Oscar-Analyse: Hollywood sieht endlich schwarz - DER SPIEGEL
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Oscar-Analyse Hollywood sieht schwarz

So politisch, so dringlich und so unterhaltsam waren die Oscars schon lange nicht mehr. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der 88. Verleihung der Academy Awards.
Oscar-Analyse: Hollywood sieht schwarz
Oscar-Analyse: Hollywood sieht schwarz

Oscar-Analyse: Hollywood sieht schwarz

Foto: Kevin Winter / AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Diversity" war das Reizwort, divers waren die Themen

Sogar für den Klimawandel war am Ende noch Platz: Umweltaktivist Leonardo DiCaprio, der nach fünf erfolglosen Nominierungen endlich seinen Oscar in den Händen hielt, erinnerte daran, dass wir mit den Ressourcen unseres Planeten verantwortungsvoll umgehen sollten. Zuvor hatte Lady Gaga bei dem wohl berührendsten Auftritt der Oscar-Show einen ganzen Chor aus Opfern sexuellen Missbrauchs auf der Bühne versammelt und mit ihnen den nominierten Song "Til It Happens To You" gesungen.

Dass am Ende Sam Smiths eher schnöde Bond-Ballade gewann - geschenkt. Smith nutzte seine Dankesrede aber dafür, seinen Preis der LGBT-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) zu widmen. Der Brite ist der erste offen homosexuelle Sänger, der einen Oscar gewann.

Kaum eine Präsentation, kaum eine Dankesrede kam dieses Jahr ohne eine politische Spitze oder einen Appell aus, so viel gesellschaftliche Awareness war lange nicht bei den stets betont unpolitischen Oscars. Die unruhigen, umbrüchigen Zeiten, in denen wir leben, schleichen sich selbst in die hermetischsten Bastionen des Entertainments, das schreibt der aktuelle Zeitgeist so vor: Eine Oscar-Show, die heikle Themen ausspart, wäre im Jahr 2016 nicht satisfaktionsfähig gewesen.

Manches wurde auch verschwiegen, das Fehlen des Transmenschen Anohni zum Beispiel, der mit dem Song "Manta Ray" für einen Oscar nominiert war, aber nicht für die eigentlich übliche Live-Performance eingeladen wurde. Dennoch wurde vieles angesprochen und thematisiert, was noch vor einigen Jahren verpönt gewesen wäre.

Selbst Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs nutzte ihre obligatorische Ansprache, um in die Zukunft zu blicken, statt Vergangenes zu feiern. Sie steht vor der wichtigen, aber schwierigen Aufgabe, die Mitgliederstruktur ihrer Organisation so umzubauen, dass sie den gesellschaftlichen und demografischen Realitäten besser gerecht wird.

Foto: Kevin Winter / AFP

#OscarsSoWhite? Dafür waren sie ganz schön schwarz!

Wie würde Oscar-Host Chris Rock das Kunststück vollbringen, das dringlichste Thema dieser Verleihung, die fehlende Würdigung schwarzer Künstler, auf die Bühne zu bringen, ohne die Show kippen zu lassen? Das war die große Frage.

Der US-Komiker löste diese unlösbar wirkende Aufgabe mit Bravour. Fast noch wirksamer als sein furioser, frontal angreifender Eröffnungsmonolog ("Welcome to the White People's Choice Awards") waren die Einspielfilme, mit denen er das brisante Thema bissig, aber humorvoll aufbereitete: Die weißen Hauptrollen der nominierten Filme mit Schwarzen besetzt? Großartig. Schwarze Besucher eines Kinos in Compton zu fragen, ob sie Filme wie "The Revenant" oder "Room" gesehen hätten (natürlich nicht): Unbezahlbar.

Rock tappte nicht in die vielen offenen Fallen: Weder ließ er das Thema nach der Eröffnungsrede fallen - im Gegenteil, er ließ es zum Leitmotiv der Show werden. Noch ließ er zu, dass schwarze, zu Recht empörte Künstler als beleidigte Leberwürste dastehen. Seine spöttischen Seitenhiebe auf die Boykotteure Will Smith, Jada Pinkett und Spike Lee mögen unnötig gewesen sein, aber die generelle Versöhnlichkeit, mit der er das Thema Rassismus anfasste ("It's not all about sexism or racism") erinnerte an den schwarzen Komiker Richard Pryor, der in der Oscar-Show von 1977 ganz ähnlich agierte.

Auch damals war kein schwarzer Künstler nominiert, auch damals regte sich Protest. Vor 40 Jahren! Die bittere Erkenntnis der aktuellen Show ist daher auch: Es hat sich nichts getan. Umso dringender, dass es jetzt endlich passiert. Aber eben nicht konfrontativ, sondern möglichst gemeinschaftlich.

Die Show-Produzenten spielten Chris Rocks Agenda immerhin schon einmal in die Hände. Sie hatten so viele schwarze Presenter auf die Bühne geholt wie wahrscheinlich noch nie zuvor: Von Musik-Legende Quincy Jones über John Legend, Common und Pharrell Williams bis hin zu Nachwuchstalent Abraham Atta oder Comedian Kevin Hart.

#OscarsSoWhite lautete der Twitter-Hashtag, der als Menetekel über der 88. Verleihung stand. Am Ende hatte Rock das Ganze umgedeutet: "Black Lives Matter" rief er in den Saal, während als Begleitung der Schlussbilder die aufrührerische Hymne "Fight The Power" von Public Enemy erklang. Ein Anfang ist gemacht, aber der Kampf um Diversität im System Hollywood beginnt jetzt erst richtig.

Foto: Warner Bros.

Genrekino gewinnt! Der "Mad Max"-Effekt

Die größte Überraschung der Oscar-Show war die Dominanz des Blockbuster-Kinos. Sechs Preise gingen an George Millers Endzeit-Spektakel "Mad Max: Fury Road", der Favorit "The Revenant" ging mit 12 Nominierungen ins Rennen, gewann am Ende aber nur drei Trophäen - wenn auch wichtige.

Beide Filme stehen für intelligentes und künstlerisch hochwertiges Schauwerte-Kino. Jeder auf seine Weise: Millers Film ist ein starkes feministisches Plädoyer, bei dem die männliche Titelfigur nur eine Nebenrolle spielt. Und Alejandro González Iñárritus bildstarker, physischer Survival-Western ist gleichzeitig auch eine spirituelle Meditation über die menschliche Existenz.

Beide Filme waren enorm erfolgreich am Box Office. Daneben verblassten in diesem Jahr eher klassische Hollywood-Arthouse-Produktionen wie "Carol", "Brooklyn" oder "Room". Es ist eine überraschende Anerkennung der Mittel des Genre-Kinos, die sich bis zum verdienten Gewinnerfilm "Spotlight" erstreckt, der einen realen und relevanten Missbrauchsskandal als Krimi-Prozedural im Journalistenmilieu verhandelt. Science-Fiction, Action, Western und Thriller heißen die ungewohnten Sieger dieses Oscar-Jahrgangs.

Foto: Paramount

"Spotlight", der richtige, wichtige Film

Klar, auch die Wirtschaftsfarce "The Big Short" wäre ein würdiger "bester Film" gewesen, und natürlich auch "The Revenant". Aber auch wenn es so einfach nicht ist, bedenkt man die komplizierten Abstimmungsmodalitäten, mit denen die Jury-Urteile erzeugt werden, so wirkt die Auszeichnung von "Spotlight" fast schon wie ein weises, salomonisches Urteil der Academy. Alles richtig gemacht: "The Revenant" wurde für seine überragenden Einzelleistungen (Kamera, Regie, Hauptdarsteller) gewürdigt, "Spotlight" aber als Gesamtleistung, als brillantes Zusammenspiel von wahrer Geschichte, hervorragendem Darsteller-Ensemble und souveräner Regie. (Unsere Filmkritik lesen Sie hier.)

"Spotlight" behandelt mit dem Missbrauchsskandal der katholischen Kirche nicht nur ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema, es stärkt auf einer zweiten Ebene auch dem von Glaubwürdigkeits- und Wirtschaftskrise gebeuteltem Journalismus den Rücken. Der Film mag zunächst konventionell wirken, aber gerade durch seine Besinnung auf erzählerische und inszenatorische Tugenden, die Hollywood groß gemacht haben, entfaltet er seine kathartische Wucht. Eine handwerkliche Meisterleistung, auf die sich am Ende wohl alle einigen können, egal welche Hautfarbe sie haben.

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