"Master and Commander"-Regisseur Weir "Ich wollte ein Genre auf den Kopf stellen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Weir, im Zentrum Ihres Films steht ein heroischer Kapitän. Sind Sie als Regisseur auch ein solcher "Master and Commander"?
Peter Weir: Ich bin weit davon entfernt. Die von Russell Crowe gespielte Figur des Jack Aubrey kann ich nur um ihren Mut beneiden und einen Film darüber machen. Aber so ein Abenteurer bin ich nicht. Ich habe mehr mit der zweiten Hauptfigur gemein, dem Schiffsarzt und Naturwissenschaftler Stephen Maturin. Mit seinem Forscherinteresse kann ich mich gut identifizieren. Nur dass er natürlich wesentlich gebildeter ist als sich.
SPIEGEL ONLINE: Aber war der Dreh zu diesem Film nicht auch ein großes Abenteuer?
Weir: Heutzutage lässt sich kein Studio auf eine unkontrollierbare Produktion mehr ein. Jahre dauernde Dreharbeiten wie bei "Lawrence von Arabien" oder "Apocalypse Now" sind heute gar nicht mehr möglich. Ich musste dem Studio einen genau durchdachten Plan vorlegen, wie ich das Ganze durchziehen will, bevor sie das Projekt endgültig verabschiedeten. Für die Vorbereitung nahmen wir uns zwei Jahre Zeit. Auch drehten wir nur zehn von 100 Tagen auf dem Meer. Der Rest wurde in einem großen Wassertank gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Nach einer gemütlichen Produktion sieht dieses zum Teil raue und stürmische Seeschlachten-Epos aber nicht gerade aus.
Weir: Es gab natürlich extrem anstrengende Phasen. Am heftigsten waren die Sturmszenen. Das fing schon damit an, dass man uns die Drehtage von sechs auf drei heruntergekürzt hatte - am Ende dauerte es doch so lange wie ursprünglich vorgesehen. Solche Szenen kann man auch nicht im Detail vorplanen. Denn beim Dreh gibt es zu viele Chaosfaktoren: Das Wasser verhält sich jedes Mal anders. Du hast zwei Flugzeugmotoren für den Wind, die so viel Lärm produzieren, dass keiner ein Wort versteht. Gleichzeitig ließ ich das Schiff so stark wie möglich hin und her schaukeln. Zum Glück ist uns niemand heruntergefallen.
SPIEGEL ONLINE: Das alles wäre doch mit digitalen Effekten aus dem Computer viel bequemer gegangen.
Weir: Ich gehöre zu einer Generation von Filmemachern, die zu digitalen Tricks ein etwas snobistisches Verhältnis hat. Diese Effekte wurden zu häufig in kindischen Filmen eingesetzt, und der Zuschauer kaufte sein Ticket nur, um so ein Computerspektakel zu sehen. Natürlich haben wir auch in "Master and Commander" viele digitale Einstellungen. Man kann ja kein Segelschiff in der Realität durch einen Sturm am Kap Hoorn schicken. Aber das Publikum sollte sie nicht bemerken.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben also als Filmemacher etwas dazu gelernt.
Weir: Und ob. "Master and Commander" war eine richtige Bildungserfahrung. Ich hatte noch nie zuvor auf dem Wasser gedreht. Deshalb wusste ich auch nicht genau, welche Kamerabewegungen beim Dreh auf einem Schiff möglich sind. Und in Sachen Computereffekte bekam ich einen neunmonatigen Crashkurs. Jetzt kenne ich mich darin viel besser aus als die meisten Studiomanager.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als wäre es zu Reibereien zwischen Ihnen und Ihren Geldgebern gekommen.
Weir: Keine Reibereien, aber Spannungen. Ursprünglich war ein Start im Juni vorgesehen, doch die Verantwortlichen begriffen nicht, wie zeitaufwendig die Effekte waren. Ich musste sie erst davon überzeugen, dass wir noch ein paar Monate mehr brauchen. Das war ideal, um den Film ganz sorgfältig fertig zu stellen, aber gleichzeitig wurden die Studiochefs immer nervöser. Auf einmal gab es den Wunsch nach Änderungen, die dem Konzept des Films völlig widersprochen hätten.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie konnten sich durchsetzen?
Weir: Ich hatte von vornherein mit ihnen vereinbart, dass ich keinen konventionellen Seefahrerfilm drehen würde. Stattdessen wollte ich das Genre auf den Kopf stellen. Zum Beispiel waren außer den Szenen auf den Galápagos-Inseln keine Aufnahmen an Land geplant. Dafür hatte das Management grünes Licht gegeben. Wenn man in der Schlussphase andere Szenen gedreht hätte, hätte die Geschichte so nicht mehr funktioniert. So gesehen war der Film mein bester Schutz.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Ihrer ansehnlichen Erfolgsbilanz nicht automatisch Narrenfreiheit?
Weir: Sobald du einen Film drehst, der über 100 Millionen Dollar kostet, spielt es keine Rolle mehr, wer du bist. Da gibt es immer Druck von Seiten des Studios. Und ich kann die Leute verstehen. Wenn ein so teurer Film dramatisch floppt, kriegen sie keinen Bonus. Oder sie verlieren sogar ihren Job. Der Filmemacher dagegen ist fein raus, solange er nicht unprofessionell arbeitet. Er kann immer noch sagen: Der Film hatte zwar keinen kommerziellen Erfolg, aber ich habe mein Bestes getan.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sich solchem Druck noch mal freiwillig aussetzen?
Weir: Das würde ich nicht ausschließen. Gerade verhandle ich mit Tom Cruise' Firma über ein Weltkriegsprojekt. Es bereitet mir immer Vergnüngen, etwas mit Subtilität durchs System zu schleusen. Wirklich schmerzvoll ist die Suche nach einer geeigneten Geschichte. Es dauert immer Ewigkeiten, bis ich etwas Geeignetes für mich finde. Ich wünschte, ich würde meine eigene DNS besser kennen. Dann würde ich endlich wissen, was ich wirklich will.
Interview: Rüdiger Sturm