Schwerelos: Auf der Sonnenseite - DER SPIEGEL
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Schwerelos Auf der Sonnenseite

Mike Leigh und Woody Allen sind ihr schon verfallen, jetzt nimmt sich Sally Hawkins mit "Happy-Go-Lucky" den Rest der Welt vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als es schon keine Hoffnung mehr zu geben schien, diesen Februar in der deutschen Hauptstadt, da kam Sally Hawkins und rettete die Berlinale. Schon dafür muss man sie lieben. Festival-Chef Dieter Kosslick hatte sein Bestes getan, um alle Besucher mit seiner Wettbewerbsauswahl in Depressionen zu stürzen: Filme über korrupte brasilianische Polizisten, den Folterskandal in Abu Ghureib oder vom Alter frustrierte Literaturprofessoren. Es sah finster aus.


Bis zu dem Tag, als "Happy-Go-Lucky" (Deutschland-Start: 3.7.) seine ersten Vorführungen erlebte und Sally Hawkins die Schwere aus den Sälen fegte. Die junge Grundschullehrerin Poppy aus London war da zu sehen, der neben einer unglaublich lustigen Flamenco-Stunde und mehrerer absurd komischer Fahrstunden eigentlich nichts Besonderes pas-sierte - außer, dass sie sich rücksichtslos durch ihr Leben lachte, immer gut gelaunt, immer optimistisch, immer einen spaßigen Spruch parat. Wenn einem solche Leute im echten Leben begegnen, hält man sie meist für Nervensägen und läuft weg.

Doch diese Poppy war anders, sie wirkte ehrlich und echt, deswegen nervte sie nicht. Im Gegenteil, nach erster Irritation fingen die Leute in den Kinos an zu lachen und hörten nicht mehr auf. Am Ende waren alle einfach nur froh, knapp zwei Stunden am Leben einer so aufrichtig glücklichen Person teilhaben zu dürfen. Und alle waren sich sofort sicher, dass diese Sally Hawkins, die vorher außerhalb Großbritanniens ein Niemand gewesen war, für ihre Darstellung der Poppy den Silbernen Bären als beste Schauspielerin bekommen müsste.

Den bekam sie dann auch. Und die Einzige, die sich darüber wunderte, war Sally Hawkins selbst. "Ich dachte, mein Kopf explodiert", sagt sie über diesen Moment, als sie erfuhr, dass sie gewonnen hatte. "Einer der wichtigsten Preise, einer mit echter Klasse, und das mir! Es hat mich geradezu umgehauen."

Sie ist jetzt 32 Jahre alt, sie hat bislang im Kino fast immer Nebenrollen übernommen und ist nie groß aufgefallen. Sie muss sich noch daran gewöhnen, plötzlich ein Star zu sein, und gibt sich lieber so, als wäre sie keiner. Während des Interviews in einem dieser hippen Londoner Hotelcafés sitzt keine Presseagentin neben ihr, um aufzupassen, was sie sagt; sie schreckt auf, als ihr Handy vibriert, stellt es aus und entschuldigt sich tausendfach dafür, dass sie das vergessen hat, das sei ihr ja so peinlich; Frisur und das schwarze Künstler-Outfit sehen dezent teuer aus, aber ihr blauer Nagellack blättert ab; sie nimmt sich Zeit, bittet um Verzeihung, wenn sie glaubt, sich beim Schwafeln ertappt zu haben, sie lacht viel, sie wirkt wie ein grundehrlicher, freundlicher Mensch mit sonnigem Gemüt, ein bisschen eben wie ihre Poppy aus "Happy-Go-Lucky", etwas melancholischer und um einiges schüchterner vielleicht, aber genauso charmant.

"Poppy und ich haben wahrscheinlich die gleiche positive Grundeinstellung, aber sie ist klüger als ich, glaube ich", sagt Hawkins über die Rolle, die von nun an immer als der große Fixpunkt ihrer Karriere zitiert werden wird. "Sie ist in ihrem Wesen viel selbstbewusster, sie stellt sich nicht in Frage. Es war richtig befreiend, das zu spielen." Überhaupt sei es bei einem Regisseur wie Mike Leigh unmöglich, zu viel vom eigenen Charakter in die Rolle einfließen zu lassen. "Bei ihm darf man niemals das eigene Leben mit der Rolle mischen. Er prügelt das geradezu in seine Schauspieler hinein", sagt sie. "Die Figuren sollen ihre eigene Seele bekommen und sich nicht die der Schauspieler leihen."

Die Mike-Leigh-Methode des Filmemachens ist legendär und berüchtigt. Der 65-Jährige, der für "Lügen und Geheimnisse" 1996 die Goldene Palme in Cannes und 2004 für "Vera Drake" den Goldenen Löwen in Venedig bekam, arbeitet ohne feste Drehbücher und entwickelt seine Geschichten in monatelangen Proben und Improvisationen zusammen mit seinen Schauspielern. Es soll eine eigene Welt entstehen, den Akteuren ist verboten, mit ihren Kollegen oder auch nur zu Hause über die Rolle zu sprechen, "das darf nur passieren, wenn Mike selbst mit im Raum ist und ausdrücklich dazu auffordert", sagt Hawkins, die über Leigh nur in begeisterten Superlativen spricht. "Man erfährt nicht, was in den Szenen passiert, in denen man nicht mitspielt, nur gerade das, was man selbst sieht und erlebt - eben so, als wäre es das echte Leben. Wenn man mit Mike Leigh dreht, führt man zwei vollständige Leben parallel, eins zur Arbeitszeit und eins zur Freizeit. Das kann anstrengend sein, aber immerhin hat man auf die Weise überhaupt noch ein Privatleben."

"Wenn Mike Leigh dich engagieren will, dann sagst du einfach ja"


Leigh sagt heute, er habe schon lange einen Film um Sally Hawkins herum bauen wollen, sie sei "ungemein kreativ und intelligent". Schon in seinem Arbeiterklasse-Drama "All or Nothing" (2002) spielte sie eine Nebenrolle als junge Arbeitslose, in "Vera Drake" war sie als ungewollt schwangeres Mädchen aus besseren Kreisen zu sehen. Sie hatte sich bewiesen und hoffte auf noch größere Aufgaben, doch dass "Happy-Go-Lucky" ganz allein ihr Film werden würde, das habe sie nicht geahnt, sagt Hawkins.


"Wenn Mike Leigh dich engagieren will, dann sagst du einfach ja und fragst nicht, wie groß die Rolle wird", sagt sie, "und weil es ja kein Drehbuch gibt, erfährst du es auch nicht." Natürlich sei ihr aufgefallen, dass sie ungewöhnlich viel zu proben hatte und es ganz schön viele Szenen gab, in denen sie auftauchte. "Es klingt jetzt blöd, wenn ich behaupte, ich hätte nicht gemerkt, dass ich die Hauptrolle spiele, aber bei Mike weiß man eben nie, was am Ende passiert. Ich wollte diesen Gedanken gar nicht erst zulassen, ich hatte wohl Angst, sonst später enttäuscht zu werden."

Umso schockierter war sie dann, als sie das fertige Werk zum ersten Mal zu sehen bekam. Der Regisseur hatte ihr eine private Vorführung in London organisiert, ganz ohne andere Zuschauer, danach sollte sie in sein Büro kommen, um ein bisschen zu plaudern. "Schon vor dem Screening fühlte ich mich elend", sagt sie. "Ich war so nervös. Was ich während des Films dachte, habe ich wohl ausgeblendet, aber danach bin ich in Tränen ausgebrochen, habe meine Mutter angerufen und - wie sie mir später berichtete - komplett wirres Zeug erzählt." Sie lacht sich fast kaputt, während sie das erzählt. "Verstehen Sie, wenn man zwei Stunden lang auf großer Leinwand mit jeder Zuckung konfrontiert ist, die man unbewusst produziert ... das muss man erst mal verkraften." Als sie danach in Leighs Büro ankam und sich etwas beruhigt hatte, konnte sie ihm allerdings auch nichts Erhellendes erzählen. "Er wollte wissen, was ich davon halte. Aber was sollte ich ihm schon sagen? Etwa: ,Ich fand mich wundervoll'? Das ging einfach nicht."

Indes sammelt Sally Hawkins weitere berühmte Fans. Woody Allen ("Er ist ein Gott!") besetzte sie als blonde Freundin von Colin Farrell in seinem Kriminallehrstück "Cassandras Traum", das momentan in den Kinos läuft. Wenn man Allen fragt, was er von ihr hält, fällt ihm zuerst "hochbegabt" ein und dann "sehr charmant". Als Nächstes sieht man sie ("nur in einer Szene, aber ich glaube, die war wichtig") in Lone Scherfigs "An Education", danach in Sherry Hormans Fassung von Waris Diries Autobiografie "Wüstenblume".

Vorher wird sie miterleben müssen, wie sie langsam auf der ganzen Welt immer dort zum Star wird, wo "Happy-Go-Lucky" gerade anläuft. Besonders in den USA dürfte es interessant werden, da ist der Start für den 26. September geplant. Das liegt wohl nicht ganz zufällig genau in der Zeit, in der traditionell die Filme herauskommen, die ein paar Oscar-Nominierungen abbekommen sollen. Für die Hauptdarstellerinnen in Filmen von Mike Leigh hat die Academy schon mehrfach eine Schwäche bewiesen: Sowohl Brenda Blethyn für "Lügen und Geheimnisse" wie auch Imelda Staunton für "Vera Drake" wurden nominiert. Hawkins weigert sich natürlich, auch nur darüber nachzudenken.

Doch tief in ihr drin, da weiß sie es wohl auch. Vielleicht bekommt ihr Silberner Bär bald Gesellschaft von einem nackten goldenen Mann.