Roulette der Gewalt - Teil 2 Augenausstechen als Leitmotiv
Das Programm-Roulette wird sich so weiterdrehen: von Indien nach Israel, von Iran nach Irland; und Italien (dessen Produktion sonst zurzeit international wenig zu melden hat) nutzt den Heimvorteil, um sieben neue Spielfilme zu präsentieren. Man wird ferner von Albanien nach Slowenien springen können oder im ABC von Argentinien über Brasilien nach Chile, man wird auch, falls man das will, sein Gehör für die Verwandtschaften von Rumänisch, Katalanisch und Portugiesisch schärfen können oder aber man setzt sich, wozu der erste Tag einlud, einem Härtetest aus, um die Parameter der Gewalt im Kino von heute zu erkunden.
Am Tatort in Florida hat der Fotograf Larry Clark, 58, unter dem Titel "Bully", angeblich streng faktentreu, ein ihm exemplarisch erscheinendes Verbrechen nachgespielt: Eine Gruppe von Teenagern drei Jungen und drei Mädchen, alle schön, reich, gelangweilt und mit Drogen übersättigt hat mit Küchenmessern und einem Baseballschläger einen ihrer Freunde ermordet.
Clark zeigt ungerührt die gelackte Oberfläche einer TV-Teenieserie sowie sein übliches kühles Wohlgefallen an jungen Körpern, und dahinter verbirgt sich Fassungslosigkeit, denn hirnloser als die Kinder erscheinen nur noch, als karikierte Randfiguren, deren Eltern.
Nun ein rascher Sprung nach Korea, wo der Regisseur Kim Ki-Duk in dem Film "Soochwieen Boolmyung" ("Adresse unbekannt") ein paar desorientierte Teenager zeigt, die in den siebziger Jahren am vermüllten Rand eines amerikanischen Truppenstützpunkts heranwachsen. Kim, 31, hat vor einem Jahr in Venedig mit dem Film "Die Insel" schockiert, in dem man sich auf grausige Art mit Angelhaken verstümmelte.
Diesmal wird einerseits durch die Figur eines Mädchens, das bei einem Kinderspiel verletzt wurde, das Augenausstechen zu einem Leitmotiv, und andererseits, durch die Figur eines Burschen, der wie ein Aussätziger traktiert wird, weil er von einem schwarzen Amerikaner gezeugt wurde, die dumpfe Gewalt: Ein Hundeschlachter will dem Jungen beibringen, wie man die Tiere mit einem Knüppel totschlägt, und als der die Lektion begriffen hat, läuft er selbstmörderisch Amok.
Das ist alptraumhaft und hat eine spezifisch asiatische, nämlich besonders wortkarge und gründliche Brutalität, hat aber zugleich einen so zwingenden, manchmal geradezu lyrisch eindringlichen Erzählfuror und -stil, dass man jene westlichen Enthusiasten in Venedig versteht, die den Draufgänger Kim als neuen "asiatischen Fassbinder" anpreisen.
Es gibt Filmemacher, die das Teilnehmen an einem Festival als Ehre betrachten, jedoch nicht mit Kollegen in Wettstreit treten möchten. Das gilt seit langem für Woody Allen wie für Steven Spielberg (siehe Gespräch Seite 194), die wieder einmal ihre jüngsten Werke zur Europa-Premiere nach Venedig schicken, selbst aber nicht dorthin kommen; und das gilt dieses Jahr für den Mazedonier Milcho Manchevski.
Manchevski, inzwischen 42, ist der Wundermann, der vor sieben Jahren wie aus dem Nichts kommend mit seinem Film "Before the Rain" den "Goldenen Löwen" gewann. Damals war das einer der ersten Filme, die für den Balkan-Krieg Bilder fanden und bei Manchevski eben nicht reportagehafte, sondern expressiv überhöhte, die sich zu einer parabelhaften Erzählung verdichteten.
Mazedonien lag damals noch fern von allen Kriegsfronten, und Manchevski, als Emigrant in New York lebend, erzählte in Interviews schon damals, er wolle als Nächstes in einem "ottomanischen Western" den Befreiungskampf seines Volkes gegen die Türkenherrschaft vor bald einem Jahrhundert heraufbeschwören.
Das hat wider Erwarten sieben Jahre gedauert, und zu den Fatalitäten der Historie gehört, dass Manchevskis romantisch-pathetisches Mazedonien-Epos "Dust" nun genau in dem Augenblick als Eröffnungsfilm in Venedig zur Premiere kommt, wo das wirkliche Mazedonien zum Schauplatz einer nächsten Kriegsrunde geworden ist. Manchevski selbst hat vor kurzem in einem (im "Guardian" wie in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten) politischen Manifest beklagt, wie die Nato im Balkan von Mal zu Mal und nun auch in Mazedonien in eine Doppelrolle als Brandstifter und Feuerwehr gestolpert sei.
Daran gemessen ist sein Film eine Vergangenheit imaginierend, in der Gut und Böse noch klar unterscheidbar schienen überwältigend naiv, nämlich pures und sogar im wüstesten Gemetzel höchst virtuoses Spektakelkino: "Dust" erzählt von zwei verfeindeten Brüdern irischdickschädeliger Herkunft, die mit ihren Schießkünsten im amerikanischen Westen brilliert haben und nun als Kopfgeldjäger im Balkan neue Herausforderungen suchen.
Das ist luxuriös und mit manchmal imponiersüchtiger Brillanz in Szene gesetzt, doch in einer Umgebung, wo man Fez oder Turban trägt, fallen die beiden Pistoleros mit dem hellen und dem dunklen Westernhut schon auf den ersten Blick als hundertprozentige Kinohelden auf. Manchevski trägt hohe, auch sehr literarische Ambitionen vor sich her, doch am überzeugendsten ist ihm eine Auferstehung des Spaghetti-Westerns in mazedonischer Tracht und Pracht gelungen.
Ein Filmfestival als Sache der Ehre: Venedig führt das vor, in dem es die drei vielleicht dienstältesten, noch aktiven Regisseure der Welt mit Sonder-Präsentationen ihrer jüngsten Werke ehrt: den Japaner Seijun Suzuki, 78, den Portugiesen Manoel de Oliveira, 93, und den Franzosen Eric Rohmer, 81.
Rohmers Film "L'Anglaise et le duc", der in Venedig uraufgeführt wird, ist sein erster, den er mit Videokameras und viel Videotricktechnik gedreht hat: Damit schließt der Veteran des Autorenkinos elegant zu jener Vorhut auf, die in der Digitalisierung die Zukunft des Kinos sieht. Dafür bekommt er zwar nicht den "Leone del Futuro", doch den Extra-"Leone d'Oro" für sein Lebenswerk. Wenigstens ein Löwe ist so schon in besten Händen.