"Quo Vadis"-Neuverfilmung In Sandalen vor Warschaus Plattenbauten
Warschau - "Heute Morgen haben sie wieder ein paar Christen vor die Löwen geworfen", sagt die Rentnerin Marta Wydra lässig und deutet auf das römische Amphitheater, das sie von ihrem Balkon in der zwölften Etage eines Warschauer Plattenbaus gut überblicken kann. "Nächste Woche soll es auch wieder ein paar Kreuzigungen geben." Die ehemalige Krankenschwester hat weder ein paar falsche Tabletten genommen, noch leidet sie unter Halluzinationen. Im Herzen der polnischen Hauptstadt kann sie die Neuverfilmung des Romans "Quo Vadis" beobachten. Das Werk des Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz gehört zu den Klassikern der polnischen Literatur.
Von ihrem Balkon aus ist die Rentnerin über die Fortschritte der Christenverfolgung zur Zeit des römischen Kaisers Nero auf dem Laufenden und wartet gespannt auf die Filmpremiere. Ganz überzeugt von dem cineastischen Machwerk ist sie jedoch nicht. "Das Buch ist bestimmt besser," argwöhnt die Polin, obwohl sie das Buch nicht gelesen hat. Der Regisseur Jerzy Kawalerowicz und die Gesellschaft Chronos-Film hoffen jedenfalls auf einen durchschlagenden Erfolg des Filmprojekts, das mit einem Budget von rund 24 Millionen Mark der teuerste polnische Film aller Zeiten wird.
Obwohl Marta Wydra das Amphitheater samt grausamen Kaiser, Prätorianergarde, Gladiatoren und blutigen Kreuzigungsszenen vor ihrem Balkon für eine interessante Abwechslung hält, freut sie sich schon auf den Tag, an dem "Rom" brennt und die Filmdekoration in Flammen aufgeht. Dann kann sie endlich wieder ruhig schlafen, erklärt sie. "Die Filmleute haben da drüben ein Dutzend Löwen. Den Lärm, den die nachts machen, kann man sich einfach nicht vorstellen."
Kawalerowicz, dessen Verfilmung sich mit der Hollywood-Produktion von 1951 mit Peter Ustinov in der Rolle des Nero messen lassen muss, hofft, dass Ridley Scotts "Gladiator" den Weg für Schwerter und Sandalen vorbereitet. Gleichzeitig solle "Quo Vadis" im Millenniumsjahr zwei Jahrtausende westlicher Zivilisation reflektieren, verspricht Stanislaw Zawislinski von Chronos-Film.
Bereits im vergangenen Jahr konnten polnische Produktionen mit Literaturverfilmungen bei den Kinobesuchern auftrumpfen. Den Anfang machte der Film "Mit Feuer und Schwert", mit dem Jerzy Hoffman ebenfalls ein Werk von Sienkiewicz verfilmte. Dem Oscar-Gewinner Andrzej Wajda gelang es mit "Pan Tadeusz", der Filmadaption des polnischen Nationalepos von Adam Mickiewicz, dem "Krieg der Sterne" in der Gunst der Zuschauer den Rang abzulaufen.
Mary Sibierski