"Marlene": Der laue Engel - DER SPIEGEL
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"Marlene" Der laue Engel

Katja Flint wirft ihren Valiumblick ins Leere - warum aus der ambitionierten Vilsmaier-Verfilmung über Marlene Dietrich lediglich ein konventionelles Melodram wurde.
Von Rainer Fellmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der männermordende Vamp, der blaue Engel, die preußische Soldatentochter, die glamouröse Show-Ikone: Die Liste der Attribute, mit der die Öffentlichkeit versucht, dem Mythos Marlene Dietrich beizukommen, ist lang, sattsam bekannt und letztlich doch nur Oberflächenprojektion - ebenso wie Joseph Vilsmaiers Bemühen, die Diva posthum zu entschlüsseln. Der Regisseur spult eine langatmige Tour (128 Minuten) bekannter Lebenssituationen ab: Von der eigensinnigen Mutti, die Anfang der dreißiger Jahre auszog, um sich einen Platz im Hollywood-Olymp zu sichern, dort vereinsamt, dann während des Zweiten Weltkrieges an der deutschen Front geschundene Soldaten aufmuntert und schließlich mit einem New Yorker Gala-Auftritt Mitte der siebziger Jahre Abschied von Bühne und Leinwand nimmt.

Und als wäre ihr (Liebes-)Leben für damalige Verhältnisse nicht schon skandalös genug gewesen, verpasst Vilsmaier der göttlichen Dietrich auch noch einen fiktiven Liebhaber in der Uniform eines deutschen Widerstandkämpfers (Heino Ferch). So stellt er sich also die große Liebe der Diva vor: Marlene und Lover engumschlungen in den österreichischen Bergen, von der Kamera derart heftig umkreist, dass einem schwindelig wird. Derlei Groteskes wäre Louis Malle, dessen Verfilmung von Marlenes Leben durch seinen Tod unvollendet blieb, oder Pedro Almodóvar, der die filmische Umsetzung noch plant, sicher nicht in den Sinn gekommen.

Das eigentliche Problem des Films aber ist die Hauptdarstellerin: Katja Flint sieht der Dietrich zum Verwechseln ähnlich, auch berlinert sie charmant-derb und beherrscht den Valiumblick perfekt. Dem Mythos Marlene nähert sie sich aber nicht mal auf Sichtweite. Da helfen auch keine vierstündigen Make-up-Exzesse, unzählige Kostümwechsel und darstellerisch solides Handwerk. Der Mensch hinter der Maske wird niemals sichtbar. Zu viele Details verhindern jene Magie, mit der die Dietrich ein Jahrhundert lang Männer wie Frauen bewegte. 56 Bücher sind über Marlene Dietrich geschrieben worden. Vilsmaier und Co. hätten gut daran getan, nicht alle zu lesen.