Staraufgebot gefährdet Nervöse Spannung in Berlin
Insgesamt 63 Schauspieler und 30 Regisseure stehen auf der Gästeliste der Berlinale. 14.000 Gäste aus mehr als hundert Ländern werden zu dem vom 7. bis 18. Februar dauernden Festival am Potsdamer Platz erwartet. Die roten Teppiche liegen bereit, die Security-Dienste sind in Aufruhr und die Catering-Firmen gestresst. Doch vielleicht ist der ganze Rummel umsonst.
Wegen eines drohenden Streiks im Tarifstreit zwischen Filmgesellschaften und Schauspielern in Hollywood ist die vorliegende Gästeliste vielleicht nur noch ein frommer Wunsch. In einer Woche beginnt die Berlinale, doch das Staraufgebot in Berlin könne sich "von Tag zu Tag" ändern, sagte Festivalchef Moritz de Hadeln auf einer Pressekonferenz am Dienstag. Wo letztes Jahr noch die große Hatz auf "Titanic"-Star Leonardo DiCaprio die Regenbogenpresse eine Woche in Hektik versetzte, haben jetzt vielleicht endlich mal unbekannte Größen die Chance auf internationale Resonanz.
Noch-Festivalleiter de Hadeln versprach zumindest den Besuch von Sean Connery, Juliette Binoche, Anthony Hopkins und Johnny Depp, und auch Sylvie Testud, Jude Law, Joseph Fiennes, Bob Hoskins und Rachel Weisz sowie die Regisseure Ridley Scott und Spike Lee planen ihr Stelldichein. Mit großer Wahrscheinlichkeit kämen auch "Bond"-Darsteller und Frauenschwarm Pierce Brosnan und Kate Winslet ("Titanic"), sagte der 60-Jährige.
Die USA sind in der Filmbranche immer noch tonangebend: Die Berlinale beginnt in diesem Jahr früher, weil auch die Branchenmesse American Film Market in Las Vegas eine Woche eher starten muss - in der Spielerstadt waren zur geplanten Zeit keine Hotels mehr frei. "Berlin leidet unter einem Hotelproblem in Las Vegas", scherzte de Hadeln. Außerdem leidet die Spreemetropole auch noch unter dem amerikanischen Arbeitskampf. Der Tarifvertrag der Filmgesellschaften mit den Drehbuchautoren in Hollywood läuft im Mai, die Vereinbarung mit den Schauspielern im Juli aus. Beide Gewerkschaften verlangen eine höhere Beteiligung an den Einnahmen aus dem Kabelfernsehen. Bei so viel Komplikationen war auch de Hadeln ratlos: Zurzeit gebe es "widersprüchliche Nachrichten" aus den USA über die Auswirkungen des bevorstehenden Streiks auf den Besuch der Stars in Berlin.
Dafür wird die Berlinale zumindest erfolgreich zurückblicken: Der 84-jährige Filmstar Kirk Douglas wird am 16. Februar mit einem Goldenen Bären für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Als Hommage zeigt das Festival 23 seiner mehr als 80 Filme, darunter auch die Klassiker "Spartacus" und "Wege zum Ruhm" des 1999 verstorbenen Regisseurs Stanley Kubrick. Mit einer Neuaufführung von Kubricks bahnbrechendem Science-Fiction-Epos "2001 - Odyssee im Weltraum" wird die Berlinale am 18. Februar zu Ende gehen.
Eröffnet werden die Filmfestspiele am 7. Februar mit der Weltpremiere des Stalingrad-Films "Duell - Enemy at the Gates" von Jean-Jacques Annaud. Mit einem Budget von 180 Millionen Mark gilt der in Brandenburg gedrehte Film als teuerste europäische Produktion aller Zeiten und läuft außer Konkurrenz.
Im Rennen ist dagegen "Hannibal" von Regisseur Ridley Scott. Hauptdarsteller Anthony Hopkins wird die Fortsetzung von "Das Schweigen der Lämmer" auf der Berlinale selbst vorstellen. Angekündigt haben sich auch Pierce Brosnan ("Der Schneider von Panama") und sein Bond-Vorgänger Sean Connery. Letzterer spielt die Hauptrolle in dem Thriller "Forrester - Gefunden!". Als weitere Attraktion ist Juliette Binoche in "Chocolat" an der Seite von Johnny Depp als Schokoladenverkäuferin zu sehen. Steven Soderbergh stellt sich mit dem zweifachen Golden Globe-Gewinner "Traffic" dem Wettbewerb. Und wenn auch Leo DiCaprio diesmal auf Tauchstation bleibt: Seine "Titanic"-Schwimmkameradin Kate Winslet spielt auch dieses Jahr die weibliche Hauptrolle, und zwar in dem Film "Quills - Macht der Besessenheit" über den Marquis de Sade.
Im Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären stehen insgesamt 23 Filme, 16 davon werden in Berlin uraufgeführt. Die deutsche Filmbranche ist neben dem "Duell" nur mit der deutsch-griechischen Co-Produktion "My Sweet Home" von Filippos Tsitos vertreten. "Ich bedauere, dass es nicht mehr sind", sagte de Hadeln. "Aber viele deutsche Filme sind zurzeit noch in der Produktion, darunter ein neues Werk von Tom Tykwer."
Die Berlinale gibt Filmen eine große Leinwand, die diese sonst nicht hätten. Insgesamt rund 680 Filme aus aller Welt werden sichtbar: Starke Wettbewerbspräsenz zeigen in diesem Jahr Großbritannien und Irland mit vier sowie Frankreich und die USA mit jeweils drei Produktionen. Zahlreiche Filme kommen außerdem aus Asien, aber auch Italien, Polen, Spanien, Dänemark, Argentinien und Algerien/Senegal sind dabei. Geboten wird nicht nur ein Wettbewerbsprogramm, in dem 23 Filme um den Golden Bären wetteifern, sondern auch weniger kommerzielle Filmkunst wie das "Panorama"-Programm und das "Internationale Forum des jungen Films", das sich um den Nachwuchs bemüht.
Für de Hadeln ist es das letzte Filmfestival in Berlin. Nach der diesjährigen Berlinale tritt sein Nachfolger Dieter Kosslick von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen sein Amt an. "Ich bin kein Nostalgiker", sagte de Hadeln, "aber ich hoffe, dass ich nach 22 Jahren Berlinale positive Bilanz ziehen kann." Trauer über seinen Abschied kam beim Festivalleiter nicht auf. "Ich bin kein Mensch, der leicht nostalgisch wird. Wir haben noch ein Festival vor uns, dann sehen wir weiter."