Stuntman-Oscar: Lohn der Angst - DER SPIEGEL
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Stuntman-Oscar Lohn der Angst

Einmal im Jahr feiern sich Stuntleute mit einem Action-"Oscar". Diesmal machte sogar ein Deutscher das Rennen, aber auch eine Menge schlechter Erfahrungen mit dem US-Filmgeschäft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Los Angeles - Es war gegen 14 Uhr, als Hermann Joha über einem portugiesischen Strand aus dem Hubschrauber sprang. Das machte ihm nichts aus, denn für spektakuläre Filmstunts ließ sich der fränkische Bauernjunge schon aus Autos, von Brücken oder Hochhäusern fallen. Aber an diesem Tag endete sein Sprung wie das finale Gemetzel eines Horrorfilms.

Joha hechtete "volles Rohr in den Rotor rein". Eine Sekunde später schlug er im Sand auf. Den Fleischsalat an seiner linken Hand bilanzierte der notorische Optimist: "Mittelfinger geht noch, Daumen geht noch. Und den Zeigefinger brauchst du eh nicht."

Das war vor drei Jahren, und Joha, 43, hat mit seiner Prognose Recht behalten. Unverdrossen geht er als Neun-Finger-Mann durchs Leben und fliegt bisweilen sogar einen seiner drei Firmenhubschrauber persönlich. Seine Produktionsfirma Action Concept in Köln-Hürth beschäftigt in Spitzenzeiten bis zu 800 Leute und stellt exklusiv für RTL quotenträchtige Krawall- und Karambolagen-Serien her wie "Alarm für Cobra 11", "Der Clown" und neuerdings "Wilde Engel".

So wurde aus dem Schulabbrecher Joha ein wohlhabender Manager mit 45 Millionen Euro Umsatz, fünf Kfz-Werkstätten und einer eigenen Schule für den Stunt-Nachwuchs. Was will ein Kerl mit derartigen Nehmerqualitäten noch erreichen? Er will Ruhm ernten - und zwar dort, wo er gemacht wird: in Hollywood.

Oscar für die Haudrauf-Branche

Am vergangenen Wochenende kam Joha eingeschwebt wie zu einem Betriebsausflug. Mit Stunt-Kollegen, Schauspielerinnen, Action-Regisseuren, Assistenten und Krawalltüftlern reiste er zur Verleihung der "World Stunt Awards" an, die von ihrem Veranstalter als eine Art "Oscar" der Haudrauf-Branche inszeniert werden. Auch Johas Firma war nominiert.

Dabei sein würden Stars wie Arnold Schwarzenegger, Dennis Hopper, Jennifer Garner und Vin Diesel. Der Preis sollte der Lohn jahrelanger Angst werden. Und er könnte Joha vom Außenseiter zum Insider machen.

Würden. Sollte. Könnte.

Die Stars kamen tatsächlich. Aber als Joha am Montag wieder nach Hause flog, hatte er vor allem gelernt: "Hollywood ist noch viel linker, gnadenloser und extremer, als ich dachte" - auch wenn er den Preis tatsächlich gewann.

Ausgerichtet wurde das Ereignis auf dem Gelände der Paramount Studios von Dietrich Mateschitz. Der schwerreiche Österreicher nutzt die Veranstaltung vor allem, um Werbung für seine Limonade Red Bull zu machen. Nachdem Mateschitz Joha persönlich kennen gelernt hatte, erweiterte der Limonadenfabrikant die Zahl der ausgelobten Kategorien flugs um einen Titel für die besten "Stunts in einem nichtenglischsprachigen Film". So viel Gemauschel darf schon sein.

Autosprung statt Hubschrauberthrill

Nach einigen Besprechungen war alles geritzt. Schon lange bevor der Kölner nach Hollywood startete, wusste er daher, dass seine Jungs ausgezeichnet werden würden - für eine "endgeile" Helikopterszene aus "Wilde Engel": Eine Frau hechtet in letzter Sekunde an die Kufen eines Hubschraubers, ihren Verfolger am Bein, während ihr Boot über einen Damm in die Tiefe stürzt.

Aber als es so weit war, versiegte bei Joha alle Freude. Denn statt des 007-reifen Hubschrauberkunststücks präsentierten die Veranstalter dem Star-Auditorium einen eher lahmen Autosprung als vermeintlich preiswürdigste Leistung.

"So was machen wir vor dem Frühstück", ereiferte sich Joha. Nicht nur Prominente wie Quentin Tarantino wunderten sich, wie die Deutschen damit die Konkurrenz ausstechen konnten. Die Verantwortlichen redeten sich damit heraus, zu wenig Zeit für den Zusammenschnitt der spektakulären Helikopterszene gehabt zu haben. Einer von Johas Mitarbeitern wetterte, das sei ja "geschäftsschädigend", ein anderer vermutete: "Die trauten sich nicht zu zeigen, wie gut wir sind, weil wir so viel billiger produzieren als sie."

Mit dieser Botschaft ist Joha in Hollywood rund um die Preisverleihung hausieren gegangen. Und wieder einmal gewann er die Erkenntnis: "Wie billig wir es machen können - das interessiert die gar nicht." Es interessiere sie auch nicht, "wie gut du bist". Das Einzige, was zähle, sei das Geld, das einer mitbringe.

"Hier wirst du abgezockt"

Auf diese Klientel naiver Finanzjongleure aus Deutschland, die mit Lust ihr Geld verspielen, hat sich im Herzen der Filmindustrie inzwischen eine ganze Schar von Profis spezialisiert. Auch Joha hat sein Lehrgeld bei früheren Besuchen bereits bezahlt: "Hier wirst du abgezockt, wo du auch gehst und stehst."

Diesmal hatte Stehauf-Stuntman Joha zwar am Ende den Preis, war aber auch um eine Enttäuschung reicher. Bis zu seiner nächsten Chance in Amerika will er sich nun an seine alte Erfolgsdevise halten: "Bleibe klein und fein und ernähre dich redlich."

Weil er glaubt, mit RTL-Serien nicht weiter wachsen zu können, möchte er in Deutschland spektakuläre Action-Spielfilme produzieren. Er maßt sich nicht an, gleich einen 100-Millionen-Dollar-Film zu machen. Ihm reicht schon ein deutsches C-Movie mit internationalem Flair und Vertrieb samt einer Story, in der ein oder zwei halbwegs bekannte US-Stars auf unterhaltsame Weise möglichst viel deutsches Inventar zerdeppern.

In Zukunft will er davon drei Stück pro Jahr produzieren. Und wenn er damit alle drei Jahre "einen Kracher" an den Kinokassen landet, dann wäre Joha schon zufrieden. Die Dreharbeiten für seinen ersten Kinofilm haben gerade begonnen.

Das Drehbuch basiert auf seiner RTL-Action-Serie "Der Clown", Premiere soll im nächsten Frühjahr sein. Das Budget liegt bei fünf Millionen Euro - ein Witz für US-Verhältnisse: Allein die Spezialeffekte verschlingen in Hollywood oft ein Vielfaches.

Die Grundregeln des neuen deutschen Action-Genres glaubt Joha begriffen zu haben. Erstens: "Effekt vor Logik". Es soll krachen, krachen, krachen nach der Devise: Viel Lärm um ein Fast-nichts an Story. Regel Nummer zwei: "Keine breit gehauene Nase ohne coolen Spruch". Lachen muss sein, auch wenn's wehtut. Regel drei: "Blut nur wohldosiert". Anders als viele US-Produzenten, verspricht Joha, "zeigen wir kein vermatschtes Hirn im Aufzug, weil da einer mit der Pumpgun reingeschossen hat. Dafür sind wir nicht kaputt genug".

Die größte Zuversicht aber schöpft der multimediale Mittelständler aus nackten Zahlen: Verglichen mit Hollywood sei Deutschland fürs Action-Genre geradezu ein Billiglohnland.

Anders als in Los Angeles gebe es in Köln-Hürth keine teuren Showbiz-Anwälte mit der Mentalität von Straßenräubern, keine Gesprächsvermittler, die pro Kontakt 2500 Dollar einstreichen, keine Schauspielergewerkschaften oder gar Strafgebühren für zu spät an den Set gelieferte Mittagessen.

Und weil seine Firma Stunt-Spitzenware sozusagen "industriell" herstelle, könne er in Deutschland für 5 Millionen Euro ein ebenso schönes Krachbumm-Spektakel liefern "wie ein Hollywood-Studio für 20 Millionen Dollar".

MARCO EVERS