Regisseur Luc Besson "Schleng, schloong oder sliing?"
SPIEGEL ONLINE: Die ganze Branche scheint momentan darauf versessen, Familienfilme zu produzieren. Warum springen jetzt auch Sie auf diesen Zug auf?
Besson: Wie Sie wissen, habe ich die "Arthur"-Bücher selbst geschrieben. Und vor fünf Jahren zeigte mir mein Freund und Produktionsdesigner Patrice Garcia ein paar Skizzen, wie ein Film aussehen könnte. Ich sagte: "Toll. Mach es! Ich stehe hinter dir" Denn ich wollte, dass er selbst Regie führt. Dummerweise wurde es ihm zuviel, als das Projekt immer größere Dimensionen annahm. Er konnte nicht mehr ruhig schlafen. Deshalb bin ich eingesprungen.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie konnten ruhig schlafen?
Besson: Ja, diese Gabe habe ich wahrscheinlich von meiner Mutter vererbt bekommen. Meine Filme sind wie Babys, ich bin stolz auf alle und bereue keinen davon. Das gibt mir meinen inneren Frieden. Die Geburt ist allerdings immer schwer. Jedes Mal meine ich vorher: "Klingt toll, warum tun wir's nicht?" Denn ich kann nie ermessen, was das für einen Aufwand mit sich bringt. Bei "Im Rausch der Tiefe" war die Devise: "Nehmen wir die Kamera und tauchen wir ein bisschen." Nach dem Film wollte ich drei Jahre lang nicht mehr übers Wasser sprechen. Deshalb sind auch meine Filme so völlig verschieden voneinander, denn ich ertrage es nicht mehr, zu einem alten Thema zurückzukehren.
SPIEGEL ONLINE: Woher kommt eigentlich diese enorme Ideenvielfalt?
Besson: Aus meinem verdrehten Hirn.
SPIEGEL ONLINE: Und wieso ist es so verdreht? Rauchen Sie Gras oder nehmen Sie LSD?
Besson: Gott bewahre! Selbst Alkohol rühre ich kaum an. Aber die Phantasie ist ein Muskel. Je mehr du sie trainierst, desto stärker wird sie. Als ich ein kleiner Junge war, lebten meine Eltern, die als Tauchlehrer arbeiteten, in Jugoslawien und Griechenland. Da gab es kein Fernsehen, nicht mal Spielzeug nur Meer, Felsen und Sonne. Also spielte ich mit den einfachsten Dingen. Mit zwei Steinen konnte ich Stunden verbringen. Meine besten Freunde waren Fische. Und als Familienvater lernte ich es, meine Töchter zu unterhalten. Es ist furchtbar langweilig, Auto zu fahren. Also gewöhnte ich es mir an, dabei Geschichten zu erzählen. Sie nannten mir zwei Tiere, und ich musste dazu etwas improvisieren. Jahrelang ging das so. Sie konnten richtig gemein sein, meine Kleinen: "Papa erzählst du uns vom Nilpferd und dem Moskito?" Lassen Sie sich dazu mal etwas einfallen!
SPIEGEL ONLINE: Lieferten Ihre Töchter auch die Inspiration für "Arthur und die Minimoys"?
Besson: Nur indirekt. In "Arthur" geht es auch darum, dass Kinder ein Bewusstsein für andere Wesen entwickeln. Bei meinen Töchtern habe ich gelernt, wie dieser Prozess abläuft. Mit vier Jahren nehmen Kinder ihre Mitmenschen noch gar nicht wahr. Die eine sitzt ruhig da und spielt, während sich die andere die Seele aus dem Leib heult. Dann kommst du voller Bestürzung angelaufen. Und die eine antwortet ganz gelassen: "Ach, sie weint bloß, weil sie sich wehgetan hat." Das ist völliger Wahnsinn. Erst zwischen sechs und sieben beginnt sich das zu ändern.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Ideen Ihren Kindern vorgestellt?
Besson: Nein, denn Kinder halten alles für großartig. Und der letzte Film, den sie gesehen haben, ist immer der beste. Du darfst nur deinen Instinkten folgen und nicht darauf schielen, was dem Publikum gefallen könnte. Deshalb mache ich bei meinen Filmen grundsätzlich keine Testvorführungen.
SPIEGEL ONLINE: Was bei einem Hollywood-Familienfilm unabdingbar wäre.
Besson: Aber "Arthur und die Minimoys" ist eben kein Hollywood-Film. Das heißt nicht, dass er nicht für jeden gedacht ist. Ich mag das große amerikanische Kino, ich habe es in mich aufgesogen. Deshalb steckt auch ein Teil davon in "Arthur". Aber die Amerikaner wollen immer nur eine bestimme Art Film sehen, Europäer und Asiaten dagegen sind viel neugieriger auf Werke aus anderen Kulturkreisen. Mein Film ist eher ein Patchwork verschiedenster Einflüsse. Das war schon bei "Das fünfte Element" so. .
SPIEGEL ONLINE: Und die Spezialeffekte bekamen Sie ohne Hilfe der Amerikaner hin?
Besson: Ja, die drehten wir alle in einer Lagerhalle in einem Pariser Ghetto. Das war genau in der Zeit der Unruhen. Aber ich kannte die Gegend gut, und meine Theorie war: "Wenn du mittendrin steckst, wird dich niemand stören." Ich verhandelte mit ein paar Banden-Anführern und sagte: "Wir wollen hier ein paar Jobs schaffen. Was haltet ihr davon?" Die Jungs liebten mich wegen "Nikita" und "Leon, der Profi" und kümmerten sich um alles. Selbst wenn wir mal die Tür offenließen, wurde nicht mal ein iPod gestohlen.
SPIEGEL ONLINE: Bekamen Sie von den Unruhen etwas mit?
Besson: Ja, ein bisschen. Hier und da gab's ein kleines Feuerchen und ein paar Straßensperren. Nach 20 Minuten war's vorbei. Aber in den den Medien wurde das alles so zusammengeschnitten, dass es ganz riesig wirkte.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen jetzt zwei weitere "Arthur"-Filme drehen. Dabei hatten Sie doch gesagt, Sie würden nie mehr Regie führen.
Besson: Ja, aber für mich zählen die "Arthur"-Geschichten als einziger Film. Ich habe also mein Gelübde nicht gebrochen.
SPIEGEL ONLINE: Warum macht Ihnen die Filmregie keinen Spaß mehr?
Besson: Weil sie so qualvoll ist. Regie zu führen ist leicht, aber einen guten Film zu machen, ist schwierig. Jeden Tag musst du im 20-Sekunden-Takt Fragen beantworten: Willst du am Freitag in Szene 12 das blaue oder das rote Kleid? Reichen dir 200 Statisten statt 300, denn wir haben nicht genügend Busse? Kannst du eine Szene kürzen, damit wir nicht im Drehplan zurückfallen? So geht das endlos. Bei "Das fünfte Element" bombardierte mich mein Assistent mit Fragen, als ich plötzlich merkte, dass ich auf dem Klo sitze. Er war gar nicht auf den Gedanken gekommen, mir mal einen Moment Ruhe zu gönnen. Und mir war es erst auch nicht aufgefallen. Außerdem wechselt auch noch die Intensität beim Drehen wie wahnsinnig. Bei "Johanna von Orleans" hatte ich erstmal Massenszenen mit 2000 Beteiligten, und nach diesem Adrenalinschock kamen acht Monate, in denen ich mit einem einzigen Schauspieler in einem 10-Quadratmeter-Raum drehte.
SPIEGEL ONLINE: Ist das auch nicht aufregend?
Besson: Vor allem ist es mühselig. Nach dem Dreh geht es in die Postproduktion. Da kommen schon die nächsten Fragen auf dich zu, zum Beispiel: Welchen Klang sollen wir für ein Schwert nehmen? Ist es 'schleng' oder 'schlong' oder 'sliing' oder passt vielleicht 'schläng' besser? In dieser Zeit verstreicht das Leben, ohne dass du davon etwas mitbekommst. Nach "Johanna von Orleans" traf ich einen meiner besten Freunde, den ich die ganze Zeit nicht gesehen hatte und fragte ihn, wie es seinem Kind gehe. "Welchem denn?", fragte er. Der Mann hatte zwischenzeitlich noch zwei weitere bekommen...
SPIEGEL ONLINE: Aber muss man diesen Preis nicht vielleicht bezahlen, um großes Kino zu schaffen?
Besson: Ich bin ja noch nicht fertig mit meinem Klagelied. Denn wenn ich all das überstanden habe und meinen Film endlich zeige, dann kommen die Kritiken. Und die lauten, zumindest in Frankreich, immer so: "Was für eine Scheiße. Besson kotzt uns an."
SPIEGEL ONLINE: Und deshalb wollen Sie das Kino ganz aufgeben?
Besson: Nein, ich produziere ja auch noch. Am Ende des Drehtages komme ich an den Set, sehe den Regisseur vor Erschöpfung zusammengesunken in seinem Stuhl sitzen und dann frage ich, als wäre nichts geschehen: "Na wie geht's? Hattest du einen guten Tag?" Das liebe ich.
Das Interview führte Rüdiger Sturm