Oscars 2008 Grimm, Glamour, Gag-Alarm
Hamburg - Viel Zeit hatten die Gag-Schreiber von Jon Stewart nicht, dem Oscar-Host die spritzigsten Sprüche auf den Leib zu schneidern. Der große Streik der Drehbuchautoren, der die Golden Globes zur Pressekonferenz degradierte, wurde fast schon in letzter Minute gütlich beendet, so dass die 80. Verleihung der Academy Awards in dieser Nacht im Kodak Theatre am Hollywood Boulevard tatsächlich stattfinden kann.
Das Zittern um die ehrwürdigen Filmpreise könnte vielleicht auch sein Gutes gehabt haben. So hat TV-Comedian Stewart nicht nur genug Stoff für die Moderation der Drei-Stunden-Show, der Streik-Thriller könnte auch die Fernsehzuschauer wieder an die Bildschirme locken. Die Oscar-Verleihung ist zwar nach dem Super-Bowl das zuverlässig quotenstärkste TV-Event Amerikas, dennoch rutschten die Werte in den vergangenen Jahren immer wieder weit unter die als akzeptabel geltende 40-Millionen-Marke.
Kommerz-Faktor für den Zuschauer?
In den US-Medien gibt es daher jedes Jahr wieder die gleiche Debatte: Muss man die Oscar-Show umstrukturieren? Soll man das Publikum im Stile moderner Casting-Shows beteiligen? Oder wenigstens den Abstimmungsprozess der über 5000 Academy-Mitglieder transparenter machen? Muss man einen Kommerz-Faktor einführen, also automatisch auch die publikumsträchtigen Blockbuster des Jahres mit wichtigen Preisen würdigen?
Vor allem die letzte Frage bewegt die Gemüter, denn seit den siebziger Jahren, als Publikumsrenner und Oscar-Abräumer noch nahezu identisch waren - man denke an "Der Pate" - haben sich die nominierten Filme weit vom Massengeschmack entfernt. Zu den erfolgreichsten Filmen des vergangenen Jahres zählten in den USA Event-Movies wie "Spider-Man 3", Shrek 3" und "Transformers". Lediglich letzterer ist dreimal für einen Oscar nominiert - und das in den eher technisch orientierten Sound- und Visual-Effects-Kategorien.
Die publicitywirksamen Sparten - bester Film, bester Schauspieler, beste Regie werden in den letzten Jahren, ausgelöst durch den Siegeszug der Independent-Studios in der Branche, verstärkt von anspruchsvoller Filmkunst dominiert. Das freut den Cineasten, doch den normalen Kinogänger langweilt es immer mehr. Dass die seit 80 Jahren verlässlich abgehaltene Zeremonie dieses Jahr auszufallen drohte, versammelt vielleicht die Massen wieder vor dem Fernseher.
Passend zum Streik, zur Katerstimmung und zum schlechten Wetter über Los Angeles sind die in den Hauptkategorien nominierten Filme in diesem Jahr besonders grimmig und widerborstig. Ein Duell um die meisten Auszeichnungen und natürlich den begehrten Titel "Bester Film" liefern sich zwei je achtmal nominierte Filme, die beide mit den guten alten Western-Motiven spielen und in den Urschlämmen Amerikas wühlen: Paul Thomas Andersons knapp dreistündiges Epos "There Will Be Blood" basiert auf Upton Sinclairs antikapitalischen Tatsachenroman "Oil!" und legt die Symbiose zwischen Gier und Glaube offen. Und mit ihrer Adaption von Cormac McCarthys "No Country for Old Men" beschwören die Brüder Joel und Ethan Coen ein Amerika, das im Streben nach Geld und im Strudel der Gewalt immer absurder wird. Düster, knorrig und sperrig sind Attribute, die zu diesen beiden Filmen, aber auch zu zahlreichen anderen nominierten Produktionen passen. Wer gewinnen wird, ist wie immer unvorhersehbar, denn im seltensten Fall hat der beste Film tatsächlich die meisten Oscars bekommen.
SPIEGEL ONLINE wagt trotzdem eine Prognose für die wichtigsten Oscar-Kategorien 2008:
Die besten Filme
Seit seiner umjubelten Weltpremiere auf dem Filmfestival in Cannes ist "No Country for Old Men" der Top-Favorit für den Oscar als bester Film. Ein typischer Kandidat ist der blutig-lakonische Neo-Western der Coen-Brüder beileibe nicht, aber nachdem er in den vergangenen Wochen bereits die meisten wichtigen Branchenpreise eingeheimst hat, gibt es kaum noch Zweifel an einem Durchmarsch. Dass die Academy durchaus bereit ist, extrem gewalthaltige Filme auszuzeichnen, konnte man am Erfolg von Martin Scorseses "The Departed" im letzten Jahr ablesen. "Atonement" galt im Vorwege der Golden Globes lange als Oscar-Favorit, die brave Ian-McEwan-Verfilmung verglühte dann aber schnell zugunsten von "There Will Be Blood". Andersons fiebriges Ölbohrer-Drama könnte aber letztlich doch zu kunstwillig für die Academy sein. Die Nominierungen für den nüchternen Juristen-Thriller "Michael Clayton" und die Komödie "Juno" sind ehrenwert, mehr als Außenseiter-Chancen sollte man beiden Filmen jedoch nicht einräumen.
Die besten Hauptdarsteller
Hier ist ein bisschen Kalkül im Spiel. Sollte tatsächlich "No Country for old Men" den Oscar als bester Film bekommen, steigen die Chancen für "There Will Be Blood"-Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis, in dieser Kategorie zu gewinnen. Tatsächlich hat er mit seiner Rolle als von Gier und Misstrauen getriebener Öl-Unternehmer Daniel Plainview einen grandiosen Charakter mit furchterregendem Talent zum Leben erweckt. Ein zweiter Oscar (nach 1990 für "Mein linker Fuß") wäre ohnehin mehr als gerechtfertigt für den britischen Method Actor. George Clooney ("Michael Clayton") genießt allerdings ebenso wie Mitbewerber Johnny Depp ("Sweeney Todd") mehr Sympathien in der Branche und beim Publikum. Clooney gewann jedoch gerade im letzten Jahr einen Oscar als bester Nebendarsteller, Depp geht mit seiner dritten Nominierung ins Rennen. Als verdiente Nominierte, aber totale Außenseiter gelten Viggo Mortensen ("Eastern Promises") und Tommy Lee Jones ("In The Valley of Elah"), der bereits einen Nebenrollen-Oscar besitzt.
Die besten Hauptdarstellerinnen
In dieser Kategorie gibt es eigentlich kaum offene Fragen, es sei denn, die Academy sorgt mal wieder für große Überraschungen. Gesetzt als Top-Favoritin ist die britische Schauspielerin Julie Christie, die als Alzheimer-Patientin in "Away from Her" ein beeindruckendes Comeback feierte. Es wäre ihr zweiter Hauptrollen-Oscar nach "Darling" (1966). Cate Blanchett ("Elizabeth: The Golden Age") wäre die nächstwürdige Anwärterin, sie ist aber für ihre Rolle als Bob Dylan auch noch als Nebendarstellerin ("Im not There") nominiert. Den Überraschungs-Faktor könnte Ellen Page liefern. Das 20-jährige Nachwuchstalent ("Juno") ist die Entdeckung des Jahres. Die Academy liebt so etwas!
Die besten Nebendarsteller
Die Frisur, die Grimassen, der beherzte Umgang mit einem Bolzenschussgerät der spanische Schauspieler Javier Bardem hat sich mit seiner Rolle als wortkarger Killer Anton Chigurh in "No Country for Old Men" selbst ein filmisches Denkmal gesetzt. Ihm den Oscar zu verweigern, käme fast schon einem Affront gleich. Pech für Casey Affleck, der in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" eine hinreißend verschwiemelte Performance abliefert; Pech auch für Hollywood-Veteran Hal Holbrook, der in Sean Penns "Into the Wild" einen rührenden Auftritt hat. Spannungsmoment am Rande: Holbrook wurde am 17. Februar, also gerade eben, 83 Jahre alt, und es ist seine erste Oscar-Nominierung...
Die besten Nebendarstellerinnen
Hier wird es wirklich spannend: Cate Blanchett, siehe oben, müsste eigentlich endlich einen Oscar bekommen - warum also nicht für "Im not There"? Als Favoritin gilt aber ihre nicht minder begabte Kollegin Tilda Swinton, die in "Michael Clayton" eine wunderbar gestresste Managerin gibt, die sich immer tiefer in die schmutzigen Machenschaften ihrer Firma verstrickt. Wenn zwei sich streiten, freut sich vielleicht die Ditte: Amy Ryan, eine verdiente New Yorker Bühnendarstellerin, hatte als White-Trash-Mutter in "Gone Baby Gone" wirklich ein paar Oscar-reife Szenen.
Die besten Regisseure
Ganz ehrlich: Kann man den genialen Regie-Brüder Joel und Ethan Coen den Oscar verwehren, nachdem sie mit "No Country for Old Men" ihr definitives Meisterwerk vorgelegt haben? Kaum. Für "Fargo" (1997) erhielten sie bereits einen Drehbuch-Oscar, jetzt wäre ein Upgrade fällig. Doch die beiden sind auch in den Kategorien "Bestes adaptiertes Drehbuch" und "Schnitt" nominiert, während "No Country for Old Men" als Favorit für den besten Film gilt. Möglicherweise bekommt also Paul Thomas Anderson für "There Will Be Blood" den Zuschlag, er war immerhin schon zweimal als bester Regisseur nominiert, für "Boogie Nights" und für "Magnolia". Außenseiter-Kandidat ist der Künstler und Filmemacher Julian Schnabel mit seinem rührenden Rekonvaleszenz-Drama "The Diving Bell and the Butterfly".
Die besten fremdsprachigen Filme
In dieser Kategorie war Deutschland in den letzten Jahren ständig vertreten, im letzten Jahr gewann Florian Henckel von Donnersmark sogar den Oscar für sein Stasi-Drama "Das Leben der Anderen". Dieses Jahr heißt es Daumendrücken für den österreichischen Film "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky über eine Gruppe von KZ-Insassen, die von den Nazis als Geldfälscher angeheuert werden. Hollywood mag historische Stoffe, zumal jene, die sich mit dem Holocaust und dem Dritten Reich auseinandersetzen. Die Mitbewerber sind ähnlich gehaltvolle Brocken: Die israelische Produktion "Beaufort" beschäftigt sich mit dem Nahost-Konflikt, das russische Drama "12" behandelt den Tschetschenien-Krieg, im kasachischen Beitrag "Mongol" geht es um die Jugend Dschingis Kahns, und der polnische Film "Katyn", der auch auf der Berlinale zu sehen war, arbeitet das 1940 von SowjetAgenten verübte Massaker an polnischen Offizieren auf. Ernsthafte Filme, ernsthafte Konkurrenz.
Was bleibt nun noch zu sagen? Ach ja: Die Länge der Dankesreden ist auch in diesem Jahr auf 45 Sekunden begrenzt, danach fängt gnadenlos das Orchester an zu lärmen. Die Oscar-Show wird aber auch in ihrer 80. Auflage die Drei-Stunden-Hürde nehmen, das ist sicher. So schreibt Hollywood sein eigenes Epos fort.