Oscar-Verleihung: Kommentar - DER SPIEGEL
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Filmgala 2014: Die Bilder der Oscar-Nacht

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS

Oscar-Nachlese Pizza-Party bei Oma Hollywood

Besonders aufregend war die 86. Oscar-Verleihung nicht. Aber berührend intim wie ein Familientreffen zu Omas Geburtstag: Es gab Pizza, Familienfotos, die Kinder durften spielen. Und nebenbei zeigte das sonst eher behäbige Hollywood-Fest, dass es so altbacken gar nicht ist.
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Die Nachricht des Abends ist ja nicht, dass Steve McQueens Sklavendrama "12 Years a Slave" wie erwartet und hochverdient den Oscar als bester Film des Jahres 2013 gewonnen hat. Die Nachricht des Abends ist, dass es eine alte Schachtel wie die Oscar-Verleihung, immerhin 86 Jahre alt, geschafft hat, zumindest für ein paar Minuten Twitter in die Knie zu zwingen.

Und womit? Mit einem launigen Familienfoto, einem Selfie, wie das heutzutage genannt wird: Gastgeberin Ellen DeGeneres schnappte sich Meryl Streep, die 18fach Nominierte, und ein paar andere Superstars - und klick, 1,5 Millionen Retweets in den ersten Augenblicken nach dem Posting. Tilt. Twitter wankte. Beim Oscarnacht-Sponsor Samsung dürfte man sich gefreut haben.

Wollte man Hollywoods Standing und Relevanz, den Glanz und Glamour seiner Stars, allein an diesem Knalleffekt messen - die amerikanische Filmbranche müsste sich nicht weiter sorgen. Doch die Zeiten sind schlecht, die kreative Krise ist groß, die Diskrepanz zwischen Nummer-Sicher-Sommerblockbustern und hochwertigen, wenig ertragreichen Oscar-Filmen noch größer, der Traumfabrik scheinen die großen originellen Träume auszugehen. Nicht umsonst beruhten sechs der neun Nominierten für den besten Film auf wahren Begebenheiten, darunter "American Hustle", "Dallas Buyers Club", "The Wolf of Wall Street" und "12 Years a Slave". Vielleicht erschien einem die diesjährige Oscar-Show deswegen so irritierend klein, so bescheiden, fast unglamourös.

"12 Years a Slave": Sieg statt Shitstorm

Ellen DeGeneres, ohnehin nicht die Aufgeregteste, was ihren Charme ausmacht, verbrachte fast mehr Zeit im Publikum als auf der Bühne. Als Durchhalteproviant gab's Lieferpizza aus dem Karton, und dann ging auch noch Pharrells sehr großer Hut für die Kollekte rum - Hollywoods neue Zeichen der Demut: In Zeiten wie diesen, sagen diese Bilder, muss die kleine Kinogemeinde zusammenhalten.

Da wird die große, global ausgestrahlte Gala zum Geburtstagnachmittag zu Omas Ehren. Nicht zu grell, nicht zu aufregend, aber ein paar rührende Momente dürfen schon drin sein. Und die Kinder, namentlich Karen O., Ezra Koenig und die Oscar-Gewinnerin Idina Menzel ("Let It Go"), spielen ein bisschen erbauliche Hausmusik dazu. Auch wenn sich manch alterndes Familienmitglied (John Travolta) nicht an ihren Namen erinnern kann. Liza Minnelli, Bette Midler, Kim Novak - die alten Diven durften nochmal Oscar-Luft schnuppern, aber die Preise gingen, zum Glück, an die jüngeren Kräfte: Erfreulich, dass sich Spike Jonze mit seinem modernen Märchen "Her" in der Drehbuch-Kategorie gegen Bob Nelsons Oldie-Ballade "Nebraska" durchsetzen konnte. Hervorragend, dass Newcomerin Lupita Nyong'o als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, und nicht die 80-jährige June Squibb, die allein altersmäßig den meisten Oscar-Votern näherstehen dürfte.

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Oscars 2014: Die wichtigsten Preisträger

Foto: Warner Bros.

Überraschungen gab es ansonsten wenige, wie es sich für ein gesittetes Zusammentreffen im Kreise der trauten Familie gehört: Hätte "12 Years a Slave" nicht den Oscar als bester Film gewonnen, wäre der Shitstorm am Montagmorgen riesig und sehr unangenehm für die Academy gewesen. Oder, wie Ellen DeGeneres es auf den Punkt brachte: "Entweder '12 Years a Slave' gewinnt, oder wir sind alle Rassisten".

Man weiß aber nicht, ob es nicht schlicht der komplizierten Punktevergabe-Logik in der Königskategorie zu verdanken ist, dass David O. Russells ungleich unpolitischere, aber sehr unterhaltsame Gauner-Stilübung trotz Favoritenrolle letztlich leer ausging - und "12 Years a Slave" sich von den pflichtschuldigst zahlreich vergebenen Zweiter- und Dritter-Platz-Wertungen an die Spitze schummelte.

Erinnerungen an ein magisches Kinojahr

Wie auch immer: Mit Steve McQueens packenden und eindringlichen Sklavendrama hat der richtige Film die richtigen Preise gewonnen, es hätten auch noch ein paar mehr sein können, aber der Schauspieler-Oscar an Matthew McConaughey geht ebenso in Ordnung wie der Regie-Oscar an Mr. "Gravity", Alfonso Cuarón. Pech für Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio, Pech für David O. Russell und das hervorragende Ensemble von "American Hustle", Pech für Hany Abu-Assad und sein ergreifendes Palästina-Drama "Omar" und für die radikale Dokumentation "The Act of Killing" - aber ein echtes Problem mit den gefällten Entscheidungen dürfte wohl niemand haben. Alles Konsens, alles okay.

Und auch den Vorwurf, dass die Oscars den Massengeschmack nicht abbildeten, muss sich die Academy dieses Mal nicht gefallen lassen: Mit sieben Oscars ist "Gravity" nicht nur der klare Abräumer der Verleihung, er gehört mit rund 700 Millionen Dollar Umsatz auch zu den erfolgreichsten des vergangenen Jahres. Zwei Preise gingen außerdem an Disneys Animationsmärchen "Die Eisprinzessin", einen Bilderbuch-Blockbuster.

Das erinnert dann tatsächlich ein wenig an das magische Kinojahr 1939, dessen 75. Jubiläum bei dieser Oscar-Show mit einer Hommage an den Klassiker "Der Zauberer von Oz" gefeiert wurde. Das Jahr gilt als eines der kreativsten und aufregendsten der Hollywood-Geschichte und brachte neben "Oz" Kino-Meilensteine wie "Mr. Smith Goes to Washington", "Stagecoach" und natürlich "Vom Winde verweht" hervor, das verharmlosend-seifige Gegenstück zu Steve McQueens schonungsloser Sklaverei-Geschichte.

So schließen sich diverse Kreise. Damals gewann mit Hattie McDaniel übrigens die allererste schwarze Schauspielerin überhaupt einen Oscar, sie spielte die Haussklavin in "Vom Winde verweht". Ihr folgt nun mit Lupita Nyong'o eine junge schwarze Darstellerin in einer ähnlichen Rolle nach - in einem weitaus aufklärerischeren, erwachseneren Film. Und die visuellen Wunder des Zauberers von Oz lieferte Cuarón mit seinem Trip ins Wunderreich des Weltalls. Hollywood bleibt sich also treu, ist aber auch im hohen Alter durchaus noch zur Weiterentwicklung fähig.

Da kann man auch mal Pizza statt Champagner reichen und sich wärmend aneinanderkuscheln.