"Office Killer": Im Kreise meiner Leichen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

"Office Killer" Im Kreise meiner Leichen

Splatter, was sonst. Mit "Office Killer" nutzt die Fotokünstlerin Cindy Sherman erstmals bewegte Bilder als Medium für ihre makabre Lust am Obszönen und Morbiden.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob zerfetzte Teddybären oder grausam zerstückelte und neu verschraubte Puppen - die New Yorker Künstlerin Cindy Sherman zelebriert Gewaltphantasien und die Lust am Obszönen und Morbiden. Nun hat die 46-Jährige auch das Medium Film für ihre spektakulären Inszenierungen entdeckt. "Office Killer" ist erwartungsgemäß ein Horrorstreifen auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und B-Picture, ein Balanceakt, der jedoch nicht immer glückt.

Als wäre der Alltag in einer Zeitungsredaktion nicht schon schaurig genug, nimmt Sherman den geplanten Personalabbau allzu wörtlich. Computer halten Einzug in eine heruntergekommene Büroetage, Mitarbeiter werden entlassen, anderen droht Heimarbeit. So auch der altjüngferlichen Dorine (Carol Kane), die eigentlich zum Inventar des "Constant Consumer"-Magazins gehört. selbstlos schluckt die schrullige Frau jede Schikane; was bleibt ihr auch anderes übrig, wenn der Job zum Lebensinhalt wird? Zu Hause lauert eine tyrannische bettlägerige Mutter, empfängt sie die Stille der Isolation.

Doch dann hilft ihr der Zufall auf die Sprünge: Als sie - völlig konfus - einen eitlen Kollegen unbeabsichtigt mit einem Stromstoß niederstreckt, entdeckt sie bisher unbekannte Energien. Ohne Zögern karrt sie die Leiche nach Hause und deponiert sie vor dem Fernseher. Endlich Gesellschaft und offene Ohren! Mord entpuppt sich als kinderleichtes Vergnügen, und Dorine killt fortan skrupellos jeden, der sich ihr in den Weg stellt. Erst die Chefin Virginia (Barbara Sukowa - herrlich kettenrauchend mit langen schwarzen Krallen), dann einen Penner, zwei Pfadfinder-Mädchen, einen Kollegen mit Vorliebe für Pornos. Die Mörderin blüht auf, schmückt sich mit dem Gold ihrer Opfer und nutzt die Computertechnik, um Verdachtsmomente von sich abzuweisen. Zu Hause indes stapeln sich die Leichen, schimmernd in allen Stadien der Verwesung.

Zweifellos verkörpert Dorine die Künstlerin Sherman. Die Leichen fungieren als Puppen und werden speziell zurechtgemacht: mit grässlichem Knacken brechen Virginias Fingernägel, schleimend klaffende Wunden werden verklebt und mit Sprühreiniger blank poliert. Abgesägte Körperteile dekorieren die Wohnung neu und dienen als schauderhafte Spielutensilien. Das monströse Schauspiel wird immer grotesker. Doch allzu leicht lässt sich Shermans Foto-Kunst nicht auf einen Spielfilm übertragen. Da die Künstlerin auch in "Office Killer" auf stereotype Figuren wie Sexbomben, Intriganten, Hexen und Mauerblümchen setzt, bremsen hölzerne Dialoge den Fluss des Geschehens.

Bizarre Rückblenden in Dorines Kindheit sind zudem als psychologische Erklärungsmuster fast schon Luxus, denn sinnstiftende Fingerzeige sind im Grunde überflüssig. Bleiben also die exzentrischen Motive und Momente, die Sherman in detailgenauen Szenen präsentiert. Das Grauen hat sich zwar aus der Umklammerung der Fotografie gelöst, doch eigentlich sind die Splatter-Bilder zumindest Horrorfilm-Kennern sehr vertraut. Nur gut, dass sich Cindy Sherman wenigstens des antiquierten Siebziger-Jahre-Ambientes bediente, das so typisch für B-Pictures ist. Ohne dessen rührend verspielten Touch bliebe "Office Killer" als Film chancenlos.

"Office Killer": USA 1997, Regie und Drehbuch: Cindy Sherman, Darsteller: Carol Kane, Molly Ringwald, Barbara Sukowa, Jeanne Tripplehorn, Kamera: Russell Fine, Länge 83 Minuten, Verleih: Scotia/Buena Vista