"Swimming Pool" Luder, Lust, Literatur
Einem Swimming Pool haftet im Kino oft Verruchtes an. Ob kristallen klar und glitzernd oder trüb und mit Laub bedeckt - sein Wasser symbolisiert unterschwellige Sehnsüchte und Triebe, auch Tod, Mord und Verderben. Ein Spiegel der Seele, abgründig und von sinnlicher Tiefe. Das erste Opfer des Serienkillers in "Dirty Harry" etwa ist eine auf dem Dach ihres Penthauses schwimmende Frau. Bei Robert Altmans "Short Cuts" beobachtet ein unbefriedigter Poolreiniger ein nacktes Mädchen, während seine Gattin beim Bügeln für einen Telefonsexdienst arbeitet. Die Erschütterung durch einen Felsbrocken, der vom Hang in das Becken stürzt, kündigt in "Sexy Beast" einem ehemaligen Tresorknacker drohenden Ärger an. Und in "La Piscine" ertränkt Alain Delon darin seinen Rivalen.
Dem erotischen Gesellschaftsthriller, 1968 vom vor einigen Tagen verstorbenen Jacques Deray mit Jane Birkin und Romy Schneider gedreht, erweist Frankreichs stilvollster und unberechenbarster Regisseur François Ozon ("8 Frauen") nun eine Referenz. Sein "Swimming Pool" ist anfangs noch mit einer Plane bedeckt, die wie Zement wirkt und für das zugeknöpfte Wesen der Schriftstellerin Sarah Morton (Charlotte Rampling) steht. Die Britin veröffentlicht erfolgreich Krimis, leidet zurzeit aber an Depressionen und einer Schreibblockade. Deshalb hat sie den Vorschlag ihres Londoner Verlegers Charles Dance (John Bosload) angenommen, in dessen französischen Landhaus ungestört an ihrem neuen Roman zu arbeiten.
Still und diszipliniert verlaufen ihre ersten zwei Tage. Sie schreibt im Schlafzimmer an ihrem Laptop, nimmt nur Quark und Wasser zu sich. Als sie sich in ein Straßencafé setzt und ihr der Kellner Franck (Jean-Marie Lamour) etwas Alkoholisches offeriert, lehnt sie ab und bestellt stattdessen Tee. In Sarahs steifer Selbstbeherrschung liegt eine gewisse Komik, und dennoch verleiht Rampling selbst dieser Akkuratesse eine anziehende Anmut.
Nachts darauf steht dann plötzlich Julie (Ludivine Sagnier) in der Diele. Sie stellt sich als die Tochter von Dance vor und will sich einige Tage vom Arbeitsstress erholen. Sarah ist irritiert, vermag es aber nicht, den ungebetenen Gast abzuweisen. Das blonde Mädchen ist das exakte Gegenteil der alternden Autorin. Die 20-Jährige ist kokett und schlampig, raucht, säuft und bringt jeden Abend einen anderen Liebhaber mit. Das Lallen und die Lustschreie dringen bis in Sarahs Raum, die sich die Ohren verstopft.
Und am nächsten Morgen ist der Swimming Pool offen. Nackt zieht Julie einige Bahnen und legt sich anschließend verkatert in die Sonne. Der greise Hausmeister Marcel (Marc Fayolle), der heimlich nach Sarah blickt, schöpft die letzten Blätter aus dem Becken. Auf dem Tisch stehen Wein und Käse. Sarah ist zunächst empört, kostet aber schon mal heimlich hastig von den Leckereien. Von Tag zu Tag bricht sie etwas mehr mit ihren Prinzipien, redigiert ihre Texte im Liegestuhl am Poolrand, kleidet sich legerer und interessiert sich immer stärker für Julie. Sarah schnüffelt in deren Tagebuch, flirtet mit dem nicht uninteressierten Franck. Und bald ist ihr Buch fast fertig.
Dann geschieht noch ein Mord. Wer der Täter ist, wird schnell klar. Denn Ozon geht es hier nicht um einen Krimiplot, sondern um Atmosphäre. Mit voyeuristischer Distanz verfolgt er die beiden Frauen, manche Szenen muten wie ein schwüler Tagtraum an. Ob Julie für Sarah eine Inspiration- oder doch nur Phantasiefigur, womöglich ihr Alter ego ist, kann man sich auch am Ende noch selbst zusammenreimen.
Vor allem aber ist "Swimming Pool" ein Film der beiden großartigen Hauptdarstellerinnen. Neben der Souveränität von Charlotte Rampling brilliert Ludivine Sagnier als Luder mit einem beispiellosen Hauch von Haltlosigkeit und Tragik. Ihre Erotik liegt dabei nicht in der Freizügigkeit. Es sind kleine Gesten, die sie so frivol und lasziv machen, ihr schlurfender Gang am Morgen, das mal kecke, mal zickige Lachen, die Haltung der Mundwinkel, der manchmal leere Blick, der Wechsel vom unbekümmerten Mädchen zum Männertraum. Verführerischer hat ein Swimming Pool noch nie ausgesehen.
Swimming Pool (Swimming Pool)
F 2003. Regie: François Ozon; Drehbuch: François Ozon,
Emmanuèle Bernheim; Darsteller: Charlotte Rampling, Ludivine Sagnier,
Jean-Marie Lamour, Marc Fayolle, John Bosload; Produktion: Fidélité;
Verleih: Constantin; Länge: 102 Minuten; Start: 14. August 2003