Agentenkomödie "Spy": Roller statt Bentley
Melissa McCarthy und Paul Feig "Beim Film ist die Kacke immer am Dampfen"
Mit ihrem ersten gemeinsamen Film "Brautalarm" (2011) haben Schauspielerin Melissa McCarthy und Regisseur Paul Feig eine kleine Revolution in Hollywood angezettelt: Entgegen den Befürchtungen der Filmindustrie war die Komödie mit lauter weiblichen Stars ein Kassenknüller und zwei Mal für den Oscar nominiert. McCarthy kannte man bis dahin aus TV-Serien wie "Gilmore Girls" und "Mike & Molly"; Feig hatte die Highschoolserie "Freaks and Geeks" erdacht. Seitdem habe Feig und McCarthy zusammen "Taffe Mädels" gedreht. In dieser Woche startet nun ihr dritter gemeinsamer Film "Spy - Susan Cooper Undercover".
SPIEGEL ONLINE: Mr. Feig, welche Idee war bei "Spy" als erstes da: eine Agentenkomödie zu drehen oder endlich Melissa McCarthy als alleinige Hauptfigur zu haben?
Feig: Ich wusste seit "Brautalarm", dass Melissa einen Film alleine tragen kann. Ich wusste nur nicht, bei welchem unserer Projekte es so weit sein würde. Als ich "Spy" schrieb, dachte ich, dass sie wegen ihrer TV-Serie "Mike & Molly" gar nicht verfügbar wäre, weshalb ich den Film ganz allgemein für eine lustige und liebenswürdige Frau geschrieben habe.
McCarthy: Und dann habe ich darum gebettelt, die Rolle spielen zu dürfen. Ich war mit meinem Mann Ben bei Paul zum Essen eingeladen. Sobald Paul von dem Film zu reden begann, hab ich ihn so lange ausgefragt, bis er mir das Drehbuch zum Lesen gab. Als ich auf Seite vier angelangt war, war ich schon verliebt. Am nächsten Tag habe ich ihn angerufen und um die Rolle gebeten.
SPIEGEL ONLINE: Was genau hat Ihnen an Susan Cooper so gefallen?
McCarthy: Ich mochte sehr gern, wie sie am Anfang mit ihrem Kollegen im Außendienst kommuniziert, ihm vom Büro aus Anweisungen gibt und gleichzeitig für ihn schwärmt. Außerdem fand ich toll, dass sie eine ausgebildete Agentin ist, aber eine, wie man sie noch nicht gesehen hat.
Vom Büro in den Undercover-Einsatz: Melissa McCarthy als Susan Cooper
Foto: 20th Century FoxSPIEGEL ONLINE: Mussten Sie das Drehbuch verändern, als klar war, dass Melissa die Hauptrolle übernimmt?
Feig: Nein, insgeheim hatte ich ja doch sie im Hinterkopf, als ich die Rolle schrieb. Generell ging es mir um eine Person, die sehr gut ist, bei dem was sie tut, aber überzeugt ist, dass sie gar nichts kann. Das erschien mir sehr lebensnah. Bei unseren anderen Filmen waren Melissas Figuren immer sehr forsch. Privat kenne ich Melissa als sehr zuvorkommenden Menschen, weshalb ich es reizvoll fand, mit der privaten Melissa anzufangen und sie im Verlauf von "Spy" immer forscher werden zu lassen.
McCarthy: Man darf selten eine Figur spielen, die sich so stark entwickelt wie Susan. Mit seiner Figur bei A anzufangen und jenseits von Z aufzuhören, das ist der Traum eines jeden Schauspielers. Außerdem spielt Susan im Film ja selbst noch mehrere Undercover-Figuren - wirklich, was will man mehr?
Feig: Wobei wir uns auch einig sind: Man darf sich nicht von Verkleidung zu Verkleidung hangeln nach dem Motto: "Jetzt bist du eine Südstaaten-Lady!" Das finde ich schmierig. Es muss noch Platz für Charakternuancen sein, die Verkleidungen sind Teil ihres Jobs und nicht einfach nur Gags.
McCarthy: Genau, Susan muss noch in jeder Verkleidung als Mensch erkennbar sein.
Undercover muss Susan Cooper eine Touristin mit zweifelhaftem Outfit spielen
Foto: 20th Century FoxSPIEGEL ONLINE: Im Film stöhnt Susan immer wieder darüber, was für unvorteilhafte Undercover-Identitäten sie übernehmen muss: Zum Beispiel Katzenliebhaberin mit kurzen grauen Löckchen und wallendem Rock. Eine kleine Stichelei von Ihnen, Mr. Feig?
Feig: Überhaupt nicht, sie liebt das!
McCarthy: Das stimmt. Ich gehe immer als erstes in einen Perückenladen, dort habe ich auch die Perücke mit den kurzen grauen Löckchen gefunden. "Willst du die wirklich tragen?", haben mich die Leute gefragt. Natürlich! Das macht für mich den Spaß bei der Schauspielerei aus: Du verwandelst dich soweit wie möglich in jemand anderen. Und je mehr ich wie jemand anderer aussehe, desto näher fühle ich mich der Figur. Außerdem war ich zur Vorbereitung der Rolle in engem Kontakt mit einer tatsächlichen Agentin. Die hat mir gesagt, dass ich bei Undercover-Einsätzen nichts Glamouröses erwarten darf - das Ziel ist es, in der Masse unterzugehen. Insofern ist unser Film ziemlich realistisch.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Feig, Sie haben gesagt, dass Sie "Spy" keinesfalls als Parodie auf Agentenfilme verstanden wissen wollen. Was stört Sie an Parodien?
Feig: Ich störe mich nicht generell an Parodien. Ich möchte sie nur nicht selbst machen, weil es in Parodien um keine echten Einsätze geht. Aber nur so kann man das Publikum fesseln - man muss sich um die Hauptfiguren ernsthaft Sorgen machen. Wenn du einen albernen Bösewicht hast, geht das schlecht. Ich möchte richtige Geschichten erzählen, bei denen die Gefahr und die Action echt sind. Da auch noch Comedy reinzubekommen, ohne alles andere über den Haufen zu werfen, ist dann eine Frage des Tonfalls.
Im Kellerverlies muss Susan erkennen, dass sie in ernsthafter Gefahr ist
Foto: 20th Century FoxSPIEGEL ONLINE: Wie entwickeln Sie diesen Tonfall am Set?
Feig: In einer Szene in "Spy" sitzt Melissa gefesselt in einem Keller. Als wir die geprobt haben, habe ich zu früh die Idee in den Raum geworfen, dass Rose Byrne, die die Bösewichtin spielt, Melissa ständig mit falschem Namen anspricht. Das ist sehr schnell sehr albern geworden und hat die Szene ins Cartoonhafte kippen lassen, weshalb ich sie sofort abgebrochen habe. In dieser Szene musste Rose bedrohlich fluchen, damit es stimmig ist. Den running gag mit dem falschen Namen haben wir dann woanders eingebaut.
McCarthy: Das ist die besondere Mischung, die Paul hinbekommt. Mir fällt gerade nichts ein, was vergleichbar wäre.
Feig: Am ehesten vielleicht noch Filme aus den Achtzigern wie "Noch 48 Stunden" oder "Beverly Hills Cop" - lustige Leute, die trotzdem echten Gefahren ausgesetzt sind. Ansonsten wird diese Tonalität aber nicht oft bedient.
McCarthy: Weil sie so schwierig zu treffen ist!
Hochkarätige Besetzung in den Nebenrollen: Jude Law und Rose Byrne
Foto: 20th Century FoxSPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil des Spaßes bei "Spy" kommt durch die glänzend besetzten Nebenrollen. Wie sind Sie auf das Ensemble aus Miranda Hart, Jason Statham und Jude Law gekommen?
Feig: Miranda kenne ich schon länger durch meine Frau, und mit Jason wollte ich auch schon länger mal zusammenarbeiten. Jude kam allerdings aus dem Nichts, den hat unsere Casterin irgendwann ins Spiel gebracht.
McCarthy: Ich kann mir niemand anderen in der Rolle vorstellen! Er war der irritierende Typ, der einen Tag vor Drehbeginn ankam und, weil er vorher noch einen anderen Film gedreht hatte, nicht vorher für die Rolle hatte trainieren können. Gleich am ersten Tag sollte er eine Szene drehen, bei der er wahnsinnig viel laufen, mit mehreren Männer kämpfen und sie schließlich aufs Kreuz legen muss. Das hat Jude alles aus dem Stand selbst gemacht! Sogar unsere Stuntmänner waren beeindruckt. Ich hatte dagegen für meine Szenen monatelang trainiert!
Feig: Und dann betritt einfach Bruce Lee das Set.
McCarthy: Jude Lee!
SPIEGEL ONLINE: Auch wenn immer wieder neue Leute dazu kommen: Im Kern arbeiten Sie immer wieder mit demselben Team zusammen. Warum?
Feig: Wenn man einen Film dreht, ist die Kacke immer am Dampfen. Man hat einfach nicht die Zeit, um neue Leute einzuarbeiten. Außerdem macht es mir großen Spaß zu sehen, wie die Leute, mit denen ich schon so lang zusammenarbeite, auch aus den kleinsten Rollen noch was machen. Zach Woods zum Beispiel hat eine winzige Rolle in "Spy": Er ist der Typ, dessen Kehle verätzt wird. Zach ist ein brillanter Comedian und hat es geschafft, aus dieser eigentlich ernsten Szene noch einen echten Lacher herauszuholen. Das kriegt man nur von hochklassigen Leuten.
Melissa McCarthy in ihrer Oscar-nominierten Rolle in "Brautalarm"
Foto: ddp images/ UniversalSPIEGEL ONLINE: Sie haben auch immer wieder mit dem Produzenten Judd Apatow gearbeitet. Lange Zeit galt er als Spezialist für Komödien mit derbem Männerhumor. Wie kam es, dass Sie 2011 zusammen "Brautalarm" gemacht haben?
Feig: Judd hatte die Macht, Filme mit überschaubaren Budgets wie unseren - "Brautalarm" kostete um die 32 Millionen US-Dollar - finanziert zu bekommen. Und Hauptdarstellerin Kristen Wiig, die zusammen mit Annie Mumolo das Drehbuch geschrieben hat, war als Ensemble-Mitglied von "Saturday Night Live" sehr beliebt. Deshalb hat Universal angebissen. Aber der Druck war irre. Die Branche hat uns zu verstehen gegeben, dass wir es mit dem Filmemachen vergessen können, wenn "Brautalarm" floppt. Himmel, dachte ich nur, vielleicht versauen wir es jetzt für alle Filme mit weiblichen Hauptfiguren!
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie, Mrs. McCarthy, den Druck auch zu spüren bekommen?
McCarthy: Nein, den hat Paul von uns abgeschirmt. Ich dachte bei "Brautalarm" immer nur: Das ist mein erster Film, bei dem sich die Figuren wie Freunde anfühlen. Eine Szene, über die nicht viel geredet wird, weil es so viele Knaller gibt, ist die, in der die zwei Hauptfiguren frühstücken und einfach nur blöde Witze reißen. So was sieht man in Filmen nie! Frauen müssen entweder niedlich sein oder sich über Männer unterhalten. Aber einfach nur Quatsch reden? Das hat sich für mich wahnsinnig lebensnah angefühlt - und gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob wir damit durchkommen, weil es sonst ja niemand macht.
SPIEGEL ONLINE: Stört es Sie, dass bei Ihren Filmen besonders darauf geachtet wird, wie viel Geld sie einspielen und nicht wie gut sie sind?
Feig: Nein, Geld ist das einzige Mittel, durch das Hollywood unsere Filme schluckt. Es ist schließlich Showbusiness. Auf eine Art ist mir das aber lieber, als wenn man von der Meinung eines Studiobosses abhängig ist. Wenn man die Chance bekommt, kann man sich durch gute Einspielergebnisse beweisen. Der Druck ist aber natürlich immer da - und er ist furchteinflößend.
Als Schreibtischagentin fristet Susan Cooper (Melissa McCarthy) die längste Zeit ihr Leben. Doch dann wird ihr Lieblingskollege Fine (Jude Law) bei einem Einsatz in Europa ermordet - und Cooper muss seine Mission übernehmen. McCarthy ist wie immer rasend komisch, doch diesmal kriegt sie zusätzlich noch Action-Szenen zu spielen und tolle Nebenfiguren an die Seite gestellt. Beste Unterhaltung also für noch nicht so warme Sommerabende. Start am 4. Juni
Sehen Sie hier die Videorezension zu "Spy - Susan Cooper Undercover" :