"Miami Vice": Pastell ist passé - DER SPIEGEL
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"Miami Vice" Pastell ist passé

Meisterlich demontiert Michael Mann mit einer späten Kino-Adaption den Mythos seiner erfolgreichen TV-Serie "Miami Vice": 20 Jahre nach Pastellsakko-Revolution und MTV-Ästhetik lässt der Regisseur seine berühmten Undercover-Cops an einer düsteren Realität verzweifeln.
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Sehnsucht nach dem Flamingo - so könnte man die gedämpfte Reaktion vieler Kritiker angesichts der Kinoversion von "Miami Vice" beschreiben. Der rosafarbene Vogel, der von einer schillernden Wasseroberfläche abhebt, war das erste Bild im Vorspann der berühmten TV-Serie, eine Metapher für den Kult, den die perfekt durchgestylte Drogenfahnder-Saga auslöste. Die Serie erhob sich wie ein Phönix aus der Asche gewöhnlicher TV-Unterhaltung.

"Miami Vice"-Darsteller Foxx, Farrell: Das Leben ist keine Cocktailparty

"Miami Vice"-Darsteller Foxx, Farrell: Das Leben ist keine Cocktailparty

Foto: UIP

Pastellsakkos und lässige Frisuren, schnelle Autos und elegante Szenenschnitte, ein Soundtrack mit den Top-Hits der aktuellen Charts - und zwei Paradiesvögel als Hauptdarsteller: "Miami Vice" vermählte die Oberflächlichkeit der achtziger Jahre mit der brandneuen MTV-Ästhetik und einer Krimi-Handlung, die neben der Inszenierung der glitzernden Drogenmetropole Miami und seiner coolen Undercover-Cops oft nur eine Nebenrolle spielte. Mehr als jede andere Fernsehserie diktierte "Miami Vice" ein neues Pop-Bewusstsein und lieferte die Mode dazu gleich mit.

20 Jahre nach dem Start von "Miami Vice", deren Look und Feel Michael Mann als Executive Producer einst entscheidend prägte, wollte der US-Regisseur eine neue, zeitgemäße Version der Geschichte von Sonny Crockett und Ricardo Tubbs fürs Kino schaffen. Ein Projekt, das angesichts der Allgegenwart von Adaptionen erfolgreicher TV-Formate wie "Starsky & Hutch" oder "Dukes of Hazzard" zunächst wie eine weitere Attacke auf den Geldbeutel nostalgischer Kinogänger wirken musste.

Doch Michael Mann hat anderes im Sinn: Kein Flamingo erhebt sich hier majestätisch vor der Skyline der Stadt, stattdessen wirft uns Mann ohne Vorspann und Warnung mitten hinein in den dunklen, brodelnden Keller eines Nachtclubs. Im Dräuen der Musik von Jay-Z und Linkin' Park, zwischen zuckenden, tanzenden Leibern irren Tubbs und Crockett herum, scheinbar auf der Suche nach etwas, offenbar auf einer Mission. Genau erfährt man es nicht, und man soll es wohl auch nicht so genau wissen, denn die Undercover-Cops von 2006 leben in einer klandestinen und hermetischen Welt, in die Michael Mann nur seinen Figuren Eintritt gewährt. Als Zuschauer bleibt man außen vor, versteht im codierten Geraune des modernen Räuber-und-Gendarm-Slangs oft nur noch Satzfragmente oder wird beim schnellen, hektischen Wechsel der Schauplätze erbarmungslos abgehängt.

Hier wird absichtlich irritiert und obstruiert. Während Miami in der Serie ein gleißend hell ausgeleuchteter Laufsteg war, auf dem sich Polizisten und Dealer in einer festen Choreografie umtanzten, wirkt Miami nun wie ein braunschwarzes Schattenreich, in dessen Labyrinth sich technisch hochgerüstete Spezialeinheiten einen unübersichtlichen Mehrfrontenkrieg mit multinationalen Drogenkartellen liefern. Fast möchte man glauben, dass Michael Mann sich den pastellenen Dämon "Miami Vice" ein für alle Mal austreiben wollte, so sehr distanziert er die Bilderwelt seiner Kinoversion vom Original.

Einer Erdung müssen sich auch die beiden Helden unterziehen. Colin Farrell sieht als Sonny Crockett aus, als würde er zwecks Aufbesserung seines Beamtengehalts in drittklassigen Pornos mitspielen. Schnauzbart und grauenhafte Vokuhila-Frisur scheinen das Dandyhafte des Original-Darstellers Don Johnson verhöhnen zu wollen. Kollege Ricardo Tubbs wird von Jamie Foxx mit abgezirkelter Kurzhaarfrisur und Goatee-Bärtchen verkörpert - sehr street, sehr smart. Die Rollenverteilung bleibt bestehen: Crockett ist der Flatterhafte, Nervöse; Tubbs das Gewissen, der strenge Analytiker. Doch darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten, denn die beiden unmodisch gekleideten Proleten verströmen ungefähr so viel Glamour wie ein Lastwagenfahrer-Duo nach einem langen Ritt über die Autobahn. Das Leben als Undercover-Cop, suggeriert Mann, ist keine Cocktailparty, sondern harte Arbeit - mitten in der Hölle.

Passend dazu erzählt der Film neben der Thriller-Handlung von Identitätsfindung und Seelennot. Crockett verliebt sich in die attraktive Geschäftspartnerin eines mächtigen Drogenbosses, den die beiden Cops eigentlich in die Falle locken sollen. In einer faszinierenden Szene, der einzigen im ganzen Film, die die satten Farben und das Luxuriöse der Serie für einen Moment wieder belebt, rast Crockett mit seiner Angebeteten (Gong Li) in einem Speed-Boot übers Meer - auf einen Drink in Havanna. Treffender hätte man die Freiheit, das Glücksversprechen, das im vermeintlich grandiosen Lifestyle der Unterwelt liegt, nicht inszenieren können. Die schöne Frau als verführerische Medusa, als Stellvertreterin einer düsteren Halbwelt, das ist auch eine Verbeugung vor dem Film noir.

Manns eigentliches Thema aber ist die emotionale Gratwanderung des Undercover-Cops, der seine eigene Identität nahezu aufgeben muss, um glaubhaft einen Dealer oder Drogenkurier verkörpern zu können. Umso leichter erliegt er den Verlockungen des entgrenzten Gangsterdaseins. In den meisten Szenen, die Crockett und Tubbs zusammen zeigen, ringen die beiden Partner miteinander um die Wahrung dieser Balance - zwischen dem Schutz von Recht und Gesetz und den Verheißungen der Gesetzlosigkeit. Als Tubbs' Geliebte Trudy (Naomie Harris), ebenfalls eine Polizistin, von den Drogenbossen gekidnappt wird, spitzt sich der Konflikt zwischen Gut und Böse zu - und entlädt sich in einem erstaunlichen Showdown, der Züge einer epischen Tragödie annimmt. Zu Recht schwärmte ein Kritiker der "New York Times" von der "wagnerianischen" Wucht dieses Finales.

"Miami Vice" bleibt dabei auch in jeder actiongeladenen Szene ein Cop-Thriller, der keinem Genre-Gesetz und auch keinem gängigen Handlungsschema gehorchen will. Dem strengen Stilistiker und Kino-Ästheten Michael Mann, der in Filmen wie "Heat" und "Collateral" seine Handschrift als Regisseur des modernen Großstadt-Dramas perfektioniert hat, geht es hier mehr um Formalismus als um die Regeln des Blockbusterkinos. Mit hochauflösender Digitalkamera blickt er in jeden dunklen Winkel der finsteren Gassen und Schluchten Miamis und spiegelt darin die seelischen Verwirrungen seiner Figuren.

Es ist ein meisterhaft inszeniertes Dickicht, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nicht für Crockett und Tubbs - und nicht für den Zuschauer, der von den oft erschreckend brutalen, manchmal betörend schönen Aufnahmen Manns unweigerlich ergriffen werden muss. Selten wurde mit Erwartungshaltungen so virtuos und konsequent gebrochen. Der pink flamingo hat sich in einen schwarzen Raben verwandelt.

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