Miss Undercover Postmodernes Aschenputtel
Eliza Doolittle, das hässliche Entlein aus "My Fair Lady", hat endlich eine Nachfolgerin gefunden: Sandra Bullock, Produzentin und Star romantischer Komödien wie "Während du schliefst" und "Auf die stürmische Art", übernimmt die Rolle des postmodernen Aschenputtels und beweist, dass eine schöne Seele auch in einem schönen Körper wohnen darf.
Womit das Problem von Donald Petries Krimi-Märchen bereits angerissen ist: Die schöne Seele, jenes Idealbild, in dem sich Vernunft und Sinnlichkeit, Moral und Affekte in harmonisch-schönem Ausgleich zusammenschließen, ist in Zeiten von Fitnesskult und Medienterror nicht Ursprung, sondern Folge des attraktiven Körpers. Deshalb muss Bullock als FBI-Agentin Gracie Hart erst äußerlich verwandelt werden, um einen anziehenden Charakter auszubilden.
Gracie Hart ist das, was die Amerikaner einen "Tomboy" nennen: ein burschikoser Mädchen- beziehungsweise Frauentyp, der sich mit Männertugenden und -interessen anstatt mit Make-up verziert. In der überzeichneten Welt der Komödie heißt das: Sie spricht mit vollem Mund, schmatzt, grunzt beim Lachen und vertreibt sich die Freizeit mit Boxtraining. Zu den kritischen Verwicklungen des Plots gehört, dass Gracie einen Job vermasselt und zur Strafe als Undercover-Agentin in eine landesweite Miss-Wahl eingeschleust wird. Den Wettbewerb bedroht ein Bombenattentat, angekündigt von schönheitsfernen Terroristen.
Higgins, den kultivierten Mentor und Persönlichkeitsgestalter aus "My Fair Lady", gibt in diesem Szenario Michael Caine als Victor Melling: Er ist der klischeehaft homophile Sachverständige in Schönheitsfragen, dessen englischer Akzent so hochnäsig ist, wie seine Ratschläge tiefsinnig sind. Auch eine schöne Seele also, aber fürs Lager der körperoptimierten Attraktivität schon auf Grund des Alters verloren. So muss Gracie/Sandra umso mehr auf ganzer Körperlinie leiden, um als Misswahl-taugliches Model durchzugehen - und den Terroristen das hässliche Handwerk zu legen.
Der eigentliche Terrorismus aber spielt sich im Umarbeitungsprojekt der Heldin ab. Mit der Reparatur der Physis wird auch der Charakter gründlich in Stand gesetzt, gemäß jenes Programms, das Hollywood den Titel der "Paarbildungsmaschine" eingetragen hat: Am Ende ist Gracie bereit für Lippenstift und Herzklopfen, Make-up und Rendezvous. Anders als in den großen romantischen Komödien der dreißiger und vierziger Jahre, in denen die Erfüllung gesellschaftlicher Konventionen immer wieder mit Ironie unterlaufen wurde, schminkt sich "Miss Undercover" den Drill zur Imago eines vollendeten Gesellschaftskörpers mit routinierten Gags und erstklassigen Darstellern schön.
Die Revision dieser Mach- und Denkungsart kommt übrigens ebenfalls aus Amerika: Bret Easton Ellis, der schon in seinem Skandalroman "American Psycho" die Gewalt eines modischen Oberflächenkults grausam karikierte, indem er einen Killer Menschen regelrecht zuschneiden ließ wie ein Stück Stoff, zeigte unlängst, wie man Konventionen sprengt, anstatt in Schönheit zu sterben: In seinem neuesten Buch legen die Models die Bomben gleich selbst.
"Miss Undercover" ("Miss Congeniality"). USA 2000. Regie: Donald Petrie; Buch: Marc Lawrence, Katie Ford, Caryn Lucas; Darsteller: Sandra Bullock, Michael Caine, Benjamin Bratt, William Shatner, Candice Bergen. Länge: 109 Minuten; Verleih: Warner Bros.; Start: 29. März 2001.