"Road To Perdition": Eiskaltes Fegefeuer - DER SPIEGEL
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"Road To Perdition" Eiskaltes Fegefeuer

Mit Tom Hanks in seiner ersten zwielichtigen Rolle als Mafiakiller hat Oscar-Preisträger Sam Mendes ("American Beauty") einen Comic als Gangsterepos verfilmt, das vor allem als kühle Stilübung mit imposanten Bildern beeindruckt.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

" I shot the death ­ dead bodies." Jude Law sagt dies mit einem sarkastisch-lockenden Lächeln irgendwann im Verlauf von "Road To Perdition". Der Satz hat eine Wirkung, als blicke man in eine Pistolenmündung. Und er ist ein Wortspiel, das perfekt die Atmosphäre und Themen des Gangsterdramas von Sam Mendes zusammenfasst: Vertrauen und Verrat, Täuschung und Tod. Nichts ist hier so, wie es am Anfang scheint. Law etwa spielt Maguire, der mit makabrer Freude stilvoll Leichen fotografiert am Tatort von Gewaltverbrechen. Er trägt eine Melone, zu große Schuhe, eine zu kurze Hose und ein zu weites Jackett. Er sieht aus wie Buster Keaton und arbeitet nebenbei als Auftragskiller der Mafia im Chicago der dreißiger Jahre.

Zugleich ist Maguire im Film der Stellvertreter des Regisseurs. Denn mit jener Kühle, mit der er seine Fotos schießt und Morde ausführt, hat Mendes sein finsteres Epos arrangiert. Jeder Kameraschwenk, jede Einstellung ist von geschmackvoller Präzision. Keine rasanten Schnitte bestimmen den Rhythmus, wie im heutigen Kino üblich, sondern eine Abfolge monolithisch anmutender Bilder, die alle für sich selbst als Meisterwerk betrachtet werden können. "Road To Perdition" basiert auf einem gleichnamigen Comic. Und noch nie ist die Zeichenästhetik so konsequent und kongenial in reale bewegte Bilder umgesetzt worden.

Es sind die angespannten Perspektiven, die "Road To Perdition" (Straße zur Verdammnis) so bestechend prägen und im Laufe der Geschichte sukzessiv verrutschen. Und vor allem ist es der ahnungslose Blick des zwölfjährigen Michael Jr. (Tyler Hoechlin), der ein ihm unbekanntes Leben hinter dem Alltag ins Wanken bringt. Am Anfang besucht er mit seinem Vater Michael Sullivan (Tom Hanks), seiner Mutter Annie (Jennifer Jason Leigh) und seinem jüngeren Bruder Peter (Liam Aikin) eine Begräbnisfeier irischer Einwanderer. Er verfolgt irritiert einen heftig Streit zwischen den Männern, lauscht geheimnisvollem Gemurmel, beobachtet neugierig zwielichtige Typen wie Connor Rooney (Daniel Craig). Jener ist der Sohn von Sullivans Boss John Rooney (Paul Newman), der mit Michael und Peter so herzlich umgeht, als seien sie seine Enkel.

Mit dieser Sequenz einer familiären Harmonie, in der durch einige mysteriöse Risse schon das Unheil dräut, führt Mendes fulminant alle zentralen Figuren ein. Den entscheidenden Haken schlägt das Schicksal, als Michael eines Abends seinem Vater heimlich zu einer Lagerhalle folgt ­ und der dort mit Connor einige Männer umlegt. Mit Michael wird nun erst auch dem Zuschauer klar, dass Sullivan hinter der Maske des Biedermannes und Fassade einer normalen Kleinfamilie als Geldeintreiber, Schläger und Killer für den lokalen Mobster Rooney tätig ist. Sullivan versichert Rooney, sein Junge werde über den Vorfall kein Wort verlauten lassen. Der psychisch labile, jähzornige Connor will den Zeugen trotzdem beseitigen, trifft im Haus aber nur Annie und Peter an, die er kaltblütig erschießt. Sullivan, zuvor stets loyal bis in den Tod, schwört Rache. Und Rooney, der Sullivan mehr liebt als Connor, muss dennoch den eigenen Sohn schützen. Er bittet in Chicago den Mafioso Frank Nitti (Stanley Tucci) um Hilfe, der wiederum Maguire beauftragt, die Sache mit Sullivan zu erledigen.

"Road To Perdition" verläuft schnurgerade als klassische Story und biblische Sündenfabel, in der Blut dicker ist als Wasser, Familienbande stärker als Recht und Treue. Und dennoch ist Mendes klaustrophobisch durchkomponiertes Werk seinem mit dem Oscar ausgezeichneten Debütfilm "American Beauty" näher als den opulenten, flirrenden Mafia-Epen von Francis Ford Coppola und Martin Scorsese. Wieder steht ein in sich verschlossener Mann vor den Trümmern seiner Familie, nur dass er den Weg dorthin diesmal nicht selbst wählt. Dunkle Gänge, die dem Fluchtpunkt folgend an Türen enden, die halb offen stehen, deuten wie in einem Gruselfilm auf die Tragödie hin. Selbst auf der Flucht, wenn der verwundete Sullivan gegenüber Michael sein Schweigen bricht, seine Seele zu öffnen versucht, gestattet Mendes ihm keine Sentimentalität. Neben Leichen säumen immer wieder Madonnenbildnisse und Kerzen seinen Pfad. Die Erlösung kann wie in "American Beauty" nur der Tod sein.

Nun kann man an "Road To Perdition" bemängeln, er würde keine emotionale Tiefe haben. Tatsächlich ist man weniger bewegt, vielmehr beeindruckt von der visuellen Wucht seines Gewaltgemäldes, bei dem man aus den Bildern lesen muss. Bei den Schießereien, die oft in Zeitlupe choreographiert sind, orientiert Mendes sich am Kino von Sam Peckinpah und John Woo. Sie vollziehen sich jedoch meistens ohne szenischen Ton. Man hört nicht das Rattern von Sullivans Maschinenpistole, keine Schreie, dafür eine ebenso enervierende wie elegische Musik. Der Blutrausch spielt sich im Kopf ab. Es ist die Mechanik des Tötens, die Mendes ablichtet, nicht die Gefühle und den Schrecken. Und der Schlussakt, wenn der Film plötzlich geradezu malerisch, ja kitschig ins gleißende Licht strebt, erweist sich als eine der perfidesten Fallen der Filmgeschichte. Das Plätschern der Wellen hallt noch lange nach Filmende im Ohr.

Mit starren Gesichtszügen und bleierner Strenge bewältigt Hanks, der mit einem schweren, langen Mantel das ganze Gewicht seiner Schuld zu schleppen scheint, imposant seine erste zwiespältige Rolle. Sullivan ist nicht wirklich böse, aber Hanks behält auch immer so die Balance, dass man sich nicht mitfühlend mit ihm identifizieren möchte. Dieser Part fällt eher Newmans Charakter zu, der unnachahmlich wie immer zwischen bübischem Charme und viriler Eleganz agiert. Hanks und Mendes werden gewiss wieder für den

Oscar nominiert, auch Kamera, Schnitt, Ton und Setdesign, vielleicht auch Law und Newman. Mindestens zwei Trophäen aber wird es wohl geben.

"Road To Perdition", USA 2002. Regie: Sam Mendes; Drehbuch: David Self; Darsteller: Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law, Daniel Craig, Tyler Hoechlin, Stanley Tucci, Jennifer Jason Leigh; Länge: 116 Minuten; Produktion: Zanuck Co.; Verleih: Fox; Start: 5. September 2002