"Standing In The Shadows Of Motown": Rufe aus dem Evergreen-Museum - DER SPIEGEL
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"Standing In The Shadows Of Motown" Rufe aus dem Evergreen-Museum

Wiedergutmachung mit Macken: Der Dokumentarfilmer Paul Justman will mit seiner Musik-Dokumentation "Standing In The Shadows Of Motown" sechs alte Soul-Brüder vor der Vergessenheit retten - und leistet sich dabei schmerzhafte Ungenauigkeiten.
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"What's going on? - Was passiert hier eigentlich? - sang Marvin Gaye in den siebziger Jahren, und dieselbe Frage müssen sich auch die Funk Brothers gestellt haben, als Motown, die wohl legendärste Plattenfirma des Pop-Geschäfts, 1972 sang und klanglos von Detroit nach Los Angeles zog. Für die Brothers, jene unbekannten Studiomusiker, die für das Label zahllose Hits eingespielt hatten, war dies das Ende vom Lied: Als Motown 1983 sein 25-jähriges Jubiläum feierte, wurde James Jamerson, der ehemalige Bassist der Truppe, noch nicht einmal mehr eingeladen.

"Standing In The Shadows Of Motown", von Paul Justman nach der gleichnamigen Biographie Jamersons gedreht, ist ein Erinnerungs- und Wiedergutmachungsprojekt. Das Künstlerkollektiv Funk Brothers, das von den späten Fünfzigern bis in die frühen Siebziger Stars wie Smokey Robinson, The Temptations, Stevie Wonder und Marvin Gaye zu ihrem Sound verhalf, drohte aus dem kulturellen Gedächtnis komplett zu verschwinden - ein für die Musikbranche nicht unübliches Phänomen. Denn: Wer kennt sie schon, die exzellenten Künstler, die beispielsweise hinter Madonna, Sting oder David Bowie standen und stehen?

Regisseur Justman, Spezialist für Musikdokumentationen, wollte die Funk Brothers der Anonymität entreißen und hat deshalb die noch lebenden Mitglieder zusammengetrommelt, damit sie sich an die alten Zeiten erinnern und ihre Songs mit jungen Stars neu einspielen. Begleitet wird die Nummernrevue von aktuellen Interviews, Archivmaterial, nachgestellten historischen Szenen und einem Off-Kommentar, der leider bestenfalls kitschig, schlimmstenfalls faktisch inkorrekt ist.

So wird erneut das Vorurteil bemüht, dass weiße Musiker wie Elvis die schwarze Kultur für ihren Erfolg geplündert oder dass schwarze Musiker damals kein größeres Publikum gefunden hätten. Dies leugnet sowohl die Vielfalt von Elvis' musikalischen Einflüssen wie die Tatsache, dass ein afroamerikanischer Star wie Jackie Wilson zwischen 1958 und 1963 20-mal in den "Billboard Top 40"-Charts vertreten war.

Dem Groove der großen alten Herren des Soul (das sind hier: Jack Ashford, Joe Hunter, Bob Babbitt, Eddie Willies, Joe Messina, Uriel Jones und der kurz nach Drehschluss verstorbene Johnny Griffith) tut dies letztlich keinen Abbruch. Viel schwerer wiegt die Auswahl der Jungstars, deren Enthusiasmus die Zeitlosigkeit von Motown unterstreichen soll, deren Mangel an Inspiration und Können jedoch schlicht bedrückt.

Warum gerade Joan Osborne und Ben Harper ausladend Raum erhalten, perfekte Songs wie Martha and the Vandellas' "Heat Wave" oder Jimmy Ruffins "What Becomes Of The Broken Hearted" zu verhunzen, bleibt ebenso unklar wie die Logik des Filmschnitts. Der zufolge darf Harper zwar endlos lange auf Marvin Gayes "I Heard It Through The Grapevine" herumkauen; die kongenialen Chaka Khan und Montell Jordan werden bei "Ain't No Mountain High Enough" aber nach kürzester Zeit ausgeblendet.

Dennoch war der Film letztes Jahr in Amerika ein Überraschungserfolg; in unabhängigen Kinos sorgte er für ausverkaufte Säle und erhielt sogar den renommierten New York Film Circle Award. Damit ist eine Institution schwarzer Kultur wieder an die Gegenwart angeschlossen: Der Motown-Sound der Sechziger und Siebziger schien bereits für immer in der Oldie-Ecke der Radiostationen abgelegt. Ihn aus dem Evergreen-Museum befreit zu haben, ist denn auch eine der großen Leistungen dieses eher mäßigen Films.

Die Auseinandersetzung mit HipHop, jener anderen großen Spielart afroamerikanischer Popkultur, bleibt jedoch völlig aus. Sie jedoch wäre interessant, ja brennend wichtig gewesen. Zwar bedienen sich junge Rapper eifrig aus den Archiven von Soul und Funk, das politische Bewusstsein der Ära aber, geprägt von der Bürgerrechtsbewegung, lässt sie weitgehend kalt. Umgekehrt hat die 68er-Elterngeneration nur wenig Verständnis für den Sound der jungen Wilden; er ist für sie gleichbedeutend mit dem kommerziellen Ausverkauf ihrer Kultur.

What's going on? - Marvin Gayes Frage nach dem politischen, sozialen und kulturellen Dilemma der Zeit bleibt jedoch für beide verbindlich: für die Helden des Soul ebenso wie für die Macher des Rap.


Standing In The Shadows Of Motown

USA 2002. Regie: Paul Justman. Buch: Walter Dallas, Ntozake Shange, Allan Slutsky (Vorlage). Mit: Richard "Pistol" Allen, Jack "Black Jack" Ashford, Bob Babbitt, Johnny Griffith, Joe Hunter, Joe Messina, Eddie "Chank" Willis, Benny "Papa Zita" Benjamin. Produktion: Rimshot LLC. Verleih: Arsenal. Länge: 116 Minuten. Start: 3. Juli 2003