Oscar 2004 Triumph der Hobbits
Los Angeles - Von nun an muss man ihn in einem Atemzug mit "Ben Hur" (1960) und "Titanic" (1998) nennen: "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs", dritter Teil der fulminanten Tolkien-Trilogie des Neuseeländers Peter Jackson, war in elf Kategorien für die diesjährigen Oscars nominiert - und absolvierte am vergangenen Abend im Kodak Theatre zu Hollywood einen glatten "Homerun".
Elf Oscars, damit hatte man fast schon gerechnet, nachdem das Fantasy-Epos auch bei den Golden Globes und den Producers-Guild-Awards abgeräumt hatte. Ein Triumph für Peter Jackson, dessen kühnes, 270 Millionen Dollar schweres Unternehmen nun mit insgesamt 17 Oscars belohnt wurde. Vier der begehrten Hollywood-Trophäen hatte Teil eins der Trilogie bekommen, zwei weitere waren an das Mittelstück "Die zwei Türme" gegangen. Neben den fast schon obligatorischen Auszeichnungen für Spezialeffekte, Sound-Mischung und Kostüme gab es zum Abschluss der Trilogie nun auch noch den Regie-Oscar und als Sahnehäubchen die Trophäe für den besten Film.
Oscar-Bilder: Kiwis, Kerle und ein schönes Monster
Eine veritable Sensation, denn noch nie zuvor in der Geschichte der Oscars hat es ein Film mit mehr als zehn Nominierungen geschafft, wirklich allen Nennungen gerecht zu werden. Trotzdem wollte bei der 76. Verleihung der Academy Awards nicht so recht Stimmung aufkommen. Lag es an dem 5-Sekunden-Delay, das Oscar-Sender ABC vor die Live-Ausstrahlung der Show gelegt hatte, um Ausfällen wie dem "Nipplegate" zuvor kommen zu können? Lag es am routinierten Witz des Gastgebers Billy Crystal, der seine achte Oscar-Show zwar mit gewohntem Sarkasmus, aber dennoch handzahm absolvierte? Vielleicht mangelte es angesichts der überwältigenden Dominanz des Tolkien-Spektakels aber auch einfach nur an Überraschungen.
Denn ebenso vorhersehbar wie das Doppelpack "Bester Film/Beste Regie" für "Die Rückkehr des Königs" war auch die Vergabe des Oscars für die beste weibliche Hauptrolle an Charlize Theron, die sich in dem Drama "Monster" so hässlich gemacht hatte, dass man ihr schon allein für diesen Mut zur Maske einen Preis geben musste. Ein sicherlich verdienter Gewinn der 28-jährigen Südafrikanerin, gleichwohl hätte auch die Academy Mut beweisen können, hätte sie die Auszeichnung an die erst 13-jährige Keisha Castle-Hughes aus "Whale Rider" oder an die grandiose Naomi Watts ("21 Grams") gegeben.
Gefreut hätte man sich auch über einen Hauptdarsteller-Oscar für Bill Murray, der in Sofia Coppolas "Lost in Translation" brilliert hatte. Doch auch in der Kategorie "Bester männlicher Hauptdarsteller" folgte die Jury dem allgemeinen Konsens der Kritiker und Auguren und vergab den Oscar an Sean Penn ("Mystic River"), der nach drei Nominierungen nun endlich die wichtigste Kinotrophäe nach Hause tragen kann.
Einen zweiten Oscar gewann Clint Eastwoods Männerdrama "Mystic River" in der Kategorie "Bester männlicher Nebendarsteller. Tim Robbins, in Hollywood ein ebenso unbequemer (weil politisch mündiger) Zeitgenosse wie Sean Penn, gewann ebenfalls seinen ersten Academy Award. Wiederum absehbar war die Auszeichnung Renée Zellwegers für ihre Nebenrolle in Anthony Minghellas Bürgerkriegsdrama "Cold Mountain", das sich trotz siebenfacher Nominierung mit diesem einzigen Oscar begnügen musste.
Der ganz große Verlierer des Abends war jedoch die Pferdeoper "Seabiscuit". Gary Ross' ambitioniertes Drama war ebenfalls in sieben Kategorien nominiert, gewann jedoch keinen einzigen Preis. Auch Peter Weirs Seeschlachten-Epos "Master and Commander" musste sich mit zwei Oscars (für bestes Sound-Editing und beste Kamera) zufrieden geben. Und auch der Außenseiterkandidat "Lost in Translation" konnte sich nur in einer von drei Nominierungen durchsetzen: Sofia Coppola gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch.
Ein schöner Erfolg für die 32-jährige Tochter Francis Ford Coppolas, die als erste Amerikanerin in der Geschichte des männerdominierten Hollywoods in der Kategorie "Beste Regie" nominiert war. Hier hätte man Neuland beschreiten können, doch die Academy wollte offenbar eher Peter Jackson für sein Gesamtkunstwerk "Herr der Ringe" belohnen. Fair enough, ein bisschen schade bleibt es dennoch.
Apropos schade: Die beiden nominierten Deutschen gingen bei der Oscar-Verleihung leer aus. Florian Baxmeyer verlor mit seinem Kurzfilm "Die rote Jacke" gegen die amerikanische Faulckner-Adaption "The Two Soldiers", die Hamburgerin Katja Esson unterlag mit ihrer Kurz-Dokumentation "Ferry Tales" der Atommeiler-Doku "Chernobyl Heart" von Maryann DeLeo. In der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" gewann der Kanadier Denys Arcand mit seinem Drama "Die Invasion der Barbaren". Zum besten Animationsfilm wurde - wiederum kaum überraschend - Pixars "Findet Nemo" gekürt.
Und der Rest? Der Rest ist "Herr der Ringe". Gastgeber Crystal machte immerhin einige Humor-Punkte gut, als er den Reigen der oscarprämierten Neuseeländer mit lakonischen Kommentaren ("Es gibt jetzt wahrscheinlich keinen Neuseeländer mehr, dem heute Abend nicht gedankt wurde") kommentierte.
In der Tat begnügten sich die meisten Preisträger in ihren Reden mit ausufernden Danksagungen an Mütter, Väter, Produzenten und sonstige Weggefährten. Wer angesichts der noch immer katastrophalen Lage im Irak und der bevorstehenden Präsidentschaftswahl mit politischen Statements oder emotionalen Höhepunkten gerechnet hatte, wurde enttäuscht. Selbst Sean Penn, ansonsten nie um deutliche Worte verlegen, gab sich schüchtern und bescheiden. Charlize Theron dankte ganz gefasst ("Ich werde nicht weinen!") lieber ihrem Manager und ihrem Anwalt, anstatt traditionsgemäß in Tränen auszubrechen.
Am signifikantesten für die mangelnde Risikobereitschaft der Hollywood-Stars am gestrigen Abend war wohl Billy Crystals dürres Statement zum Krieg im Irak: Trocken und ernsthaft schickte er einen Gruß und einen Dank an die Truppen. Abgehakt, auf zum nächsten Programmpunkt.
Ähnlich routiniert und dementsprechend ein wenig öde verlief auch der Rest der wie immer prunkvollen Gala. Kleinere Höhepunkte wie die rührende Verleihung des Ehrenpreises an den Komödienregisseur Blake Edwards, 81, oder der lustige Auftritt der Präsentatoren Ben Stiller und Owen Wilson ("Starsky and Hutch") retteten den Gesamteindruck eines müden und matten Hollywoods nicht. Vielleicht wollte man nach der Aufregung um Michael Moore im vergangenen Jahr ("Shame on you, Mr. Bush!") und der Medienhysterie um zu viel nackte Haut im Fernsehen ja bewusst seriös erscheinen. Dadurch erinnerte die 76. Oscar Gala streckenweise ein wenig an das schier endlos erscheinende Finale der "Herr der Ringe"-Trilogie. So schließt sich der Kreis.