Steven Soderbergh Wenn Viagra "Stiffy" hieße...
SPIEGEL ONLINE
: Mr. Soderbergh, ist "Traffic" eher ein Statement oder eine Frage?
Steven Soderbergh: Es ist die Frage: Ist dies das Beste, was wir zu Stande bringen? In den USA wird der Film dafür kritisiert, dass er keine Lösung bietet. Aber zu glauben, man könnte nach einer zweieinhalbjährigen Recherchezeit eine Filmlösung für ein Problem präsentieren, mit dem sich zahlreiche hochintelligente Leute seit drei Jahrzehnten beschäftigen, ist lächerlich.
SPIEGEL ONLINE: Vorbild für "Traffic" war eine gleichnamige britische TV-Reihe. Inzwischen haben Sie von einigen US-Networks Angebote erhalten, eine Fernsehserie aus "Traffic" zu machen...
Soderbergh: Ja, und tatsächlich gehört dies zu den wenigen TV-Projekten, die ich für interessant halte. Es böte sich die Chance, eine öffentliche Diskussion anzuregen. In den USA hat im vergangenen Jahr kaum jemand darüber geredet. Unsere beiden Präsidentschaftskandidaten, die nach allgemeinen Erkenntnissen in ihrer Jugend Drogen genommen haben, haben dazu ebenso geschwiegen wie über ihren politischen Standpunkt zum Thema. Das war genau der Grund, warum wir von den Studios hörten: Das guckt sich kein Mensch an, weil niemand drüber reden will. Ich sehe das anders.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie für die Legalisierung von Drogen eintreten?
Soderbergh: Meine Einstellung dazu hat sich in den letzten zwei Jahren ziemlich verkompliziert. Die einfachste Antwort wäre, den Profitfaktor aus dem Drogengeschäft zu streichen. Leider keine realistische Option, es sei denn, dass alle Länder der Welt Drogen gleichzeitig entkriminalisierten, was in der nahen Zukunft kaum passieren wird. Also muss man darüber nachdenken, was möglich ist. Praktikabel ist etwa, nicht-gewalttätige Drogenabhängige nicht einzusperren. Schließlich stecken wir auch Alkoholiker nicht in den Knast.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst Drogen probiert - Marihuana und psychedelische Pilze. Ihr Fazit aus dieser Erfahrung?
Soderbergh: Man sollte zwischen harten und weichen Drogen unterscheiden, nicht zwischen pharmazeutischen und illegalen Drogen. Wenn Viagra an der Straßenecke hergestellt würde und "Stiffy" hieße, würden Viagra-Benutzer im Knast landen. So gehst du zum Arzt und lässt es dir verschreiben. Und das, obwohl Viagra mitunter tödlich wirkt, während es in den letzten hundert Jahren in den USA keinen einzigen Marihuana-Toten gegeben hat. Bei uns sind gerade sieben Prozent der Bevölkerung auf Grund eines Drogenproblems behandlungsbedürftig. Trotzdem besteht die Regierung darauf, dass es einen unzerstörerischen Freizeitgebrauch von Drogen nicht geben darf.
SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie Ihrer zehnjährigen Tochter, wenn Sie eines Tages Drogen ausprobieren möchte?
Soderbergh: Ich werde ihr sagen, sie soll so lange wie möglich damit warten. Weil es aus entwicklungsbiologischer Sicht ein Riesenunterschied ist, ob eine 14-Jährige oder eine 24-Jährige Drogen probiert.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Hoffnung, dass sich für eine vernünftige Neuorientierung der Drogenpolitik ein politischer Konsens finden lässt?
Soderbergh: Robert Kennedy hat mal gesagt: Ein Fünftel der Amerikaner sind ständig gegen alles. Das sind 50 Millionen Menschen, und die können eine sehr effektive Bremse für Veränderungen sein. Wir werden uns nicht über Nacht in die Niederlande verwandeln, aber gibt Signale eines Umdenkens. Sogar konservative Gemüter geben zu, dass wir sinnlos Gefängnisse voll stopfen und Geld wegwerfen. Es gibt ein menschliches Bedürfnis, Bewusstseinszustände zu verändern, und dieses Bedürfnis wird wohl jeden Drogenkrieg überleben.
Lesen Sie morgen bei SPIEGEL ONLINE eine Rezension zu "Traffic"