Schauspiellegende Richard Burton Zwischen Kunst und Katastrophe
Er war ein körperbetonter, aber auch im höchsten Maß intelligenter Schauspieler, der bei aller Aufwallung des Gefühls eine gehörige Portion Kälte ins Spiel bringen konnte. Unvergesslich, wie er in "Blick zurück im Zorn" (1958) vor Wut fast den Straßenboden zertritt, um sich dann mit schmerzendem Fuß darüber zu ärgern, dass der Asphalt die Frechheit besitzt, seinen ungestümen Attacken standzuhalten.
Richard Burton hätte auf der Weltbühne von Theater und Film einer der Größten sein können, doch sein zügelloser Lebensstil stand ihm oft im Weg: ein Renaissance-Mensch, maßlos trinkend, das Leben verschlingend, seinem spektakulären Untergang geradezu ausgeliefert. Burton lebte sein Leben vor den gierigen Augen der Öffentlichkeit, ein gefundenes Fressen für Klatsch-Kolumnisten, denen er reichlich Futter gab. Lebensbejahender Macho und tragischer Clown zugleich, brillant und mit Tiefgang, der mit Vergnügen über sich selbst sprach - und es sympathischer Weise auch noch zugab: "Andere gehen zum Psychiater, ich gebe Interviews."
Filmreife Selbstzerstörung
Dem war wohl nur eine Frau gewachsen: Elizabeth Taylor, mit der Burton gleich zwei Mal verheiratet war - von 1964 bis 1974 und von Oktober 1975 bis Juli 1976. Zu ihrem vierzigsten Geburtstag mietete er für die Party das komplette Stadtzentrum von Budapest und feierte ein barbarisch kultiviertes Bacchanal. Der Exil-Ungar George Mikes schrieb an die "Times", die ungarischen Zwingherren des damals noch real existierenden Sozialismus müssten Burton eigentlich dankbar sein - er habe den Untertanen vorgeführt, dass Kapitalismus tatsächlich schlimmer sein könne als Kommunismus.
Schauspiel-Legende Richard Burton: Filmreifer Selbstzerstörer
Zu solchen Polemiken schwieg Burton, der seine Vita mit fünf Eheschließungen schmückte, auf seine Art: Er pflegte exzessiv zu trinken. "Ich bin", brüstete sich der Waliser, "der einzige mir bekannte Mensch, der nahezu ausschließlich während der Arbeit trinkt." Seine Verschwendungssucht kannte keine Grenzen: Während die Budapester Geburtstagsfeier umgerechnet "nur" 80.000 Euro kostete, überschüttete er Taylor mit Millionen Dollar teuren Juwelen. Aber nicht nur Edelsteine verschenkte der Schauspielstar mit Hingabe, auch seine Spenden für wohltätige Zwecke waren über die Maßen großzügig.
Burton starb relativ jung, ein Opfer seiner eigenen Exzesse. "Zeig einem Waliser 1001 Ausgänge, wovon nur auf einem 'Selbstzerstörung' geschrieben steht. Genau durch den wird er schnurstracks gehen", sagte Joe Mankiewicz, der Regisseur des von Querelen überschatteten Monumentalfilms "Cleopatra" im Jahr 1962. Burton alias Marc Anton schleppte unterdessen die Film-Cleopatra Taylor nicht nur als Bonus zur 500.000-Dollar-Gage in sein Appartement ab, sondern machte sie trotz ihrer Noch-Ehe mit Sänger Eddie Fisher auch noch zu seiner großen Liebe. Die "schönste Frau der Welt" als Siegertrophäe für das zwölfte von 13 Kindern des armen Bergmanns Richard Jenkins aus Pontrhydyfen in Glamorganshire.
Burton, am 10. November 1925 geboren, besuchte die High School, und schon bei den Aufführungen der Schulbühne machte sich sein darstellerisches Talent bemerkbar. Einer seiner Lehrer, Philip Burton, den Richard zeitlebens als seinen "zweiten Vater" bezeichnete, nahm sich seiner an, lehrte ihn, Englisch ohne den Akzent seiner Waliser Heimat sprechen, und weckte in ihm das Interesse an Literatur und Theater.
Später nahm der Schauspieler in Erinnerung an den verehrten Förderer den Namen Burton an. Ab dem 22. Lebensjahr war er unter dem Namen des Mentors auf den renommierten Bühnen Londons zu Hause. Die damaligen Stars des britischen Theaters von Charles Laughton über John Gielgud bis Laurence Olivier bestaunten, hypnotisiert von seinem Timbre, das auch zahlreichen Radiospielen zugute kam, einen neuen Jago und Coriolan.
Zum Filmstar avancierte Burton erst 1952 an der Seite von Olivia de Havilland in der Hollywood-Adaption von Daphne du Mauriers "Meine Cousine Rachel". Im Februar 1953 erhielt er den "Golden Globe" als "bester neuer Darsteller des Jahres 1952", hinzu kam die erste von sieben "Oscar"-Nominierungen. Gewonnen hat er den Preis nie - Hollywood schien schon damals die Auszeichnung genialischer Außenseiter zu meiden. Dafür nahm in die 20th Century Fox fest unter Vertrag: Nach dem Kriegsdrama "Die Wüstenratten" (1953) gab er den gewissensgeplagten römischen Hauptmann Marcellus im ersten CinemaScope-Film "Das Gewand".
Ausverkauf einer Legende
In den späten fünfziger Jahren begann Burtons langer Abstieg. Sein Agent Harvey Orkin seufzte: "Dieser Mensch verkauft sich aus. Er will Anerkennung durch einen Trick gewinnen." Abgesehen von der Leinwandversion von John Osbornes "Blick zurück im Zorn" (1958) nahm der von Kritikern und Publikum einstmals Hofierte wahllos Bühnengastspiele, Film- und Musicalrollen an. Auch die Zusammenarbeit mit Taylor wurde zunehmend schwieriger: Bis auf Mike Nichols' grandios-zermürbendes Ehedrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (1965), das den Beziehungskrieg der Burtons widerspiegelte, führte die Kooperation meist zu künstlerischen ( "Der Widerspenstigen Zähmung") oder kommerziellen Flops ("Die Stunde der Komödianten").
Dennoch gibt es cineastische Juwelen aus dieser Zeit, zum Beispiel Martin Ritts beklemmend-realistischer Agententhriller "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1965), in dem sich Burton mit Theaterstar Oskar Werner ein grandioses Schauspielduell liefert. Burton bezeichnete den Part des abgehalfterten Agenten Alex Leamas denn auch als die Rolle, "die man nur einmal im Leben bekommt".
Burton spielte den pragmatisch-desillusionierten Leamas als freudlose Erscheinung, widerborstig und missgelaunt. Werner lieferte auf der Gegenseite als ostdeutscher Abwehrmann eine mit dem Golden Globe gekrönte, aufregende Charakterstudie des intelligenten, äußerlich unterkühlten Fanatismus ab. Auch privat verstanden sich die beiden Whisky-Freunde prächtig: Im Berliner Café Kranzler spielten sie unter dem begeisterten Gejohle der restlichen Gäste "Agenten beim Barbier", indem sie sich gegenseitig mit dem Besteck und einer Portion Schlagsahne rasierten.
Auch die Ehe mit Elizabeth Taylor blieb turbulent. Legendär ist das Hin und Her zwischen Versöhnung und Entzweiung der beiden Schauspielstars. 1973 drehte Burton den Fernsehzweiteiler "Seine Scheidung, ihre Scheidung", über den der Kritiker Peter Black schrieb: "Richard Burton schien sich bewusst zu sein, dass diese Leistung ihn zu nichts führt. Er spielte geistesabwesend, so, als habe er irgend etwas verlegt und könnte es nicht wiederfinden. Vielleicht sein Talent?" Der Film nahm die tatsächliche Trennung des Paars vorweg. Bei der Scheidung 1974 wurde das auf 75 Millionen Dollar geschätzte Vermögen halbiert. Wenig später heiratete Burton Liz Taylor noch einmal, diesmal im afrikanischen Busch. Im Sommer '76 folgte die endgültige Trennung
Sein künstlerisches Comeback feierte Burton 1982 mit der Titelrolle in Tony Palmers aufwändiger "Richard Wagner"-Fernsehserie. Den schauspielerischen Schlussakkord setzte er in der Filmfassung von George Orwells düsterer Zukunftsvision "1984". Am 5. August 1984 starb Richard Burton an den Folgen eines Gehirnschlags in Genf. Bei der Trauerfeier in London waren drei seiner vier Ehefrauen zugegen, wobei Liz Taylor von Burtons Angehörigen immer noch wie ein Familienmitglied aufgenommen wurde. "Liebe ist der höchste Grad von Toleranz", sagte der Schauspieler noch kurz vor seinem Tod in einem Interview