Pixar im MoMA Ein Pulli für Sully
New York - John Lasseter ist ein stiller Star der Trickfilmszene. Als Kreativchef der Pixar Animation Studios, Regisseur des Kinohits "Toy Story" und Produzent zahlloser weiterer ("Die Unglaublichen", "Findet Nemo") hat er bereits drei Oscars gewonnen. Trotzdem gibt es noch Dinge, die ihn aus der Fassung bringen.
Pixar@MoMa: Ednas Moden und Sullys Fell
"Für ein paar Computerfreaks wie uns ist es völlig unglaublich, in einem richtigen Museum ausgestellt zu werden", murmelt Lasseter und fummelt an seinem geblümten Hippie-Hemd herum. "Diesen Tag werde ich nie vergessen."
Lasseter steht etwas verloren im lichtdurchfluteten Foyer des Museums of Modern Art (MoMA) in Manhattan, den heiligen Hallen der Kunst: Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Paul Cézanne, allesamt Pioniere ihrer Zunft. Seit heute aber sind es ganz andere Pioniere, die das MoMA würdigt, mit der ersten Sonderausstellung dieser Art überhaupt: Lasseters Pixar-Computerfreaks.
Die Picassos des 21. Jahrhunderts tragen weitgehend unbekannte Namen wie Lou Romano, Rick Nierva oder Ralph Eggleston. Ihr Nachlass an die Kunstwelt sind Kreationen wie Dory, der Fisch mit Amnesie, Edna, die Modedesignerin der Superhelden, oder Buzz Lightyear, der Spielzeug-Astronaut. Seit Jahren arbeiten sie anonym und im Verborgenen, doch jetzt hängen sie endlich an denselben Wänden, an denen auch Vincent van Goghs "Sternennacht" hängt.
Technologie wird zu Kunst
Es ist tatsächlich ein atemberaubender Moment, nicht nur für die jungen Pixar-Animatoren, die eigens von Kalifornien nach New York eingeflogen sind: die Verbeugung der hohen Kunst vor der virtuellen Popkultur der Zukunft - die Verbrüderung von Pinselstrich und Pixel.
Über zwei Jahre lang bereitete Museumskurator Steven Higgins die Ausstellung vor. Viele Reisen nach Kalifornien unternahm er, nach Emeryville, wo die Pixar-Studios residieren, gleich gegenüber von San Francisco an der Oakland Bay. Erstmals hat Pixar dazu seine Ateliers und seinen riesigen Material-Fundus geöffnet - in dem bei weitem nicht nur Software lagert.
Die MoMA-Show sollte ein Blick hinter die Kulissen werden und für Pixar, das nächstes Jahr 20. Firmenjubiläum feiert, eine tolle PR-Gelegenheit darstellen. Sie wurde dabei viel mehr: die Erhebung einer Technologie zur Kunst. "The end of animation", so jammerten die Traditionalisten kürzlich noch, als Disney ankündigte, sein letztes Zeichenstudio zu schließen und ganz auf Computeranimation (CGI) umzustellen. Doch für alle, die über den Niedergang der alten, handgefertigten Trickfilmtechnik à la Walt Disney lamentieren, hat das MoMA eine Überraschung parat.
Edna Modes Metamorphosen
Denn die Sammlung von über 500 Pixar-Entwürfen, Skizzen, Gemälden und Skulpturen, die bis Februar 2006 zu sehen ist, offenbart, was bisher kaum ein Laie wusste: Hinter jeder Pixel-Landschaft steckt ein handgemaltes Aquarell, hinter jeder perfekten, lebensechten Figur eine Bleistiftzeichnung, hinter jeder atemberaubenden, digitalisierten Action-Sequenz ein Storyboard aus Tusche und Acryl.
Die alte Kunst steckt ja sogar im Firmennamen: Pixar war einst als Wortsymbiose aus "Pixel" und "Art" entstanden. Aber selbst Lasseter gibt zu, das "bis heute fast wieder vergessen" zu haben.
"Computeranimation ist als jüngste Kunstform von einzigartiger Bedeutung", sagt MoMA-Direktor Glenn Lowry, der zugleich auch hintersinnig daran erinnert, dass Walt Disney, der Pate des Zeichentricks, einst selbst einer der Museumstreuhänder hier an der West Fifty-Third Street war. "Die Grenzen von Tradition und Moderne verwischen dabei immer mehr."
Zum Beispiel bei Edna Mode, der schrillen Modeschöpferin der "Unglaublichen", die eine Hommage an die legendäre Hollywood-Kostümbildnerin Edith Head darstellt. Bevor die eine kleine, knubbelige Computerfigur war, war sie groß und gertenschlank - auf dem Papier. Sie durchlief zahllose Metarmophosen und Design-Reinkarnationen, gemalt, gezeichnet, als Stoff-Collage, als Acrylharz-Skulptur. Erst dann war sie bereit zum Sprung auf den Computer-Bildschirm und die Kinoleinwand.
"Geh ins Kunstseminar!"
Die physischen Entwurfsstadien sind eine Art Brainstorming der Handarbeiter, bevor der Computer seinen Prozessor in Gang setzt. Oder, wie es Tia Kratter beschreibt, Chefzeichnerin des Pixar-Films "Monster AG": "Präparation für die digitalen Maler." Gerahmt und mit den Namen der Künstler versehen, an den weißen Wänden des MoMAs, sind sie außerdem kleine Kunstwerke, die den als Sammlerobjekten begehrten Disney-Unikaten nicht nachstehen.
Wer dachte, die digitalen Filme entstünden per gefühlloser Apple-Software, der wird hier eines Besseren belehrt. Das Erste, was John Lasseter seinen Leuten aufträgt: "Greif' dir dein Papier und geh in ein Kunstseminar!" Die Affinität zur Handarbeit kommt nicht von ungefähr: Lasseter war ein guter Freund von Charles M. Schulz, dem im Februar 2000 verstorbenen Schöpfer der "Peanuts".
"Für jede Story fertigen wir Abertausende Zeichnungen an", sagt Ralph Eggleston, von dem 54 Werke im MoMA zu sehen sind. "90 Prozent landen nicht im Endprodukt." In den 13 Jahren, in denen er für Pixar arbeitet, zuletzt als Art Director für die "Unglaublichen", habe er deshalb gelernt, jede emotionale Bindung zu seinen Entwürfen zu vermeiden. "Je wertvoller sie einem werden, desto mehr tut's weh." Die MoMA-Show ist eine kleine Wiedergutmachung.
Jedes Pixel ein Pinselstrich
Animator Bob Pauley, der sein Handwerk beim Regisseur Tim Burton ("Nightmare Before Christmas") gelernt hat, rückte 1993 zu seinem Einstellungsgespräch in Emeryville "mit einem Gabelstapler voller Zeichnungen" an. "Alles, was ich wollte, war, für die zu arbeiten." Heute ist er einer der Production Designer und überwacht gerade den neuen Pixar-Film "Cars", der im Sommer 2006 in die Kinos kommt und in den die Ausstellung erste Einblicke gibt.
Ein Computerprogramm allein, sagt Pauleys Kollege Rick Nierva, könne die "Essenz eines Charakters" nie erfassen. Für Sullivan, den Helden der "Monster AG", ließ Tia Kratter also 30 einzelne Skulpturen anfertigen, fotografierte sie, kopierte jedes Foto 50 Mal und übermalte dann jede Kopie mit Acrylfarben, Buntstiften, Kreide und was ihr sonst noch in die Finger kam. Mal hat "Sully" ein Leopardenfell, mal ein Giraffenmuster, mal trägt er einen Pullover, je nach Kratters Laune. Der Pulli sieht übrigens genau aus wie der, den sie selbst an jenem Tag trug, erzählt sie lachend.
Ihr Kollege Dominique Louis zog Sullivan eine karierte Krawatte an. Geefwee Boedoe zeichnete ihn abstrakt-kubistisch und mit Zahnlücke. Rick Nierva ließ ihn schielen. Einzelne Pencil-Studien experimentieren - fast wie die Detail-Skizzen Leonardo da Vincis, die er vor seinen Gemälden anfertigte - die "Fell-Konsistenz" des Pixelmonsters - "sehr fest", "ziemlich fest" oder "wuschelig".
124 Fische an der Wand
Für jeden "Nemo" Clownfisch, jede Ameise aus "Das große Krabbeln", jedes Spielzeug aus "Toy Story" bastelten die Animateure Büsten. Fürs Farbdesign jedes Films malten sie impressionistische Mini-Meisterwerke ("Colorscripts"). Für die Hintergrundszenen entstanden liebevolle Artefakte, die der Computer später in 3D-Illusionen verwandelte: Pastelle, Ölbilder, Kohlezeichnungen, Gouaches, Aquarelle, seither in Kartons verstaut und enormen Lagerregalen auf dem Pixar-Gelände archiviert.
"Ja, ich sehe mich als richtiger Künstler", sagt Harley Jessup, der Production Designer der "Monster AG". "Als bildender Künstler, wenn ich genau darüber nachdenke. Ich liebe es zu malen und zu zeichnen." Und so freute es Jessup denn auch, dass zur MoMA-Pressevorschau New Yorks gesamte Kunstkritikerszene erschien, um bei Kaffee und Bagels über sein Werk zu fachsimpeln.
Das vielleicht wichtigste Exponat hängt, ohne viel Aufsehen zu erregen, an einer Seitenwand - das simple Bild einer Schreibtischlampe, die John Lasseter im Gründungsjahr von Pixar, 1986, in Pastell gemalt hat. "Ich hatte damals keine Ahnung, wie man 3D-Effekte am Computer herstellte", sagt er. "Dann schob ich eines Tages die Lampe auf meinem Schreibtisch herum." Daraus wurde sein erster Kurzfilm "Luxor Jr.", und die Lampe wurde zum Firmensymbol.
Am Ende behält aber dann doch der Computer das letzte Wort. Es wird einem am Ein- und Ausgang der Ausstellung klar gemacht, mit einer enormen Wand voller bunter Fische aus "Findet Nemo". 124 Fische sind es, und bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass jeder für sich eine vergrößerte, computerisierte Tiff-Datei ist und einen entsprechenden Titel trägt. Die Picassos, Cézannes und Kandinskys des 21. Jahrhunderts, sie heißen MiscUncleJesse.22.tif, MissGinger.1.tif und MiscBoDuke.5.tif.