"Rock Star": Die Rückkehr des Primitiven - DER SPIEGEL
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"Rock Star" Die Rückkehr des Primitiven

Mark Wahlberg leiht dem Heavy Metal in "Rock Star" sein Gesicht. Und Regisseur Stephen Herek hat über die Klischees von Sex, Drogen und die Mechanismen des Rockbusiness ein harmloses Referenz-Geplänkel gedreht, das mal wieder ein Revival dieser Zeit ankurbeln soll.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon der Titel ist verräterisch: Die Karaoke-Soap "Popstars" zeigt ungeniert, wie heutzutage nach allen Finessen des Trainings und Marketings aus peinlichen Teenagern Popstars gemacht werden. Und der Kinofilm "Rock Star" handelt natürlich davon, wie jemand ein Rockstar wird. Auch hier stellt sich der Erfolg am ehesten ein, wenn man Gestik und Songs berühmter Musiker imitiert. Allerdings gilt noch als relativ unverdächtig, wer in einer so genannten Tribut- oder Coverband seiner Lieblingsgruppe huldigt. Coverbands haben sich mit Leib und Seele ihren Meistern verschrieben, neben denen sie keine anderen Götter dulden, während die Popstars von RTL 2 willige Sklaven sind und musikalische Atheisten, die sich für ein bisschen Ruhm den Markt- und Markenstrategen und dem jeweiligen Trend unterwerfen.

Viele treten mit dem Repertoire der Beatles oder von Abba in Discotheken und bei Dorffesten auf. Die gläubigsten und härtesten Coverbands aber finden sich im Heavy Metal, einem nahezu ausgestorbenen Genre des Primitiven, dessen schweres Gitarrengewitter und schwarze Messen die achtziger Jahre dominierten. Der messianische Stumpfsinn und maskuline Habitus imponierte vor allem dem modernen Jungproletariat und einigen verklemmten Existenzialisten, die sich in uniformen Jeans- oder Lederkutten, an denen Buttons mit Bildnissen ihrer Idole hingen, zusammenrotteten und wie Primaten ekstatisch ihre langhaarigen Häupter schüttelten.

Das alles ist eklig und faszinierend, eine Jugendsünde und Urschreiphase, woran Pädagogen und Sittenwächter noch mehr verzweifelten als am Rock'n'Roll von Elvis Presley. Aber daran hat Regisseur Stephen Herek gar kein Interesse. Und deshalb sieht sein Musikfilm über das Schwermetall-Showbiz der Achtziger zuweilen so sauber und harmlos aus wie eine Sitcom. Chris Cole (Mark Wahlberg) trägt tagsüber einen Anzug und repariert Kopiergeräte. Abends schlüpft er in die Rolle des Sängers von Steel Dragon, einer Supergruppe des Heavy Metal, deren Songs er mit seiner Band Blood Pollution möglichst getreu nachspielt. Er lebt noch in Pittsburgh im Haus seiner Eltern, die bei seinen Auftritten sogar Getränke und Würstchen verkaufen und Zuschauern stolz erklären: "Das ist unser Sohn." Eine Rock-Idylle.

Das Rock-Märchen beginnt, als Chris von Steel Dragon ins Studio eingeladen wird. Sie suchen einen Ersatz für ihren ausgebrannten und nervlich angeschlagenen Frontmann Bobby Beers (Jason Flemyng). Chris hat sich seinem Jugendvorbild nicht nur äußerlich angeglichen, er kann sogar richtig singen ­ und bekommt nach einer Probeaufnahme den Job. Mit Witz übersteht er die erste Pressekonferenz, mit Leidenschaft das erste Konzert. Danach geht es auf eine lange Tournee, während der er die Regeln und das Leben hinter den Kulissen kennen lernt. Ehefrauen und Freundinnen, erklärt ihm der schmierige Manager Mats (Timothy Spall) etwa, dürfen nicht im Bandbus mitfahren; Groupies aber schon. Chris Lebensgefährtin Emily (Jennifer Aniston) entfremdet sich bald von ihm, er selbst verliert sich im Rausch des Stardaseins und der Statussymbole sowie der Tretmühle allabendlicher Auftritte.

Die Ausgangsidee der Story lehnt sich an Erlebnisse des Verkäufers und Fans Tim "Ripper" Owens, mit dem 1996 die legendäre britische Metal-Formation Judas Priest fünf Jahre nach dem Ausstieg des glatzköpfigen Sängers Rob Halford ihr Comeback probierte. Inzwischen hat sich die Band aber von dem Film distanziert. Denn Herek und Drehbuchautor John Stockwell wollen hier den Traum vom Rock'n'Roll entzaubern, die Egomanie und kühle Professionalität der Bands und Branche aufzeigen.

Zuerst ist Chris nur kurz irritiert, wie selbstverständlich mit Bobby Beers ein Bandmitglied ausgetauscht werden kann. Er nimmt es auch noch hin, dass die Songs alleine der Gitarrist Kirk Cuddy (Dominic West) schreibt ­ und Chris sie nur zu präsentieren hat, nicht mal interpretieren darf. Das Gefühl, nur eine Imitation und Marionette zu sein, wird schließlich zur Erkenntnis, als ihn bei einem Konzert ein Fan in der erste Reihe im Gesang zu übertrumpfen versucht ­ so wie Chris es bei Beers getan hat.

Am Ende wird er mit der Akustikgitarre auf einer kleinen Bühne sitzen wie einst Nirvana bei ihrem MTV-Unplugged-Auftritt und Songs im Stil des Alternative Rock spielen, der für eine kurze Erneuerung der alten Unschuld steht. So zieht "Rock Star" mit klugen Metaphern und Referenzen einen Bogen vom kommerziellen Zenit des Metal in der Mitte der Achtziger bis zur den Independent-Bands und Punkrock am Anfang der Neunziger - etwa wenn Chris bei Aufnahmen eine Mischung aus Guns N' Roses-Liedern und Rap singt.

Der Alptraum aber bleibt eine Ahnung. Herek betrachtet im Zeitraffer nur die Oberfläche von Sex und Drogen, Liebe und Größenwahn und hat den sowohl verklärten als auch verteufelten Klischees nichts Neues hinzuzufügen. Wahlberg, der vor seiner Schauspielkarriere als weißer Rapper mit Waschbrettbauch, Prügeleien, Pöbeleien und den steten Griff an seinen Unterleib eine Art Fortsetzung des Rockstars verkörperte, ist noch immer ein routinierter Entertainer. Chris' Leiden können aber weder er noch das Drehbuch wirklich spürbar machen. Und auch visuell und künstlerisch kann Herek mit Musik- und Generationsporträts über die Siebziger wie die Glam-Rock-Mediation "Velvet Goldmine", das nostalgisch-amüsante Altersdrama "Still Crazy" oder "Almost Famous" nicht mithalten.

So ist "Rock Star" letztlich nur ein weiterer Versuch, ein breites, endgültiges Revival der achtziger Jahre einzuleiten, worum sich vor allem die Musikindustrie schon lange bemüht. Das Comeback von Kylie Minogue gibt diesem Bestreben neuen Auftrieb, als Speerspitze aber werden immer wieder Coversongs genutzt, mit denen zuletzt die "Popstars"-Vehikel Atomic Kitten und No Angels veritable Hits gelandet haben. "Rock Star" bietet nun für die Besetzung von Steel Dragon und Blood Pollution echte Musiker auf wie Jason Bonham, den Sohn des Led-Zeppelin-Schlagzeugers John Bonham, Jeff Pilson von Dokken, Blas Elias von Slaughter oder Zakk Wylde, der als Gitarrist lange für den ehemaligen Black-Sabbath-Sänger Ozzy Osborne spielte. Die Jungs haben sechs neue Songs aufgenommen für den Soundtrack, der neben Coverversionen noch Original-Stücke von Bon Jovi, Kiss und Mötley Crüe enthalten. Für die Breitenwirkung aber scheinen sie den Filmemachern und beteiligten Firmen nicht zu reichen: Abgesehen von den Metal-Songs während der Konzert-Szenen sind im Film nur Pop-Hits wie von Kim Wilde oder Frankie Goes To Hollywood zu hören.

"Rock Star". USA 2001. Regie: Stephen Herek; Drehbuch: John Stockwell; Darsteller: Mark Wahlberg, Jennifer Aniston, Timothy Spall, Dominic West, Jason Flemyng, Jason Bonham. Länge: 106 Minuten; Verleih: Tobis StudioCanal; Start: 3. Januar 2002.