Psychothriller "Schilf" Der große Bluff
Psychothriller "Schilf": Der große Bluff
Foto: X-VerleihSchon bei Juli Zehs Psychothriller "Schilf", der im Buchladen eher unter Weltliteratur als unter Krimi einsortiert ist, waren sich die Konsumenten nicht einig. Die einen kauften so eifrig, dass das Werk über Entführung, Mord und Physik-Gedankengebäude zum Bestseller wurde, und entdeckten eine verblüffende Hintergründigkeit. Die anderen stöhnten: einfach nur verquast und hölzern. Die "Titanic" kanzelte Zeh als "altkluge Angeberin und Schwallmadame" ab, die "taz" als "Sprachaufmotzerin". Dass Zeh "ganz wunderbar" schreibt und "poetische Bilder" heraufbeschwört, fand dagegen Amelie Fried.
Über die Spielregeln profaner Verbrechensaufklärung erhebt sich nun auch die "Schilf"-Verfilmung mit dem programmatischen Untertitel "Alles, was denkbar ist, existiert". Für Produzentin Manuela Stehr "war es wichtig, ganz auf der Höhe der modernen Physik zu sein", Regisseurin Claudia Lehmann faszinierte der "Freiraum für Denkspiele", und Hauptdarsteller Mark Waschke interessierte "vor allem der philosophische Aspekt".
Psychothriller "Schilf": Spinnerter Alptraum
Sebastian Wittich (Mark Waschke) und Oskar Hoyer (Stipe Erceg) sind dicke Studienfreunde. Der eine ist schon Star, der andere möchte es vielleicht gerne werden. Oskar forscht als Physiktheoretiker im Hipster-Look am Schweizer Eliteinstitut CERN, der schluffige Provinzprofessor Sebastian doziert an der Uni in Jena. Getrübt wird ihre innige Beziehung durch Fachdebatten. In einer Fernsehdiskussion prallen ihre wissenschaftlichen Ansätze aufeinander, Oskar echauffiert sich über Sebastians Paralleluniversen-Theorie. Dass es neben unserer Realität noch die anderer Welten mit gleichem Personal gibt, will Sebastian in den Ferien beweisen und damit nobelpreisverdächtig reüssieren.
Rätselhafter Mordauftrag
Vorher bringt er noch seinen Sohn ins Pfadfinderlager. Doch der schlafende Junge verschwindet auf einer Raststätte aus Sebastians geparktem Auto, und eine unbekannte Frauenstimme gibt dem Vater telefonisch rätselhafte Instruktionen. Der glaubt zu verstehen, dass erst ein gewisser Dabbeling "weg muss", damit er seinen Sohn wiedersieht, und geht dem mutmaßlichen Mordauftrag nach. Denn Dabbeling hat sein Leben vermeintlich verwirkt: Der Chefarzt der örtlichen Klinik wird verdächtigt, Schuld am Tod einiger Patienten zu sein. Und Stubenhocker Sebastian grollt dem alerten Freizeitsportler aus Eifersucht: Dr. Dabbeling könnte Frau Wittich (Bernadette Heerwagen) auf Rennradtouren zu nahe gekommen sein.
Das sind selbst für einen Mystery-Thriller sehr viele Unterstellungen auf einmal, und die Inszenierung tut alles, um den Zuschauer im Ungefähren zu lassen. Nun weiß ja jeder, der schon mal ein Kidnapper-Drama gesehen hat, wie man sich zu verhalten hat. Doch das übliche Procedere, erst mal mit dem Entführten zu sprechen oder wenigstens einen Nachweis des Wohlbefindens zu fordern, ist dem in seiner spinnerten Gelehrtenwelt gefangenen Sebastian wohl nicht vertraut. Eine von mehreren Merkwürdigkeiten. Denn ab hier verlässt der Film den Boden der Welt, die wir zu kennen glauben. Was ist wirklich passiert und in welcher Realität? Was ist nur Einbildung? Versuchen Mörder oder Mordanstifter durch Zeitreise die Folgen ihrer Untaten wieder geradezubiegen?
Wissenschaftlich muss der Laie vor der geballten Fachkompetenz kapitulieren: Regisseurin Lehmann kann außer einer Ausbildung an der Hamburg Media School auch einen Abschluss in theoretischer Elementarteilchenphysik vorweisen. Außerdem ließen sich die Filmemacher die Seriosität ihrer Spekulation vom CERN und der Uni Jena beglaubigen. Beim Krimi kann man schon eher mitreden. Und der Alptraumstrudel, in den Sebastian hineinstürzt, befremdet nicht nur seine Frau und die Ermittler, sondern auch den Zuschauer.
Zum Glück (und nicht etwa leider, wie manche Kritiker meinen) kommt der Film nicht ganz so geschwollen und exaltiert daher wie die literarische Vorlage. Mit weniger Esoterik und dafür mehr von der handfesten Kriminalistik "jener schlecht ausgeleuchteten, vom deutschen Realismus zu Tode bürokratisierten Fernsehkrimis", über die sich Zeh in ihrem Roman mokiert, hätte das vielleicht sogar was werden können. So bleibt am Ende das unangenehme Gefühl, einem Bluff aufgesessen zu sein.
Schilf - Alles, was denkbar ist, existiert. Start: 8.3. Regie: Claudia Lehmann. Mit Mark Waschke, Stipe Erceg, Bernadette Heerwagen.