"Oi! Warning" Komas Welt
Sechs Jahre haben die jungen Hamburger Filmemacher Benjamin und Dominik Reding in der Skinhead-Szene recherchiert. Das Ziel der beiden war, komplett in die Materie einzutauchen: "Wir wollten nicht einfach so Elemente aus dem Skin-Milieu in unseren Film einbauen, sondern konsequent in diesem Milieu erzählen", sagt Benjamin Reding. Ein nicht ganz ungefährliches Vorhaben: Im Erfurter Hauptbahnhof schossen Skins auf die beiden Brüder. In Leipzig wurden sie nach der Vorführung ihres Filmes "Oi! Warning" bedroht: "Wir hängen euch auf!"
"Oi! Warning" ist ein Film über gewalttätige Jugendliche und ihre Schwierigkeiten bei der Selbstfindung. Die Zwillingsbrüder Benjamin und Dominik schrieben, drehten und produzierten einen Schwarzweißfilm, der zeigt, wie aus einem "normalen" Jugendlichen ein Skinhead wird, sowie die Konsequenzen dieser Entwicklung. Die Reding-Brüder wollten die Geschichte von "Oi! Warning" weder plakativ noch didaktisch erzählen. "Wir wollten vor allem eine offene Diskussion über Gewalt unter Jugendlichen auslösen", erklärt Benjamin Reding.
"Zutreten, bevor die anderen zutreten" ist der Wahlspruch von Koma. Koma ist Skinhead und trainiert jeden Tag am Punchingball seine Oberkörpermuskulatur. Das ist wichtig, denn er glaubt, dass alle anderen ihn "platt machen" wollen. Der schmächtige Janosch ist gerade 17 Jahre alt und sollte eigentlich bald sein Abitur machen. Dann fliegt er aber von der Schule, zieht in Dortmund bei seinem früheren Kumpanen Koma ein, den er grenzenlos bewundert. Schnell wird Janosch in Komas Kreise eingeführt: "Ja, ich bin ein Skin und das ist, was ich bin." Koma rasiert ihm den Kopf und zeigt Janosch seine Welt aus Pogo, Spaß und Gewalt.
Alles ändert sich jedoch, als Janosch Zottel kennen lernt. Zottel ist ein Outsider, lebt im Bauwagen und wälzt sich am liebsten im Schlamm. Und: Zottel ist völlig friedfertig. Plötzlich sind die Fronten nicht mehr eindeutig, die menschlichen Beziehungen verstricken sich in Eifersucht und Unsicherheit. Alles, was am Ende des Films bleibt, ist: ein brennender Bauwagen, zwei Tote und ein völlig verzweifelter Mensch, der verstrickt ist in Schuldgefühle und Erinnerungen, der gleichzeitig Mittäter und Opfer ist.
Zwei Jahre lang dauerte das Casting, das laut den Regisseuren "furchtbar schwer" war. Dreihundert Anwärter auf die Hauptrolle missfielen den Machern. Die, die schließlich ausgesucht wurden, leben auch in Wirklichkeit im Bauwagen oder in der Sozialwohnung, sie haben die Schule abgebrochen und sind früher mal von zu Hause weggelaufen.
Im Ausland stieß der Außenseiter-Film auf eine breite Resonanz. "Oi! Warning" wurde zu über 20 internationalen Filmfestivals eingeladen und mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überhäuft. In Deutschland ist das Thema Rechtsextremismus in den Medien zwar allgegenwärtig, doch die geplante Vorführung des Films auf der Expo wurde kurzfristig wieder abgesagt. Auch Fördermittel erhielt der Film kaum. "Die meisten Anstalten", erzählt Regisseur Benjamin Reding, "haben auf unsere Anfragen nicht einmal reagiert."
"Oi! Warning". BRD 1999. Regie und Buch: Dominik und Benjamin Reding; Darsteller: Sascha Backhaus, Simon Goerts, Sandra Borgmann; Verleih: Nighthawks; Länge 90 Minuten; Start: 19. Oktober 2000.