"Spanglish": Die Sprache des Herzens - DER SPIEGEL
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"Spanglish" Die Sprache des Herzens

Eine mexikanische Hausangestellte und ein Familienklüngel neurotischer Amerikaner: Die Mischung ist perfekt für Klischees und Klamauk. Unter der Regie von James L. Brooks wird aus dem Culture Clash jedoch eine charmante Komödie - und ein Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit.
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Einen der treffendsten Kommentare zum Kino des James L. Brooks lieferte der 1940 geborene Produzent, Autor und Regisseur von "Spanglish" selbst, und zwar in einer Szene seines zweiten Spielfilms "Nachrichtenfieber " (1987). Darin sorgt die Fernsehredakteurin Jane (Holly Hunter) für Hektik bei den Live-Nachrichten, weil sie unbedingt von der aktuellen Aufnahme eines US-Soldaten auf Norman Rockwells berühmte Kriegsheimkehrer-Grafik "The Homecoming" überblenden will.

Der visuelle Kniff gelingt und illustriert zugleich jenes Phänomen, das Brooks' Filme wie "Zeit der Zärtlichkeit" (1983) und "Besser Geht's Nicht" (1997) für Gegner und Anhänger gleichermaßen unverwechselbar macht: In seinen Kinoarbeiten verleiht der TV-Veteran genau beobachteten Alltagssituationen ebenfalls eine schillernde Patina, die durchaus an das Pathos von Rockwells nostalgischem Kunsthandwerk erinnert. Doch nicht nur deshalb stehen Brooks' tragikkomische Ensemblekomödien für den Sonderweg eines bewusst amerikanischen Filmemachers, der sich sowohl von der europäischen Autorentradition als auch vom formelhaften Genre-Kino Hollywoods abhebt.

Mexikanische Pragmatiker, amerikanische Traumtänzer

Dabei verschiebt er für "Spanglish" zumindest zeitweilig die etablierten Sprach- und Ortsgrenzen seiner bisherigen Szenarien - schließlich will er von der allein erziehenden Mutter Flor Moreno (Paz Vega) erzählen, die auf der Suche nach einem besseren Leben mit ihrer kleinen Tochter Cristina (Shelbie Bruce) von Mexiko in die USA übersiedelt. Im Zeitraffer fasst Brooks die ersten Stationen dieser Migration zusammen, die zunächst im spanischsprachigen Distrikt von Los Angeles endet. Dort schlägt sich Flor jahrelang ohne Englischkenntnisse durch, während sich die zum Teenager herangewachsene Cristina bald schon souverän durch Sprache und Alltagskultur bewegt.

Da sie wegen ihrer zahlreichen Minimallohnjobs kaum Zeit für ihre Tochter hat, sucht Flor eine gut bezahlte Stelle. Sie bewirbt sich als Haushaltshilfe bei der wohlhabenden Familie Clasky und wird trotz anfänglicher Missverständnisse und der unleugbaren Sprachbarriere angestellt. Doch die Claskys sind alles andere als pflegeleichte Arbeitgeber: Der sanftmütige Starkoch John Clasky (Adam Sandler) leidet unter den Gemütsschwankungen seiner exaltierten Gattin Deborah (Téa Leoni), die Kinder Bernice (Sarah Steele) und Georgie (Ian Hyland) sind zunehmend verwirrt und Großmutter Evelyn (Cloris Leachman) bewahrt die Ruhe nur mit Hilfe eines strammen Alkoholkonsums.

Trotz des festen Vorsatzes, sich auf keinen Fall emotional auf ihre neue Umgebung einzulassen, wird die willensstarke Flor zunehmend vom hochsentimentalen Neurotikerclan vereinnahmt. Und weil sich Cristina sofort bereitwillig auf diese Familienpackung amerikanischer Traumtänzer einlässt, sieht sich Flor letztlich genötigt, mehr als nur ein Dienstleistungsverhältnis mit den Claskys einzugehen.

Lost in Translation

Natürlich ist die Versuchsanordnung für das transkulturelle Kennenlernspiel mit Anfassen klar umrissen. Doch James L. Brooks Stärke war ohnehin nie die kühne Dramaturgie, sondern das Gespür für Situationen, Charaktere und vor allem Dialoge. Dass in "Spanglish" tatsächlich in den beiden titelgebenden Sprachen gescherzt, gelitten und getröstet werden darf, zeugt jedenfalls von beachtenswerter Konsequenz. Das Original verzichtet sogar auf Untertitel in jenen Szenen, in denen Cristina nicht als überforderte Dolmetscherin ihrer Mutter auftritt. (Man kann gespannt sein, was die deutsche Synchronfassung von diesen reizvollen und wichtigen Leerstellen des Nichtverstehens übriglassen wird.)

Sie geben den Rhythmus für die Szenen zwischen Paz Vegas' argwöhnischer Familienseelsorgerin wider Willen und Adam Sandlers warmherzigen Anti-Patriachen vor, wobei die wachsende sprachliche Annäherung zwischen beiden zugleich die Wahrscheinlichkeit eines verbotenen Körperkontakts steigert. Klug vermeidet der Film hierbei das Klischee einer schwiemeligen Pygmalion-Variante: Niemand wird erzogen, vielmehr wachsen die Figuren durch gleichberechtigten und humorvollen Schlagabtausch.

So kann Flor zwar hellsichtig die emotionalen Defizite der Claskys anprangern, muss sich jedoch angesichts der eigenen Verfehlungen in Erziehungsfragen berechtigterweise Heuchelei vorwerfen lassen. Denn wie in allen Brooks-Komödien geht es keineswegs um strahlende Gutmenschen, sondern um dass, was ein vom jiddischen so treffend ins amerikanische exportiertes Wort umschreibt: Mensch - die liebevolle Bezeichnung für eine vielleicht mal irrende, stets aber mitfühlende, sympathische und aufrichtige Person.

Linksliberale Liebeserklärung

In Adam Sandler hat Brooks eine neue Verkörperung seines Prinzips Mensch gefunden, und der sonst so rabiate Komiker füllt seine zurückgenommene Rolle mit glaubwürdiger Hingabe aus. Wo Paul Thomas Andersons Liebesfabel "Punch-Drunk Love" lediglich eine kunstvoll stilisierte Variante der Sandlerschen Rabaukenrolle präsentierte, zeigt "Spanglish" einen fast gänzlich vom eigenen Blockbuster-Ballast befreiten Schauspieler.

Hier zeigt sich auch eines von Brooks großen Talenten: Unter seiner Regie gewannen Shirley MacLaine und Jack Nicholson Oscars, Holly Hunter schaffte den Durchbruch in die A-Riege der Schauspielerinnen. Der vielleicht bezeichnendste Erfolg jedoch war Helen Hunts Oscar für ihre Leistung in "Besser Geht's Nicht". Schließlich war sie die erste Schauspielerin, die einen Academy Award erhielt, während sie noch in einer TV-Sitcom ("Mad About You") mitwirkte: Für Brooks, der selbst zahlreiche Kapitel der US-Fernsehgeschichte mitgeschrieben hat, war dies nach seinen eigenen Oscar-Trophäen ein weiterer Triumph.

Denn allzu leichtfertig werteten Kritiker seine eleganten Wortgefechte und pointierten Szenenfolgen als simple Ableger einer fast 40-jährigen Fernseharbeit ab. Brooks schuf mit der "Mary Tyler Moore Show" die Mutter aller modernen Sitcoms, die allein drei Spin-Offs hervorbrachte. "Rhoda" war einer davon, und präsentierte erstmals eine jüdisch-amerikanische Figur als Titelheldin einer Prime-Time-Serie. "Taxi" wiederum machte Danny DeVito und Andy Kaufman zu Stars, und ohne den visionären Produzenten Brooks wären Matt Groenings "Simpsons" wohl nie zum weltweiten Medienphänomen aufgestiegen.

Gegenüber dem TV-Revolutionär nimmt sich der Filmemacher Brooks deutlich konventioneller aus, und niemand sollte von "Spanglish" eine politische Einschätzung der Misere mexikanischer Migranten erwarten. Und doch findet sich im stimmigen Ensemblespiel wieder jener linksliberale Amerikanismus, welcher letztlich sogar die gefühlige "Zeit der Zärtlichkeit" mit den anarchistischen "Simpsons" vereint: Nicht das konservative Ideal der biologischen Familie bringt uns weiter, sonder nur die Idee einer familiären Gemeinschaft Gleichberechtigter.

Zum Glück sind es immer noch diese erweiterten, chaotischen und ganz und gar anrührenden Familien, die James L. Brooks liebevoll in Norman Rockwells goldenes amerikanisches Licht taucht.


"Spanglish"

USA 2004. Regie und Buch: James L. Brooks. Darsteller: Adam Sandler, Téa Leoni, Paz Vega, Cloris Leachman, Shelbie Bruce, Sarah Steele, Ian Hyland. Produktion: Columbia Pictures, Gracie Films. Verleih: Sony Pictures. Länge: 131 Minuten. Start: 7. April 2005.