Porträt Schöner Sterben mit John Woo
"I always save the last bullet either for my enemy or myself." ("The
Killer", 1989)
John Woos Werke gelten längst als Synonym für den Hongkong-Film, obwohl heutige Kinogänger mit dem Regisseur eher seine Hollywood-Produktionen wie "Face/Off" oder "M:I-2" verknüpfen. Seine Reputation verdiente sich Woo jedoch vor allem mit drei Filmen: "A Better Tomorrow", "The Killer" und "Hard Boiled". Sie sind voller Gewalt, aber nicht wirklich brutal. Mit heroischer Haltung wird das eigene Leben eingesetzt gegen zahlenmäßig weit überlegene Gegner und Blut vergossen, ohne damit Erlösung zu erlangen.
Die exzessiven Schießereien entladen sich in sakraler Schicksalhaftigkeit, wobei die Schützen zu tanzen scheinen und die Körper der Feinde im Rhythmus der Einschläge zucken, choreografiert mit der Eleganz der chinesischen Oper und der Opulenz eines MGM-Musicals. Schöner sterben mit John Woo. Michelangelo oder Mozart des Actionfilms wird er für sein ballistisches Ballett genannt. Das fasziniert und irritiert, als blicke man in die Mündung einer Pistole, die von Gene Kelly gehalten wird.
"The Wizard Of Oz" ist der erste Film, den Woo als Kind gesehen hat. Wie seine Mutter schwärmte er für Fred Astaire. 1946 in Guangzhou in Kanton geboren, floh seine Familie 1951 vor den Maoisten nach Hongkong und war lange obdachlos. Woo kam in einer Missionarsschule unter und wollte Priester werden. Seine Begeisterung für Regisseure wie Jean-Pierre Melville und Sam Peckinpah zog ihn dann zum Film. Sein Regiedebüt, ein typischer Martial-Art-Film, wurde 1973 wegen angeblicher Gewaltverherrlichung indiziert und erschien erst 1975 unter dem Titel "The Young Dragons" in den Kinos. Es folgten Musicals, Komödien und Liebesfilme. So war alles angelegt, was in seinen Gangsterballaden kulminieren sollte: flapsiger Humor, mit lieblicher Musik kontrastierte und in Zeitlupe stilisierte Blutorgien, eine kitschig und altmodisch anmutende Romantik, wie um Freiheit und Pflicht, Loyalität und Respekt gerungen wird.
In "A Better Tomorrow" von 1986, Woos künstlerischem und kommerziellem Durchbruch, gilt dies für die gutsituierten Gangstern Mark und Ho, die von einem treulosen Verwandten ihres Bosses kaltgestellt werden. Ho wird von seinem idealistischen kleinen Bruder Kit verachtet, weil der seinetwegen auf der Polizeischule nicht voll akzeptiert wird. Beim Finale kämpfen sie allerdings gegen die Horden des gemeinsamen Feindes. In "The Killer" verursacht 1989 der Auftragsmörder Jeff bei einem Attentat die Erblindung einer Sängerin. Mit dem Geld für einen letzten Auftrag will er ihre Augenoperation bezahlen. Doch er wird verraten. Schließlich ist es der Cop Li, der sich beim Showdown an seine Seite stellt. 1992 verschuldet in "Hard-Boiled" der Undercover-Cop Tequila den Tod eines Polizisten, weil er die Loyalität zu seinem Triadenboss nicht brechen konnte. Sein Partner Alan wendet sich von ihm ab. Erst als die Gangster ein Hospital sprengen wollen, finden sie wieder zusammen.
Woos Helden sind Individuen, die jeder für sich ganz persönlichen Prinzipien folgen und sich in einer Zeit moralischer Konfusion einsam zwischen den Systemen behaupten wollen. In Gestalt des Killers oder Cops sind sie subtile Allegorien des Kapitalismus, Kommunismus und Katholizismus, zugespitzt auf eine Paranoia Hongkongs vor der Rückgabe an China 1997. Ho lässt sich am Ende wieder integrieren, indem Kit ihn verhaften darf. Auch Tequila wird vom Apparat assimiliert, als er sich im Showdown von "Hard Boiled" vom Gangsterleben löst und auf seine alte Identität besinnt. Mark und Jeff dagegen müssen sterben, da ihr Unabhängigkeitsanspruch ein Auslaufmodell ist. Ähnlich erging es dem "Lonesome Cowboy" des klassischen Westerns oder auch Peckinpahs "The Wild Bunch": Von der modernen Zeit eingeholt und gehetzt von Kopfgeldjägern, bleibt den einst berüchtigten Eisenbahnräubern nur noch ein Rest an Ehrgefühl, der sie veranlasst, bis zum letzten Atemzug für einander einzustehen.
Im Kugelhagel offenbaren Woos Männerfreundschaften eine von Kastrationsängsten geprägte, homoerotische Komponente, die abermals auf die drohende Übernahme Hongkongs durch China anspielt. "I waited for you so long", seufzt Mark gegenüber Ho, während er die Autos der Verräter putzt und von den alten Zeiten schwärmt, als sie noch respektiert wurden. Und der Cop Li beschreibt den Killer Jeff als "determined, somehow heroic, eyes full of passion". Beim Showdown schauen sich Jeff und Li tief in die Augen, bevor sie in symbiotischer Harmonie Rücken an Rücken synchron ihre Waffen abfeuern und unter den Projektilen des Feindes hinwegtauchen. Sie bilden die Homogenität Hongkongs, während Frauen bei Woo eher wie ein Fremdkörper wirken. Die blinde Sängerin in "The Killer" kann man daher als Symbol für China verstehen. So ist es nicht nur die Melodramatik einer klassischen unglücklichen Liebe, dass Jeff im Kampf auch erblindet und dann weit an dem Mädchen vorbeikriecht.
Mark, Jeff und Tequila werden von Chow Yun-Fat dargestellt, ohne dessen Charisma eine Identifikation mit diesen Figuren kaum denkbar wäre. Er galt durch romantische Rollen schon als asiatischer Cary Grant, bis ihn Woo mit weißen Anzügen und ritterlicher Lakonik zum Gary Cooper Hongkongs und vor allem zu seinem Alter Ego machte. Beide folgten schließlich dem American Way of Life. Und während Hongkong heute als individueller Part im chinesischen Staat existiert, gerieten dessen Helden in die Handwerksmühlen der Hollywood-Studios. Woo musste die Kontrolle abgeben, seine Kreativität wurde bei "Hard Target" und "Broken Arrow" vom US-Mainstream ausgebeutet. Der Identitätentausch-Thriller "Face/Off" kommt Woos Intentionen noch am nächsten, während er bei "M:I-2" heftig mit dem Produzenten und Hauptdarsteller Tom Cruise stritt. Cruise sei ein Rock'n'Roll-Fan, der "Singing In The Rain" als seinen Lieblingssong bezeichnet, bemerkte Woo süffisant. Nun will er mit Chow Yun-Fat die US-Action-Komödie "King's Ransom" drehen. Auch von "Hard-Boiled 2" wird gemunkelt.
Die letzte Kugel steckt also noch im Magazin.