücke diskutierte."
Mitte der Neunziger ging sie nach Los Angeles, ergatterte die Hauptrolle in der kurzlebigen Serien-Verfilmung von "Mr. and Mrs. Smith" und wenig später den Part der Ärztin Anna Del Amico in der Erfolgsserie "Emergency Room". Es folgte eine erste Kinorolle in "Permanent Midnight" mit Ben Stiller als heroinabhängigem Comedy-Autoren, und nach und nach rückte sie ins Blickfeld von Regisseuren wie John Sayles, David Cronenberg und Oliver Stone, mit dem sie derzeit "World Trade Center" über zwei verschüttete Mitarbeiter der Hafenpolizei am 11. September 2001 dreht.
Dass der Film in den USA, wo Stone vielfach als linksradikaler Verschwörungstheoretiker gilt, schon vor seinem Start für heftige Kontroversen sorgt, wischt Bello ungeduldig vom Tisch. "Es ist eine wunderschöne, sehr menschliche Familiengeschichte, über die die Leute ihr Urteil fällen sollten, nachdem sie sie gesehen haben. Wissen Sie, Oliver Stone ist ein Mann auf der Suche, er stellt alles in Frage und er macht keine Kompromisse mit seiner Perspektive. Es ist ihm scheißegal, ob den Leuten seine Filme gefallen oder nicht, und ich finde das toll."
Strenge Selbstzensur
Wenn Maria Bello etwas nicht leiden kann, dann sind es "seichte, fade Menschen, die keinen eigenen Standpunkt vertreten - Schwächlinge und Trottel, die kein Herz und kein Gefühl für andere haben." Die Politik hat die Tochter eines italienischstämmigen Bauarbeiters - auch er ein Katholik, aber mit einer Vorliebe für "kirchliche Verschwörungstheorien á la Da Vinci Code" - nie ganz aufgegeben. "Ich interessiere mich nach wie vor sehr für das, was in dieser Welt vor sich geht, und ich bin ziemlich verzweifelt über den Krieg im Irak."
Bevor sie 2001 selbst Mutter eines Sohnes wurde, von dessen Vater, einem Fernsehmanager bei Dreamworks, sie inzwischen getrennt lebt, hat sie Krisengebiete der Welt bereist und dort Kinder fotografiert und interviewt. Ausstellen mochte sie die Bilder bisher nicht. "Ich arbeite unter einer strengen Selbstzensur", erklärt sie. "Als Schauspielerin bin ich inzwischen recht zufrieden mit mir. Aber in allen anderen künstlerischen Unternehmungen bin ich vom Gedanken beseelt, dass ich nicht gut genug bin. Und wer bin ich denn schon?" Sie lacht und sagt: "Meine Mutter nennt das 'k-fucked'", was so viel heißen soll wie "katholisch verkorkst".
Überhaupt hat Bello für Hollywoods Nabelschauen nicht viel übrig. "Ich schaue mir die Titel dieser Klatschmagazine an - wer ist die dünnste, wer vögelt wen - und denke: Meine Güte, ist das weit weg von meinem eigenen Leben. Die amerikanische Promi-Pop-Kultur, die ja inzwischen die halbe Welt infiltriert hat, ist ein scheußliches Phänomen."
Maria Bello geht lieber am Strand in Venice spazieren als in ein Fitnessstudio, weil sie die Workouts und Diäten, die einer gleichgeschalteten Körperlichkeit hinterher hecheln, zutiefst verachtet. Aber sie gibt freimütig zu, jedes Mal ganz aufgeregt zu sein, "wenn eine Zeitschrift ein Foto von mir abdruckt, auf dem ich ein selbst zusammen gestelltes Outfit trage. Denn ich liebe es, mich zu verkleiden und mich schön anzuziehen." Bisweilen findet sie sich auch auf den "Modeunfall"-Seiten wieder. "Das finde ich natürlich ungerechtfertigt!", sagt sie und runzelt in gespielter Beleidigung die Stirn. "Mode geht schließlich darum, Mut zu zeigen und sich was zu trauen."
Zuletzt traute sich Maria Bello in David Cronenbergs "A History of Violence" die intensive Darstellung einer Kleinstadt-Ehefrau zu, deren Mann unverhofft in einen Strudel der Gewalt gesaugt wird. Bello galt in Hollywood schon als Favoritin für einen Oscar als beste Nebendarstellerin - wurde aber am vergangenen Dienstag nicht nominiert. Schon wieder nicht. Aber lange, hoffen wir, kann es nicht mehr dauern.