Noir-Thriller "Brighton Rock": Monstrum sucht Moral - DER SPIEGEL
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Noir-Thriller "Brighton Rock": Monstrum sucht Moral

Foto: Kinowelt

Noir-Thriller "Brighton Rock" Monstrum sucht Moral

Regiedebütant Rowan Joffe wagte eine Neuverfilmung von Graham Greenes Roman-Klassiker "Brighton Rock". Leider fügt sie weder dem Buch, noch der gefeierten Kino-Adaption von 1947 viel Neues hinzu. Immerhin: Newcomerin Andrea Riseborough überzeugt als starke Hauptdarstellerin.
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Wer es wagt, sich an nationalen Heiligtümern zu vergreifen, kann eigentlich nur verlieren. Insofern sollte man sich vor dem Mut Rowan Joffes verbeugen, denn für sein Kino-Regie-Debüt hat sich der Drehbuchautor und Sohn des britischen Regie-Stars Roland Joffé ("The Killing Fields") einen Stoff ausgesucht, der in Großbritannien zu jenen Kulturschätzen gehört, die jeder kennt und jeder liebt: Graham Greenes finsteren Bestseller "Am Abgrund des Lebens" von 1938, im Original bekannt und verehrt als "Brighton Rock", an Popularität allerdings noch übertroffen von John Boultings Verfilmung aus dem Jahr 1947.

In jener spielte Richard Attenborough die Hauptrolle des psychopathischen jungen Gangsters Pinkie Brown, der im südenglischen Badeort Brighton nach seinem ersten Mord zum gefürchteten Bandenboss aufsteigt, ohne Skrupel und in der tief katholisch verwurzelten Überzeugung, der Hölle als unbelehrbarer Sünder ohnehin nicht entkommen zu können. Ein Monstrum mit toten Augen und ohne Fähigkeit zu Mitgefühl oder gar Liebe, das widerwillig die schüchterne Kellnerin und mögliche Zeugin Rose heiratet, damit sie nicht gegen ihn aussagen muss. Sie liebt ihn bedingungslos und aufrichtig. Er hasst sie aus den tiefsten Schluchten seiner Seele.

Traurige Geschichte von Schuld, Verdammnis und Erlösung

Es ist ein klassischer Noir-Krimi, aber auch eine traurige Geschichte von Schuld, Verdammnis und Erlösung, die immer wieder nach Moral fragt, nach göttlicher und menschlicher, und danach, ob der Mensch überhaupt ein moralisches Wesen ist. Boultings Filmversion endet etwas optimistischer als Greenes Roman, trifft aber sonst ziemlich genau den düsteren Ton grausamer Tage. Der Film wirkt heute ein bisschen in die Jahre gekommen, aber nicht so staubig, dass die Welt nach einer Neuverfilmung gerufen hätte.

Was dann auch ein Problem von Joffes neuer Fassung ist. Spannend ist sie geworden, aber wer braucht sie unbedingt? Joffe wollte ausdrücklich das Buch neu interpretieren und kein Remake des Films machen, doch viel Neues hat er aus dem Stoff nicht herausgeholt. Der größte Unterschied ist, dass die Handlung ins Jahr 1964 verlegt wurde, was wegen der damals tobenden Kämpfe zwischen Mods und Rockern einen leicht glamourösen zeitgeschichtlichen Hintergrund abgibt, der aber keinen größeren Einfluss auf die Geschichte hat. Die Bilder von Kameramann John Mathieson sind schwermütig-schön, passen aber nicht recht zu Joffes etwas gehetzter Erzählweise, die pflichtschuldig die wichtigsten Plot-Punkte abarbeitet und nicht immer den richtigen Ton trifft.

Zerbrechlich und entschlossen

Hauptdarsteller Sam Riley (zu recht gefeiert in Anton Corbijns "Control") gibt seiner Rolle einen stets oberfiesen Gesichtsausdruck mit und sonst nicht viel mehr - was es umso rätselhafter macht, dass ihm die arme Rose (faszinierend: Andrea Riseborough) verfallen ist. Diese Rose ist die spannendste Figur in Joffes "Brighton Rock", nicht so passiv wie bei Greene und Boulting, manchmal zerbrechlich wie Porzellan, dann mit Momenten stählerner Entschlossenheit. Die britische Newcomerin ("We Want Sex", "Alles, was wir geben mussten") stellt damit sogar fast Helen Mirren in den Schatten, die in der Nebenrolle als resolute Barbesitzerin mit Sinn für Gerechtigkeit mal wieder beweist, dass sie für jeden Film ein Gewinn ist.

Nächstes Mal darf es aber gern wieder ein besserer sein.


"Brighton Rock". Start: 21.4. Regie: Rowan Joffe. Mit Sam Riley, Andrea Riseborough, Helen Mirren.