"Ride With The Devil" Showdown der Anti-Helden
Der Western ist sicher die spezifischste Errungenschaft des amerikanischen Kinos. Er markiert dessen Geburtsstunde und stellt - von John Ford und Howard Hawks, Sam Peckinpah und Clint Eastwood bis in die heutige Zeit geführt - eine ureigene Größe dar. Aber seit Sergio Leone hat kein Ausländer die Klaviatur des Genres so virtuos bedient und bis an seine Grenzen ausgespielt wie jetzt der aus Taiwan stammende Ang Lee. "Ride With The Devil" heißt seine Losung für einen typischen Western, der zugleich ein unverwechselbarer Ang-Lee-Film ist.
Pop-Preziose Jewel Kilcher spielt in ihrem Kinodebüt eine junge Soldatenwitwe, die sich mit dem nächstbesten Bürgerkriegsguerilla einlässt, auch ihn in ihren Armen sterben sieht, dann sein Kind austrägt und schließlich den gutmütigen Rebellen Jake in die Ehe führt, um einen Schein von Sitte und Anstand zu wahren. Eine Beziehung von amerikanischer Pragmatik und viktorianischer Umständlichkeit, kalt wie "Der Eisturm" und zugleich voller "Sinn und Sinnlichkeit".
Auch hier ist für Lee die sperrige Romanze nur Chiffre für ein tiefgestaffeltes Zeit- und Sittengemälde. Jewel ist eine Nebenfigur, auch wenn sich in ihr die große epische Bewegung der Filmerzählung spiegelt. Die Hauptrollen gehören den Männern, wie es sich für einen waschechten Western gehört.
1860, mitten im Krieg zwischen Norden und Süden, der Blauen gegen die Grauen, schließt sich der deutschstämmige Jake Roedel (Tobey Maguire) mit seinem Freund Jack Bull Chiles (Skeet Ulrich) den Bushwhackers an, einer Guerillatruppe auf Seiten der konföderierten Südstaatenarmee.
Statt in geometrische Schlachtordnungen führt die Geschichte in die chaotischen Partisanenscharmützel an der Grenze zwischen Missouri und Kansas, wo die Bürgerkriegsfront quer durch gewachsene Nachbarschaften und Familien verläuft. Die Parteinahme für eine Seite ist hier mehr vom Zufall als von Überzeugung bestimmt, aber sie ist deshalb nicht weniger kategorisch und blutrünstig.
Der Krieg tritt nur episodisch, wenn auch drastisch in Erscheinung. Der Film verbringt weniger Zeit auf dem Schlachtfeld als in einem muffigen Erdloch, wo Jake und seine Freunde unter der Fürsorge der attraktiven Sue Lee (Jewel) den Winter verbringen.
Fünf Männer im Sandkasten, darunter ein freigekaufter Sklave und verlässlicher Waffenbruder (Jeffrey Wright), mit dem man sich aber in Gegenwart der Lady nicht über Gebühr fraternisieren möchte. Eine Männergesellschaft zwischen gestelzter Förmlichkeit und rotwangiger Begierde, ein Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft, deren Glanz und Glorie hier zu einer absurden Farce verkümmern.
Der Civil War ist bei Lee kein Konflikt der Ideologien, nicht die Konfrontation von Farben und Himmelsrichtungen. Seinen eigentlichen Gegner wird Jake am Ende in den eigenen Reihen finden, indem er sich den sadistischen Pitt Mackeson zum Feind macht, einen mordlüsternen Schergen, dem der hochbegabte Jonathan Rhys-Meyers ("Velvet Goldmine") in wenigen Szenen einen eindrucksvollen Auftritt verschafft.
Doch auch dieses Duell erfährt keine ultimative Zuspitzung. Lee bleibt elegisch im Tonfall, aber unmissverständlich in seinen Motiven. Er zeigt kein Amerika, das im heroischen Sieg der gerechten Sache aus der Feuertaufe gehoben wird. Vielmehr trennen sich die Feinde im Zustand innerer Erschöpfung und spontan veränderter Zielsetzung. Man geht lieber einen Drink nehmen oder eine Familie gründen. Die Ikonografie des Western wird aufgelöst, die stil- und gattungsbegründende Handlungsmaxime des erlösenden Showdowns außer Kraft gesetzt.
Im Sinne publikumswirksamer Spannungsdramaturgie mag das von Nachteil sein, aber gerade in der Lakonik der Schlussszenen liegt eine bedeutende moralische Kraft des Films. Schon nächste Woche startet mit "Tiger & Dragon" ein weiteres Meisterwerk von Ang Lee, mit dem er zur heimatlichen Historie und den eigenen Anfängen im asiatischen Martial-Arts-Film zurückkehrt. Ein pittoreskes Kostümfest mit spektakulären Schwertkampfchoreografien und natürlich einer ebenso kühlen wie sinnlichen Liebe. Man darf hoffen, dass Lees spröder Western darüber nicht vergessen wird. Das Kinojahr hätte kaum einen besseren Auftakt nehmen können.
"Ride With The Devil". USA 1999. Regie: Ang Lee; Buch: James Schamus; Darsteller: Tobey Maguire, Skeet Ulrich, Jewel Kilcher, Jeffrey Wright, Simon Baker, Jonathan Rhys-Meyers. Länge: 138 Minuten, Verleih: Tobis Studio Canal, Kinostart: 4. Januar 2001.