"Spurwechsel": Ethisches Frühlingserwachen - DER SPIEGEL
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"Spurwechsel" Ethisches Frühlingserwachen

Ein schwarzer, alkoholkranker Underdog kämpft um ausgleichende Gerechtigkeit und stürzt einen weißen Star-Anwalt ins moralische Dilemma: In dem mit Ben Affleck und Samuel L. Jackson hochkarätig besetzten Sozialdrama "Spurwechsel" kollidieren Klassen, Interessen und Lebensläufe.
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Sie hätte einen ehrlichen Mann heiraten können, sagt die schöne junge Frau; stattdessen habe sie lieber einen gewählt, der alles tun würde, um richtig Geld zu machen. Man arbeite nicht an der Wall Street, wenn man dazu nicht bereit sei, fügt sie noch hinzu und schenkt dabei ihrem Ehemann, dem jungen Star-Anwalt Gavin Banek (Ben Affleck), einen so intensiven Blick, dass der nur noch staunen kann. So sieht sie also aus, die Wahrheit über Erfolg und Macht: roh, kalt, sexy und gefährlich.

Banek steckt zum Zeitpunkt des Zwiegesprächs mit seiner Frau schon bis zum Hals in Schwierigkeiten: Er hat im Auftrag seiner Anwaltskanzlei einen senilen Milliardär um Millionen geprellt. Er hat bei einem Autounfall eine Akte verloren, die seiner Kanzlei eben jene Millionen garantiert. Er muss die Akte zurückbekommen, die sich nun aber im Besitz von Doyle Gipson (Samuel L. Jackson) befindet. Aber dieser Doyle, ein verzweifelter, in einen Scheidungskrieg verwickelter alkoholkranker Mann, will sie einfach nicht wieder hergeben.

Er hat auch allen Grund, sauer zu sein: Nach einem Zusammenstoß beim titelgebenden Spurwechsel auf der Stadtautobahn ließ Banek ihn einfach stehen. "Mehr Glück beim nächsten Mal!" rief er dem verdatterten Doyle noch zu und brauste davon. Der mies bezahlte Versicherungs-Vertreter kommt deshalb zu spät zu einem Gerichtstermin, wo er das Besuchsrecht für seine Kinder erstreiten wollte. Als er wütend in den Gerichtsaal hetzt, ist alles schon entschieden; seine Frau verlässt wortlos den Raum.

Doch Doyle hat Baneks Akte, und so beginnt ein rachsüchtiger Kampf der sozial Ungleichen, der beharrlich eskaliert. Banek lässt durch einen zwielichtigen Computerspezialisten Doyles Konten löschen, Doyle lockert im Gegenzug die Radmuttern an Baneks Wagen. Eben alles, was Männern - je nach Erfindungsgeist und finanziellen Mitteln - so einfällt, um sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.

Natürlich ist der Streitwert dieser Auseinandersetzung nicht finanzieller oder gesellschaftlicher Natur. Zur Disposition steht die moralische Statur der Helden. Dort, am Tisch mit Cynthia (Amanda Peet), seiner so schönen wie korrupten Ehefrau, dämmert Banek, dass etwas an seinem bisherigen Karriere-Leben faul sein muss. Ein ethisches Frühlingserwachen also - "Spurwechsel" spielt an Ostern - wird hier bebildert: Dem Top-Anwalt vergeht das überhebliche Grinsen über so viel spätkapitalistischer Schlechtigkeit.

Doyle, selber beschäftigt mit den Ungerechtigkeiten des Systems und anders als Banek viel unmittelbarer ihr Opfer, ist hier der Geburtshelfer der Ideologiekritik. Sein Beharren auf ausgleichender Gerechtigkeit treibt Banek immer weiter ins moralische Dilemma. Am Ende wartet eine Versöhnung auf die Helden - und die Einsicht, dass man die kulturellen Strukturen, die einen hervorgebracht haben, nicht hintergehen kann.

"Spurwechsel" ist ein ambitionierter Film: Er will Thriller sein und moralische Parabel, Drama und Realsatire. Vor allem aber ist er ein sozialutopisches Märchen, getragen vom Glauben, die Kollision der Klassen habe die Erosion ihrer Grenzen zur Folge. Denn das ist ja die große integrative Leistung dieser Männerfehde: Der weiße Angelsachse mit Harvard-Diplom und der afroamerikanische, suchtkranke Underdog teilen - wenn auch im Streit - einen Tag lang dasselbe Leben.

"Spurwechsel" ("Changing Lanes"). USA 2002. Regie: Roger Michell; Buch: Chap Taylor und Michael Tolkin; Darsteller: Ben Affleck, Samuel L. Jackson, Toni Colette, Sydney Pollack, Armanda Peet, Kim Staunton, William Hurt; Produktion: Paramount Pictures, Scott Rudin Productions; Verleih: UIP; Länge: 100 Minuten; Start: 7. November 2002