Michael Moores "Sicko" Krank vor Routine
Dieser Mann zieht jedes Mal in die Schlacht, und seine Kamera, die im schnellen Verfolgerschritt mitwippt, fungiert als Waffe. Es gibt keine Kadrierungen, keine vorgedachten Schnitte, nur die Ereignisse selbst. Und das wichtigste Ereignis ist meist: Michael Moore und sein Marsch gegen die Instanzen.
Im Grunde variiert Moore stets aufs neue die Methode des Direct Cinema, die er bei seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm "Roger and Me" (1989) wiederentdeckt hat, und die sich streng genommen aus der Logistik des dokumentarischen Kriegsfilms ableitet. Diese inszenierte Unmittelbarkeit, dazu die spekulativ sarkastischen Bilderketten, die man schon aus dem Polit-Doku-Kino der achtziger Jahre, etwa von Filmen wie "The Atomic Cafe" (1982) kennt, und der joviale Redefluss eines sich selbst ins Bild rückenden Meinungsmassivs sind die augenfälligsten Zutaten seiner Dokumentarfilme.
In ihren Erfolgen überbieten sie sich gegenseitig; Kinogeschichte haben sie schon jetzt geschrieben. Und dennoch zieht der 53-Jährige, mit seinem Bush-Bashing, seinem kritischen Patriotismus und seiner jeweils neuesten Publikation, - auf dem Buchmarkt ist er inzwischen ebenso erfolgreich - durchs Land wie ein Wanderprediger.
Ungesunder Narzissmus
Man mag Moore vieles vorwerfen. Dass ihn eine womöglich dürre Wahrheit manchmal weniger interessiert als eine saftige Verschwörungstheorie. Dass er populistisch und manipulativ genau das bebildere, was er schon vor dem Film zu wissen glaubte. Dass sein lärmendes Auftreten langsam die Züge eines Personenkults annehme. Oder, wie die Kanadier Debbie Melink und Rick Caine es in ihrem Dekonstruktionsversuch "Manufacturing Dissent" (2007) behaupten, dass Moores Filme Ausdruck seiner narzisstisch gestörten Persönlichkeit seien.
Und sicherlich gehören die Moorschen Werke nicht zu den Meilensteinen innovativer Filmästhetik. Aber wie man es auch dreht und wendet, man kommt um den Kosmos des Michael Moore, seine fröhlichen Zuspitzungen, seine maßlosen Übertreibungen und dennoch immer anrührenden Begegnungen nicht herum.
Moores Filme sind feurige Verteidigungen der kleinen Leute, der Arbeiter, der Arbeitslosen, der Kranken und ihrer Rechte vor einer Politik, die sie längst vergessen hat. Für sie bringt er seine Geschütze in Stellung vor den Bastionen der Großen, der Konzerne wie General Motors in "Roger and Me", der Waffenlobby in "Bowling for Columbine" (2002), der Bush-Regierung in "Fahrenheit 9/11" (2004) und der Krankenversicherungen in "Sicko", der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft.
Filmische Opferbehandlung
Strenggenommen stürmt der Berserker des Dokumentarfilms, wie ihn die cineastische Hochkultur wohl am liebsten beschreiben würde, diesmal nicht die Festungen der Mächtigen selbst, sondern schart Opfer des amerikanischen Gesundheitssystem um sich, um in energisch bis demonstrativ absurden Aktionen ihre medizinische Versorgung einzufordern.
Da gibt es Adam, den wir gleich zu Anfang dabei beobachten, wie er sich eine klaffende Fleischwunde am Bein beherzt selbst zunäht. Oder Rick, "der Romantiker", der zwei Finger verlor und nun wählen muss, ob er sich den Ringfinger für 12.000 oder den Mittelfinger für 60.0000 Dollar annähen lässt. Er entscheidet sich, ganz "romantisch", für den kostengünstigeren Ringfinger.
Dann ist da eine junge Frau, die ihren Nottransport selber zahlen muss, weil sie eine bestimmte Genehmigung nicht eingeholt habe. Dass sie sich zum Zeitpunkt ihres Versäumnisses gerade in tiefster Ohnmacht befand, interessiert ihre Versicherung nicht. Eine Mutter verliert ihr fieberndes Kind auf dem Weg von dem einen Krankenhaus, das die Aufnahme aus versicherungstechnischen Gründen ablehnte, zu einem anderen, das nur noch den Tod der Kleinen feststellen kann. Moore stellt uns Krebskranke vor, denen lebensverlängernde Therapien nicht genehmigt werden; Asthmakranke, die ihre Sprays nicht länger bezahlen können.
Überwachungsbilder zeigen, wie Krankenhäuser mittellose Patienten unbehandelt und im dünnen Hemdchen auf der Strasse aussetzen, damit sie keine teuren Betten blockieren. Und ehemalige Versicherungsangestellte berichten von Prämien, die sie oder auch die Ärzte einstreichen, wenn sie kostenintensive Therapien ablehnen.
Krankes System
Das amerikanische Gesundheitssystem, das teuerste, uneffektivste auf dem Globus, ist ein menschenverachtendes Desaster. Die Lebenserwartung eines Amerikaners ist geringer als die der Menschen anderer Industriestaaten. Die Kindersterblichkeit nähert sich bedenklich der Rate mancher Entwicklungsländer. Und wer überhaupt das Glück hat, von einer Versicherung aufgenommen zu werden, kann sich nicht sicher sein, ob sie auch zahlt oder ihre Klientel knallhart in den Bankrott treibt.
Das ist unfassbar, empörend, berührend - aber polarisierend ist es diesmal nicht. Anders als sonst begleitet keine Kontroverse den Film, kein Verleih bekommt hier kalte Füße. Und der Wind, der Moore ins Gesicht bläst, ist nur jener vor der Küste Guantanamos, wo er mit einem Trupp Kranker um kostenlose Behandlung bittet. Schließlich werbe die Führung des Lagers damit, dass hier alle Gefangenen ärztlich versorgt würden.
Ein Krankenhaus in Havanna nimmt sich schließlich ihrer an, bringt die teuersten Geräte für die vernachlässigten Amerikaner in Stellung und genießt deren Dankbarkeit in vollen Zügen. Dass Moore und seine Gefährten in diesen Momenten Teil einer anderen Propagandamaschine werden, ist ihnen ziemlich schnurz.
Die Reise zum Feind nach Kuba wird Folgen haben. Moore hat das US-amerikanische Handelsembargo verletzt, ihm droht nun ein Prozess. Doch auch darüber wird es sicher bald einen Film, ein Buch oder eine Bühnenshow geben.