Tageskarte Kino Kriegt Kinder!
Vorbei die Zeiten der schmucklosen, kalten Kreißsäle in ihrer sterilen Ungemütlichkeit. Geburt in Hockstellung erwünscht? Kein Problem. Gebärwanne? Standard. "Alles ist möglich", sagt eine Geburtshelferin in Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm "Der lange Weg ans Licht", denn jeder will sie zu sich locken, die wenigen Schwangeren im Land, da muss man ihnen schon etwas bieten können.
Die Deutschen altern, und die Kinder werden rar, und nirgendwo ist das Problem größer als im Osten des Landes. Denn diejenigen, die überhaupt noch Kinder bekommen könnten, entscheiden sich dort vielfach zum Umzug in den Westen, und wer übrig bleibt, überlegt sich zweimal, ob man sich ein Kind überhaupt leisten kann. Weil sich ja fast jeder Sorgen macht, wer eigentlich später seine Rente bezahlen soll, sind auch alle schwer besorgt, doch für die meisten ist es eben ein Problem der Zukunft, und vielleicht hegt man ein bisschen die Hoffnung, dass sich das schon noch irgendwie lösen lasse.
Regisseur Wolfsperger hat sich jedoch derer angenommen, die schon jetzt direkt betroffen sind, und das sind erstmal die, die ihr Geld damit verdienen, andere Menschen auf die Welt zu bringen, und das dort, wo es kaum noch etwas für sie zu tun gibt: in der sächsischen Provinz.
Und so lässt Wolfsperger sie zu Wort kommen und für ihre spezielle Methode der bestmöglichen Geburtshilfe Werbung machen die erfahrene Hebamme aus Meerane, die auf fürsorgliche Begleitung ohne Schnickschnack und ein Minimum an ärztlicher Hilfe setzt ("Wer ein Kind kriegt, ist ja nicht krank!"), zwei Klinikärzte, die von ihrem hochmodernen aber trotzdem lauschigen Kreißsälen schwärmen. Oder die beiden Frauen, die ein Geburtshaus in Chemnitz eröffnet haben, wo man sein Baby auf einer kuscheligen Kissenlandschaft bekommen kann, während man sich an ein buntes Tuch krallt, das von der Decke hängt ("sehr beliebt"). Es sind amüsante Szenen eines rabiater werdenden Konkurrenzkampfes, und es sind die schönsten des Films, humorvoll und melancholisch, ohne die Protagonisten lächerlich machen zu müssen.
Uneingeschränkte Heldin von "Der lange Weg ans Licht" ist die liebenswerte Hebamme Edeltraut Hertel, die auch in Tansania arbeitet und als lebende Werbetafel für mehr Schwangerschaften ständig über die Freuden der Geburt doziert, ohne dabei abgesehen von einem eher unglücklichen Exkurs zum Thema Abtreibung in missionarischen Eifer zu verfallen. Regisseur Wolfsperger macht sich unverhohlen mit ihrer Sache gemein, und so wird der ganze Film langsam zu einer leisen Aufforderung zum Kinderkriegen.
Man muss gar nicht darauf hören, um sich von "Der lange Weg ans Licht" bestens unterhalten zu lassen. Und wenn es doch jemand tut nur zu.