Talent-Campus Berlinale sucht den Superstar
Ioan Allen ist ein Profi. Er ist schon lange im Filmbusiness. Allen ist Vize-Chef der Forschungsabteilung bei Dolby Digital in San Francisco. Das berühmte und weit verbreitete "Dolby Surround", das momentan für den Homevideo- und DVD-bereich standardisiert wird, hat er maßgeblich mitentwickelt. Nun steht er im Auditorium des Talent-Campus und hält seine Vorlesung "How does this sound to you". It sounds good: Seine Vorlesung ist eine Mischung aus Uniseminar, Filmvortrag und Werbeveranstaltung.
Im Auditorium sitzen aber keine Studenten. Die meisten Talente sind zwar jung, aber sie haben die Filmhochschule oder ähnliche Ausbildungen schon hinter sich. Für die Bewerbung mussten sie professionelle Arbeitsproben abliefern. Sie haben schon einen Kurzfilm gedreht, ein Drehbuch geschrieben oder einen Film mitproduziert. 520 Filmfreaks aus 84 Ländern treffen sich nun für sechs Tage im Haus der Kulturen der Welt. Die Veranstalter verschaffen ihnen eine Akkreditierung, mit der sie abends noch das Berlinale-Programm nutzen können. Für die Unterkunft ist auch gesorgt. Die Reisekosten erstattet der Talent-Campus allerdings nur teilweise. Durchfuttern können sich die Talente auf Partys und Empfängen.
In der "Schwangeren Auster", wie das geschwungene Kulturhaus an der John-Foster-Dulles-Allee in Berlin genannt wird, herrscht Aufbruchstimmung und Interrail-Atmosphäre. Kommuniziert wird in Englisch. Alle sind cool. Alle sind gut drauf. Das ist auch verständlich, denn Campus-Manager Thomas Struck und sein Team haben die Filmschaffenden aus 3600 Bewerbern ausgewählt. Die Teilnahme am Talent-Campus wird von vielen als Auszeichnung empfunden, die sich auch im Lebenslauf gut macht.
Dolby-Chef Allen hat seine höchste Auszeichnung 1989 mit dem Oscar erhalten. Er wirkt wie einer, der Filmgeschichte geschrieben hat. Hat er letztlich auch, denn das kalifornische Unternehmen hat den Filmsound revolutioniert. Vielleicht zeigt er den Talenten deswegen erst einmal, wer der Chef im Auditorium ist. Wie in großen Sälen üblich, sitzen einige Zuhörer in den hinteren Reihen. Denen macht er erst einmal klar: "Wer hinten sitzt, sitzt falsch. Geht nach Hause und guckt Fernsehen". Hinter der Maßregelung steckt aber auch reiner Pragmatismus: Die Sound-Beispiele, die Allen mitgebracht hat, hören die Zuschauer nur dann richtig, wenn sie etwa in der Mitte des Saals sitzen.
Eines verdeutlicht der Vortrag sehr gut: Ohne die Industrie läuft in der Filmbranche gar nichts. Die Künstler brauchen die Firmen und ihre Technik. Aber die Firmen können ihre Entwicklungen auch nur durch die Werke der Künstler verwirklichen. Deshalb besteht die Abhängigkeit in beide Richtungen. Natürlich wollen Hardware-Firmen wie Dolby oder Kodak Werbung für ihre Produkte machen und diese möglichst häufig verkaufen. Doch am Beispiel von Allen sehen die Zuhörer auch, dass die Firmenchefs genauso wie die Filmemacher von der Leidenschaft und Liebe fürs Kino getrieben sind.
Allens Veranstaltung mit dem viel versprechenden Untertitel "Two-hour history of stereo in the movies" ist dennoch nicht gut besucht. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten bereits wissen, wie sich der Sound in hundert Jahren Film entwickelt hat und wie er funktioniert. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Vorlesung am Morgen nach der Eröffnungsparty stattfindet. Vielleicht sitzen aber auch viele nebenan in der Podiumsdiskussion "Cast your agent". Daniel Brühl ("Was nützt die Liebe in Gedanken") erzählt darin von seinen Erfahrungen. Seine Worte sind wichtig, denn er ist in Deutschland mittlerweile ein begehrter Schauspieler. Anscheinend hat er einen guten Agenten.
Die beiden Veranstaltungen waren für "talents only". Für einige Talent-Campus-Events verkaufen die Veranstalter aber auch Karten an Gäste. Typische "Public Events" sind zum Beispiel die Panels. Diese Plauderstündchen werden dadurch interessant, dass Star-Regisseure wie Anthony Minghella ("Cold Mountain") aus dem Nähkästchen plaudern. Dieses Jahr dachte er unter anderem mit dem Produzenten Lord David Puttnam ("Killing Fields") darüber nach, was es bedeutet, ein Filmemacher zu sein. Letztes Jahr tat er das auch schon zusammen mit Tom Tykwer ("Lola rennt").
Der Talent-Campus profitiert als Teil der Berlinale natürlich von den prominenten Filmemachern und Stars, die das Festival besuchen. Das schmückt und befördert, denn schließlich will man hoch hinaus mit diesem Forum für Film-Einsteiger, das erst im vergangenen Jahr gegründet wurde. Die Veranstalter versuchen daher, in jeder Hinsicht viel zu machen. Manchmal zu viel. 520 Talente aus 84 Ländern sind eine unüberschaubare Menge. Einige werden sich bis zum Ende der Veranstaltung am Donnerstag nie über den Weg gelaufen sein. Auch das Spektrum der Vorlesungen ist sehr breit: von "Afghanistan: Film, Freedom, Future" bis zu "Pixel and grain: Cinematography of The Lord Of The Rings". Wer so viele Leute einlädt, muss natürlich auch für jeden etwas bieten. Die Veranstalter werden das inzwischen etwas unübersichtliche Angebot wohl eher als Vielfalt interpretieren.
Das Multi-Kulti-Feeling und die Coolness der talentierten Freaks hat sogar den Berlinale-Chef gepackt. Während die Talente bei Büfett, Bier und Bordeaux sich beim "Warming Up" kennen lernten, kam auch Dieter Kosslick auf die Party. Die meisten hatten das erst mitgekriegt als er - noch mit Mantel, Schal und Hut - auf eine kleine Bühne stürmte und das Mikrofon ergriff. Auf Englisch mit starkem deutschen Akzent legt er los wie ein Prediger: "Lernt, kooperativ zu sein! Lernt, tolerant zu sein! Lernt, andere zu respektieren!" Ohne von diesem Duktus abzuweichen, beendete er seine Predigt mit der Aufforderung: "Geht auf die Straßen und zeigt dies alles. Erst dann seid ihr wahre Künstler".