"Monster's Ball" Schokolade statt Rührstück
Eigentlich kann das nicht gut gehen. Die Themen sind zu groß, die Geschichte ist zu klebrig und die Hauptdarstellerin Halle Berry ist zu attraktiv. Doch weit gefehlt: Wenn es dem Familiendrama des Schweizers Marc Forster an einem mangelt, dann ist es der gefürchtete amerikanische Pathos mit Kleenex-Garantie. Stattdessen bekommt der Zuschauer einen Film zu sehen, der sich zwar stereotyper Rollenmodelle bedient, jedoch mit der Erwartungshaltung des Zuschauers bricht.
Dabei bietet die Handlung des generell eher schweigsamen Filmes genug tränenreiche Tragik und Rassenklischees für weit mehr als ein Drama. Die desillusionierte Kellnerin Leticia Musgrove (Halle Berry) muss sich erst von ihrem Mann (Sean Combs alias Rapper P. Diddy) verabschieden, der wegen Mordes auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wird, dann kommt ihr Sohn bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ums Leben, und nur kurze Zeit später lernt sie Hank Grotowski (Billy Bob Thornton) kennen und lieben. Was sie nicht weiß: Grotowski ist der Henker ihres Mannes.
Hank Grotowski kommt aus einer Familie mit Tradition: Sein Vater Buck (Peter Boyle) ist schon Wärter im Todestrakt gewesen, sein Sohn (überraschend gut: Heath Ledger) ist es jetzt auch. Alle drei leben unter einem Dach mit einem vorgezeichneten Schicksal und eingestanzten Anschauungen. Die Profession ist der Tod, die Frauen von Vater und Großvater haben Selbstmord begangen, Schwarze sind Abschaum. Doch dann schleicht sich der erste Fehler ins System. Hanks Sohn Sonny ist dem Job nicht gewachsen und erschießt sich nach einem Eklat mit seinem Vater mitten im Wohnzimmer. Für seinen Großvater kein großer Verlust. Als Sonny im Garten mehr hastig verscharrt als begraben wird, befindet dieser knapp, dass er ein Weichling gewesen sei.
Auch Hank macht um den Verlust nicht viele Worte. Sorgfältig popelt er die Kugel wieder aus dem Sessel und säubert das Polster mit einem Allzweckreiniger, während sein Vater Buck unberührt daneben liegt. Es gibt nur ein einziges Anzeichen Hanks dräuender Unmut: Als er seine angestammte Prostituierte besucht und sie ihn nach seinem ihr ebenso gut bekannten Sohn fragt, geht nichts mehr. Schließlich kündigt er seinen Job und kauft eine Tankstelle. Beginn eines neuen Lebens.
Und einer neuen Liebe. Allen rassendiskriminierenden Realitäten zum Trotz kommen sich Hank und Leticia näher, erst in der Trauer, dann körperlich. In Amerika sorgte die Sexszene in "Monster's Ball" für Furore - aus zweierlei Gründen. Erstens hielt man sie für so explizit, dass sie in der US-Fassung geschnitten wurde. Das ist deswegen eigentümlich, da man in der Sequenz nicht mehr Hintern oder Busen sieht, als in jeder durchschnittlichen Duschgel-Werbung. Das pornographische Element liegt in der lieblosen Verzweiflung, mit der die beiden übereinander herfallen. Mit Gefühl hat der Akt nur in sofern etwas zu tun, als dass es darum geht, überhaupt noch etwas im Leben zu fühlen. Und das ist in der Tat drastisch ins Bild gesetzt.
Der zweite Grund zur Aufregung liegt in der Farbenlehre. Die afroamerikanische Schauspielerin Angela Bassett äußerte, dass sie eine solche Szene, in der sich eine schwarze Frau dem weißen Mann hingibt, nie spielen könne, weil mit diesem Schwarz-Weiß-Bild Rassenklischees bestätigt würden. Damit hat sie sowohl Recht als auch Unrecht. Wahr ist, dass Klischees die Basis von "Monster's Ball" bilden. Das alteingesessene Redneck-Familienoberhaupt Buck Grotowski sitzt auch mal auf seiner südstaatlichen Veranda, der Mörder in der Todeszelle ist farbig, und seine kellnernde Ehefrau verliert auch noch ihr Haus. Dann kommt der weiße Gönner daher, schenkt ihr das Auto seines toten Sohnes, geht mit ihr ins Bett und füttert sie mit seiner Lieblingsspeise - Schokoladeneis übrigens.
Falsch ist aber, die Sex-Szene auf "Weiße Lust auf schwarzes Fleisch" zu reduzieren. Leticia ist es, die Hank dazu auffordert, mit ihr zu schlafen, das allerdings erst, als dieser etwas ratlos meint, er wisse nicht genau, was sie von ihm erwarte. Nicht gerade das Parade-Bild weißen Hengstes, dem Billy Bob Thornton ohnehin eher selten entspricht. Dazu kommt, dass Hank sich ihr aus Gewohnheit zunächst von hinten nähert, Leticia sich dann aber umdreht und ihn direkt anblickt. Anhand dieses Blick- und Positionswechsels wird deutlich, dass Leticia mit der klassischen Rolle bricht.
Zudem befinden sich beide im emotionalen Patt. Beide haben ihren Sohn verloren und beider Leben liegen in Trümmern. Der feine Unterschied besteht jedoch darin, dass sich Hank bewusst für eine Kehrtwende in seinem Lebensweg entscheidet, während Leticias Existenz einfach wegbröselt. Klassischerweise ist also der Mann derjenige, der sich wie Phoenix aus der Asche erhebt - und die gestrandete Leticia mit aus dem Dreck zieht. Hier mag man eher ein Rollenklischee der Geschlechter und nicht der Rasse monieren - wenn man es denn sucht.
Nicht aufzufinden sind in "Monster's Ball" Gefühlsduselei und pathetisches Hollywood-Kino. Regisseur Marc Forster konzentriert sich auf das nervenzerreißende Schweigen zwischen Menschen, die etwas verloren haben - und vermeidet inhaltsschwere Dialoge. Auf die drei berühmten Worte kann der Zuschauer lange warten, stattdessen bemalt Hank das Schild seiner neuen Tankstelle mit dem Namen "Leticia" - und sagt ihr dies noch nicht einmal.
Es ist vor allem Billy Bob Thornton zu verdanken, dass die Handlung funktioniert. Er ist derjenige, dem man die Gebrochenheit abnimmt und mit dem der Zuschauer fühlt - sei es Lebenslast, Leere oder überschwängliche Liebe. Zwar sind Halle Berrys schauspielerische Leistungen und ihr Mut zur hässlichen Normalität nicht in Abrede zu stellen - verdient hätte Thornton den Oscar jedoch auch, wenn nicht gar ein bisschen mehr.
Kann man drüber diskutieren, muss man aber nicht. Denn spannender ist in jedem Fall die Frage, wie das offene Ende des Films zu interpretieren ist. Denn zum Schluss erfährt Leticia, dass Hank ihren Mann hingerichtet hat - der Moment, den der Zuschauer die ganze Zeit über gefürchtet hat. Aber "Monster's Ball" ist kein Happy-End-Film, und entsprechend hat Marc Forster die Schicksalsfrage im Film nicht beantwortet. Das Glück liegt im Auge des Betrachters.
"Monster's Ball" USA 2001; Regie: Marc Forster; Drehbuch: Milo Addica, Will Rokos; Darsteller: Halle Berry, Billy Bob Thornton, Heath Ledger, Peter Boyle, Coronji Calhoun, Sean Combs, Mos Def; Länge: 112 Minuten; Verleih: Tobis Studiocanal; Start: 5. September 2002