Ridley Scotts "Tricks" Auf den Leim gegangen
Nepper, Schlepper und Bauernfänger heißen sie im Volksmund oder bei der Kriminalpolizei. Windige und widerliche Typen, die ihren Opfern wie Zecken auflauern und aussaugen. Dass und wie sie allerdings die Gutgläubigkeit und Gier, also Dummheit anderer bei Kaffeefahrten, mit Finanzanlagen oder durch Verlosungen ausnutzen, macht diese Hochstapler schon wieder sympathischer als die Betrogenen. Deshalb gehören sie stets zu den charismatischsten Figuren des Kinos. Man bewundert ihre Rhetorik und Respektlosigkeit, Phantasie und Präzision. "Der Clou" mit Paul Newman und Robert Redford als Gentlemangauner ist das Paradebeispiel.
Und eigentlich sind sie ja Geschichtenerzähler, so wie auch Drehbuchautoren aus Hollywood, die immer wieder eine alte Story über Wert zu verkaufen versuchen. "Tricks" ist denn auch der passende billige Titel dazu. "Matchstick Men" heißt der Film im Original, weil die Ganoven Roy Waller (Nicolas Cage) und Frank Mercer (Sam Rockwell) die Situation so drehen, wenden und biegen, bis das Spiel zu ihren Gunsten verläuft. Überraschend daran ist nur, dass Ridley Scott die Regie geführt hat, denn als Geschichtenerzähler fiel er bisher nicht auf. Der Brite ("Alien", "Gladiator") verblüfft eher als Stilist grandioser Bilderrahmen, in denen jedes Detail verschwindet. Der Plot von zwei Trickbetrügern in Los Angeles erscheint da zu winzig für ihn, um etwas Nennenswertes herausholen zu können.
Dabei beginnt es verheißungsvoll. Zwar greift Cage nur auf die zwei, drei Ausdrücke seines irgendwie immer gelangweilten Gesichts zurück, mit denen er es zum Star geschafft und den Oscar für "Leaving Las Vegas" geschafft hat, dennoch spielt er passabel den Neurotiker. Roy leidet unter Platzangst und einem Putzfimmel, isst nur Thunfisch aus der Dose, weil das wenig Dreck macht, und wirft selbst die leere Blechbüchse mit einem Plastikbeutel in den Mülleimer. Ein einziges Blatt auf der Wasseroberfläche seines Swimming Pools löst bei ihm Panik aus. Sein nervöses Grunzen klingt, als hätte sich eine Henne an einem Korn verschluckt. Das verbindet sich mit hypnotisch säuselnder Musik zu einer weltfremden Atmosphäre, die an Paul Thomas Andersons "Punch-Drunk Love" gemahnt oder Mark Romaneks "One Our Photo", dessen steriles Design ebenfalls von Tom Foden entworfen wurde.
Auch in Roys pedantisch strukturiertes Leben tritt eine Frau, die kathartisches Chaos stiftet. Angela (Alison Lohman) ist 14 und behauptet, seine Tochter aus einer früheren Beziehung Roys mit ihrer Mutter zu sein. Sein Psychiater Dr. Klein (Bruce Altman) rät ihm, sich mit Angela zu beschäftigen, weil darin der Schlüssel für seine Probleme verborgen sei. Roy überwindet seine Scheu vor dem quirligen Mädchen, lässt sogar Pizza zu (aber nicht den Boten ins Haus) und sich schließlich überreden, gemeinsam mit einem gefälschten Lotterieschein eine Frau hereinzulegen. Roy ist mächtig Stolz und lacht auch schon mal.
So hätte Scott ein feinfühliges, skurriles, wenn auch nicht besonders aufregendes Drama über Vater und Tochter weiter drehen können. Aber natürlich kommt alles anders und damit so wie üblich. Schon Sam Rockwell muss als Roys Partner Frank stereotyp das absolute Gegenteil bilden. Frank ist laut und schwatzhaft, legt die Füße auf den Tisch und futtert ständig Burger, deren Verpackungen auf seinem Schreibtisch herumliegen. Mit einem letzten Coup wollen sie einen selbst zwielichtigen Geschäftsmann um Millionen prellen. Und die Sache, bei der auch Alison und Action eine Rolle spielen, geht, klar, schief. Am Ende wird Roy seinen Meister gefunden haben und als Teppichverkäufer arbeiten. Er ist geheilt.
Ob das die Moral oder Ironie von "Tricks" ist, wird nicht klar, aber auch kein Kopfzerbrechen bereiten. Das Drehbuch adaptierten Nick und Ted Griffin von Eric Garcias Roman "Ein brillanter Bluff". Die Brüder hatten bereits für "Ocean's Eleven" einen ähnlich abgetakelten Ganovenstoff verarbeitet, den Steven Soderbergh jedoch mit erlesenen optischen Tricks inszenierte. Scott indes konnte sich bei "Tricks" nicht auf einen Ton und Stil einigen oder kaschieren, dass man alles irgendwo bereits gesehen hat und die Dialoge häufig dünn sind. So wird man vielleicht kurzweilig unterhalten, aber danach das Gefühl nicht los, dass man - wie Ridley Scott - einer faden Geschichte auf den Leim gegangen ist.
Tricks (Matchstick Men)
USA 2003. Regie: Ridley Scott. Drehbuch: Nicholas und Ted Griffin, Eric Garcia (Roman). Darsteller: Nicolas Cage, Sam Rockwell, Alison Lohman, Bruce Altman, Steve Easton. Produktion: ImageMovers, HorsePower Entertainment, Liveplanet, Robert Zemeckis. Verleih: Warner Bros.. Länge: 104 Minuten. Start: 18. September 2003